Süddeutsche Zeitung

Kurz vor dem Urteil:Was Jörg Kachelmann befürchten muss

Einer der aufsehenerregendsten Prozesse der Mediengeschichte steht vor dem Abschluss. An diesem Dienstag fällt das Urteil gegen den früheren Wettermoderator Jörg Kachelmann. Von Verurteilung bis Freispruch scheint alles möglich - die Szenarien.

An diesem Dienstag wird das Landgericht Mannheim sein Urteil über Jörg Kachelmann verkünden. Aber wie geht es dann weiter? Verschiedene Szenarien sind möglich.

Was passiert, wenn Kachelmann verurteilt wird?

Die Staatsanwaltschaft hat eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten beantragt. Damit bleibt sie unter der regulären Mindeststrafe von fünf Jahren für eine besonders schwere Vergewaltigung. Der Grund: Aufgrund einer "massiven Beeinträchtigung der Person des Angeklagten" durch die Medienberichterstattung geht die Staatsanwaltschaft von einem minder schweren Fall aus. Das bindet das Gericht allerdings nicht. Die Verteidigung hat bereits angekündigt, dass sie im Fall einer Verurteilung Revision zum Bundesgerichtshof einlegen würde. Bis darüber entschieden ist, würde ein Urteil nicht rechtskräftig. Kachelmanns Ex-Geliebte, die ihn der Vergewaltigung beschuldigt, könnte bei einer Verurteilung Schmerzensgeld fordern.

Müsste Kachelmann bei einer Verurteilung sofort wieder ins Gefängnis?

Auch wenn er verurteilt würde, könnte Jörg Kachelmann zunächst auf freiem Fuß bleiben. Die Staatsanwaltschaft fordert zwar die Verurteilung - nicht jedoch, sofort wieder einen Haftbefehl zu erlassen. Trotzdem könnte das Gericht auch von selbst einen neuen Haftbefehl erlassen. Voraussetzung dafür wäre, dass Fluchtgefahr besteht. Das dürfte schwer zu begründen sein: Bislang hat Kachelmann keine Anstalten gemacht, abzuhauen - obwohl er zwischendurch in Kanada war und reichlich Gelegenheit gehabt hätte, das ganz, ganz Weite zu suchen. Falls doch Haftbefehl ergeht, würde Kachelmann wohl gebeten, nach der Urteilsverkündung im Saal zu bleiben - der Haftbefehl würde dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit verkündet.

Was passiert, wenn Kachelmann aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird?

Ein "Freispruch zweiter Klasse" gilt unter Prozessbeteiligten und Beobachtern wohl als die wahrscheinlichste Variante. Ob die Staatsanwaltschaft dann in Revision geht, dürfte von der Begründung des Urteils abhängen. Mit einem Freispruch rechnet auch der Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate: "Ich gehe davon aus, dass Herr Kachelmann freigesprochen wird", sagte Strate in der ZDF-Sendung Maybrit Illner. Seine Einschätzung leite sich aus der "rationalen Beurteilung der Beweislage" her, sagte der Jurist, der unter anderem mit der Verteidigung der des Mordes an ihren beiden Kindern beschuldigten Monika Weimar bekannt wurde. Selbst Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge betonte: "Auch die Staatsanwaltschaft ist nicht so blöd, nicht zu erkennen, dass die Nebenklägerin in vielen Punkten gelogen hat." Im Ergebnis glaubt der Anklagevertreter aber dennoch den Anschuldigungen der Ex-Geliebten - auch wenn ihm klar ist, dass es keinen eindeutigen Beweis für die Schuld Kachelmanns gibt. "Man kann alle Indizien auch anders werten", sagte Oltrogge. "Aber das ist das Wesen eines Indizienprozesses - dass es auf die Gesamtschau ankommt." Bei einem Freispruch hätte Kachelmann nach dem "Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen" einen Anspruch auf 25 Euro Entschädigung für jeden Tag in Untersuchungshaft. Bei 132 Tagen macht das 3300 Euro.

Was passiert, wenn Kachelmann wegen erwiesener Unschuld freigesprochen wird?

Bei einem "Freispruch erster Klasse" müsste die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen die Ex-Geliebte einleiten, denn es bestünde zumindest der Verdacht, dass sie ihn absichtlich falsch beschuldigt haben könnte. Das wäre in mehrfacher Hinsicht strafbar: Weil Kachelmann wegen ihrer Aussagen in Haft saß, wäre der Tatbestand der Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft erfüllt. Hinzu kämen falsche uneidliche Aussage und falsche Verdächtigung. Im Fall einer Verurteilung müsste die 38-Jährige, wie Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge sagt, selbst mit einer "nicht unerheblichen" Freiheitsstrafe rechnen.

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dpa/Jochen Neumeyer/cag/blg
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