Vulkanausbruch auf La Palma:Eruption mit Ankündigung

Vulkanologen haben seit einigen Jahren mit einem Ausbruch auf der kanarischen Ferieninsel gerechnet. Für viele Bewohner kam er aber dann doch ziemlich plötzlich.

Von Benjamin von Brackel und Elisa Britzelmeier

Als es dunkel wurde und der Nachthimmel die Feuerfontänen noch spektakulärer aussehen ließ, harrten sie weiter aus. Am Ende haben sie die ganze Nacht in Notunterkünften verbracht. 350 Menschen allein auf dem Fußballplatz im Ort El Paso im Süden der Insel, weitere in benachbarten Dörfern, wie die Zeitung El País berichtet. Ihre Wohnungen sind nach dem Vulkanausbruch auf der kanarischen Insel La Palma von der Lava bedroht. Auf zahlreichen Videos im Internet sieht man Rauch, Asche und Steine durch die Luft schleudern.

"Die Nacht war hart und grauenvoll", sagte Sergio Rodríguez, der Bürgermeister von El Paso, am Tag danach im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Schulen blieben geschlossen, noch ist das Ausmaß der Schäden unklar. Im Gespräch mit spanischen Medien schätzt der Bürgermeister die Zahl der zerstörten Häuser allein in seinem Ort auf zwanzig. Die Betroffenen fühlten sich machtlos, sagte Rodríguez. Viele hätten jahrelang für ihre Häuser gearbeitet. Auf Videos ist zu sehen, wie Lava sich über Straßen schiebt, sich in einem Vorgarten türmt und durch ein Fenster quillt.

Lava reaches a house following the eruption of a volcano in Spain

Vulkanologen sehen in den Lavaströmen derzeit die größte Gefahr für die Menschen. Hier Eindrücke aus dem Ort Los Llanos de Aridane.

(Foto: Borja Suarez/Reuters)

"Auch jetzt noch sieht man hier die Funken permanent nach oben sprühen", sagt Dörthe Onigkeit am Telefon. Dennoch seien die Leute relativ ruhig. Onigkeit lebt seit Jahren auf der Insel und arbeitet für eine Webseite, die Ferienunterkünfte vermittelt und ein deutschsprachiges Journal betreibt. Sie gehört zu den 5000 Menschen, unter ihnen auch zahlreiche Touristen, die aus den gefährdeten Gebieten in Sicherheit gebracht wurden. Von Verletzten oder Todesfällen war zunächst nichts bekannt.

Es wirkt wie eine Naturkatastrophe, die wie aus heiterem Himmel über die Menschen auf La Palma hereingebrochen ist. Dabei hat sich der Ausbruch auf dem Gebiet der Vulkankette Cumbre Vieja lange angekündigt.

La Palma, 83 000 Einwohner, liegt ganz im Nordwesten der Kanaren. Beliebt ist die Insel vor allem bei Wanderern und Kletterern, in den Achtzigerjahren galt sie wie La Gomera als beliebtes Ziel von Aussteigern. Anders als etwa auf den größeren und bekannteren Nachbarinseln Teneriffa und Gran Canaria hat sich hier weniger Massentourismus herausgebildet.

Droht jetzt ein Tsunami?

Seit Jahrzehnten blicken auch Vulkanologen aus der ganzen Welt nach La Palma, nicht zuletzt weil die Cumbre Vieja die aktivste Vulkankette der Kanaren ist. Vor 20 Jahren warnten zwei Geowissenschaftler aus Kalifornien und Großbritannien in den Geophysical Research Letters vor einem Ausbruch des Vulkans sowie einem Abbruch der Westflanke. Bis zu 500 Kubikkilometer Felsgestein könnten ins Meer schleudern, einen Tsunami auslösen und bis zu 25 Meter hohe Wellen zur Ostküste der USA schicken.

Die Studie erntete viel Kritik unter Vulkanologen. Über Jahre registrierten zumindest aber seismische Beobachtungsstationen, dass sich die Westflanke der Cumbre Vieja mehrere Millimeter pro Jahr bewegte. Vor rund vier Jahren stellten Vulkanologen zudem sogenannte Erdbebenschwärme fest, also eine Reihe kleinerer Beben, zunächst tief im Boden, vom Jahr 2020 an auch in gerade mal zwei bis drei Kilometern Tiefe. "Diese relativ flachen Beben deuteten darauf hin, dass Magma auf dem Weg zur Oberfläche ist", erklärt der Vulkanologe Thomas Walter vom Geo-Forschungszentrum GFZ in Potsdam.

An sich musste das noch nichts heißen, ähnlich verhielt es sich zum Beispiel 2004 auf Teneriffa, ohne dass ein Ausbruch folgte. In den vergangenen Tagen aber registrierten die Messapparate etwa 6600 kleinere und mittlere Erdbeben. Zudem hob sich der Erdboden leicht an. Unter der Oberfläche drückte Magma nach oben, bis das Gestein den Druck nicht mehr aushielt und aufriss.

Am 19. September dann wackelte das Haus von Dörthe Onigkeit schon mittags immer stärker, um 15.12 Uhr Ortszeit kam es zur Explosion. Onigkeit sah einen Erdball in die Luft fliegen, und sie hörte den Lärm, "ohrenbetäubend laut", sagt sie, "wie 20 Düsenjet-Turbinen gleichzeitig".

Ganz genau ließ sich der Ausbruch nicht vorhersagen

Warum aber hat sich die Cumbre Vieja ausgerechnet jetzt entladen? Schließlich liegt der letzte Ausbruch ein halbes Jahrhundert zurück. Ein Muster lässt sich anders als bei vielen anderen Vulkanen nicht ablesen. Zuletzt hatte es im Gebiet der Cumbre Vieja im Jahr 1971 einen Ausbruch gegeben, davor im Jahr 1949 - nach mehr als 230 Jahren Ruhepause. "Im Mittel gab es alle 60 Jahre einen Ausbruch", sagt der Geowissenschaftler Andreas Klügel von der Universität Bremen. "Insofern war ein Ausbruch irgendwann mal wieder fällig."

Wann und wo genau dieser sich ereignen würde, ließ sich aber nicht vorhersagen. Gerade mal eine Woche hatten die Behörden Zeit, um sich vorzubereiten, und müssen nun gegen die Zeit arbeiten. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez versprach schnelle Hilfe: "Die Bürger der Insel können beruhigt sein." Er sagte einen geplanten USA-Besuch ab und flog auf die Insel.

Wie aber steht es mit der Gefahr eines Tsunamis? Vulkanologen wie Walter rechnen jedenfalls nicht damit. Zwar sei ein Kollaps der Westflanke nicht vollkommen auszuschließen, allerdings würde sich dieser sehr wahrscheinlich durch größere Erdbeben und stärkere Flankenbewegungen ankündigen - die es bislang nicht gibt. Der Vulkan müsse aber nun engmaschig überwacht werden.

"Wir wissen, dass es solch einen Kollaps schon gegeben hat", sagt Andreas Klügel. "Aber das ist nicht die augenblickliche Gefahr. Die augenblickliche Gefahr sind die Lavaströme." Der Geowissenschaftler geht mit Blick auf frühere Ausbrüche davon aus, dass noch weitere drei Wochen Lava an die Oberfläche quellen und ein Strom sich seinen Weg bis zur Küste suchen werde. Früher oder später sei dann auch die Küstenstraße im Süden nicht mehr passierbar und der Rettungseinsatz dementsprechend schwierig.

Dörthe Onigkeit rät darum auch Touristen, die eine Reise nach La Palma geplant haben, erst einmal abzuwarten. "Das ist für uns vor Ort das Unangenehme: Man weiß nicht, wie es weitergeht." Eine gute Nachricht hat der Geowissenschaftler Klügel immerhin: Lava ist träge und mit größeren Explosionen ist bei dieser Art Ausbruch nicht zu rechnen.

© SZ/nas
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