Vulkanausbruch auf La Palma:Krumm ist die Hoffnung

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Vulkanausbruch auf Kanareninsel La Palma: Erntehelfer Yulian Lorenzo im Kampf gegen die Asche

Ikonisches Foto: Erntehelfer Yulian Lorenzo auf La Palma.

(Foto: Kike Rincón/picture alliance/dpa)

Bananen sind während des nicht enden wollenden Vulkanausbruchs auf La Palma zum Symbol der Solidarität geworden und Menschen wie der Erntehelfer Yulian Lorenzo zu Helden: Von der Katastrophe lassen sie sich nicht kleinkriegen.

Von Karin Janker, Barcelona

Als Yulian Lorenzo vor Kurzem Besuch von einem Reporter der spanischen Tageszeitung El País bekam, wusste er nicht recht, wie ihm geschieht. Warum gerade er? Schließlich hatte Lorenzo nur getan, was eben zu tun war: Er hat Bananen geerntet. Lorenzo ist 33 Jahre alt, seit seinem 16. Lebensjahr arbeitet er als Erntehelfer auf den Bananenplantagen von La Palma. Er hat einen siebenjährigen Sohn und sagt, er mag seine Arbeit, auch wenn sie kräftezehrend ist. Gerade ist Haupterntezeit für die Bananen auf den Kanarischen Inseln, doch in diesem Jahr droht der Vulkanausbruch große Teile der Ernte zu vernichten. Also arbeitete Lorenzo so schnell wie möglich, bevor die Lava kam. Und ein spanischer Pressefotograf machte ein Bild von ihm. Auf dem Foto trägt Lorenzo ein schweres, grünes Bananenbüschel auf der rechten Schulter, in seinem Gesicht liest man die Anstrengung. Sein Shirt, die nackten Schultern, das Gesicht - alles voller Asche.

Das Foto von Lorenzo wurde zu einer Ikone für die Widerstandsfähigkeit der Menschen auf La Palma im Angesicht der Naturkatastrophe. Seitdem sich am Nachmittag des 19. September im Höhenzug Cumbre Vieja auf La Palma die Erde aufgetan hat, wälzt sich die Lava durch Dörfer und Bananenplantagen. Mehr als 2600 Gebäude auf der Insel wurden bereits zerstört, etwa 1000 Hektar sind mit schwarzer Lava bedeckt. Die Vulkankette befindet sich im Westen der Insel. Dort ist das Wetter besonders beständig, was nicht nur für den Tourismus ein Vorteil ist, sondern auch für den Bananenanbau. Etwa 10 000 Familien auf La Palma leben von den Plantagen, 50 Prozent der Wirtschaft hängen von ihnen ab. Oder wie Yulian Lorenzo über seine Insel sagt: "Die Banane ist der Anfang von allem."

Es ist nicht nur die Lava, die die Lebensgrundlage der Menschen zerstört, wenn sie Plantagen niederwalzt oder die für die Pflanzen so wichtige Wasserversorgung kappt. Auch die Asche, die der Vulkan unaufhörlich ausstößt und die über dem Höhenzug je nach Wetterlage als schwarze Säule oder dunkle Wolke aufsteigt, bekommt den Bananenstauden nicht. Die Vulkanasche besteht aus feinen, scharfkantigen Partikeln. Ständig rieselt sie nun vom Himmel, die Menschen auf La Palma sind angehalten, Maske zu tragen, am besten solche mit dem höchsten Sicherheitsgrad, FFP3. Auf den Bananenplantagen legt sich die Asche schwer auf die breiten Blätter. Sie bringt die Pflanzen zum Einknicken und zerkratzt nicht nur die Blätter, sondern auch die wertvollen Früchte.

Vulkanausbruch auf Kanareninsel La Palma

Eine Bananenplantage, versunken in Vulkanasche. Hier ist nicht mehr viel übrig von den Früchten, anderswo konnten Erntehelfer sie retten. Aber der strengen spanischen Bananen-Norm entsprechen sie nicht mehr.

(Foto: Emilio Morenatti/picture alliance/dpa/AP)

Wie eine kanarische Banane auszusehen hat, definiert ein spanisches Gesetz aus dem Jahr 2011: Eine Mindestlänge von 14 Zentimetern und eine Dicke von 27 Millimetern hat sie zu haben, eine vom Grün ins Gelbe gehende Farbe außen und zwischen "elfenbein" und "cremefarben" im Inneren. In den Supermärkten Europas sind die Kunden anspruchsvoll. Ebenfalls gesetzlich vorgeschrieben ist, dass in der höchsten Qualitätsklasse nur Früchte in den Verkauf kommen dürfen, deren Schale auf maximal einem Quadratzentimeter Farbabweichungen haben darf. Wobei die kleinen dunklen Punkte, auf Spanisch freundlich motitas genannt, explizit davon ausgenommen sind, sind sie doch Identitätsmerkmal der kanarischen Bananen.

Dass die Bananen, die in diesen Wochen auf La Palma vor dem Vulkan gerettet werden, diese Norm nicht erfüllen können, war dem örtlichen Bauernverband bald klar. Man machte sich auf einen Ausfall in Höhe von 100 Millionen Euro gefasst. Doch einfach geschlagen geben wollten sich die Menschen auf der Insel auch nicht. So kann man nun in Spanien neuerdings "Bananen vom Vulkan" kaufen. Erkennbar an einem schwarzen Aufkleber und einer nicht ganz so einwandfreien Schale. Banane essen wird so zum Akt der Solidarität.

Nur für Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez ging die Strategie nicht auf. Der ließ sich kürzlich am Rande eines offiziellen Termins dabei filmen, wie er eine Banane verspeiste. Angesprochen von jemandem außerhalb des Bildes nuschelte Sánchez, noch immer kauend, er helfe hier den Kanaren. Das Video ging viral, nicht unbedingt zu Sánchez' Vorteil.

Sondergenehmigung für Bananen mit Schönheitsfehlern

Um den Verkauf der Vulkan-Bananen zu ermöglichen, hat die spanische Regierung nun eigens einen Erlass im offiziellen Amtsblatt veröffentlicht: Seit vergangenem Mittwoch ist es ausdrücklich und entgegen der geltenden Norm erlaubt, Bananen mit Schönheitsfehlern zu verkaufen. Voraussetzung: Die Frucht im Inneren muss "gesund, essbar und für den Konsum geeignet" sein.

Giftig sei die Asche ohnehin nicht, sagte Esther Dominguez vom Verband der kanarischen Bananenbauern im spanischen Fernsehen. Und dass der Aufkleber "vom Vulkan" ein Versuch sei, bei den Kunden "das Herz zu erweichen" für die zugegebenermaßen etwas hässlicheren Früchte. Die Vulkan-Bananen sind vergleichbar mit dem Flutwein aus dem Ahrtal: So wie bei den Flaschen, die die Winzer im Juli aus dem Schlamm gerettet haben, ist der symbolische Wert einer vom Vulkan geschwärzten Banane größer als ihr realer.

Passend dazu entdeckt Spanien seine neuen Helden: Menschen, die wie Yulian Lorenzo Tag für Tag unter widrigsten Umständen die 70 Kilo schweren Bananenbüschel aus den Plantagen tragen. 900 Euro pro Monat verdiene er als Erntehelfer, erzählte Lorenzo El País. Ihre Gesichter, von Asche geschwärzt wie die der Feuerwehrmänner am World Trade Center, sind die Gesichter dieser Naturkatastrophe, die sich nun seit fast acht Wochen vor aller Augen abspielt.

Glücklicherweise ist die Banane eine ausdauernde Pflanze. Sie blüht, bildet ihre Früchte, danach stirbt der oberirdische Teil der Staude ab. Aber die Pflanze ist nicht tot. Im nächsten Jahr fängt sie wieder von vorne an. Sie passt also ganz gut zu den Menschen auf den Kanaren, die schon jetzt Pläne machen, wie auch sie wieder von vorne anfangen werden. Nur wann es so weit ist, kann bisher noch keiner sagen.

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