Süddeutsche Zeitung

Kurt Peipe:Eine Geschichte, die das Leben schrieb

Krebs im Endstadium: Kurt Peipe ging an seine Grenzen - 3350 Kilometer zu Fuß nach Rom. Am Erscheinungstag seines Reiseberichtes ist er gestorben.

Stefan Ulrich

Vielleicht hätte Kurt Peipe seinem Vermächtnis einen Warnhinweis beifügen sollen: "Vorsicht, dieses Buch kann Sie verändern. Sie werden bei der Lektüre womöglich den Drang empfinden, Ihr bisheriges Leben stehen und liegen zu lassen und einfach loszuwandern."

Metastasen überall. Nichts mehr zu machen.

Wahrscheinlich wäre ein derartiger Vermerk für die meisten Leser aber doch überflüssig. Denn wer ist schon radikal genug, einer solchen inneren Stimme zu folgen? Auch Kurt Peipe war das erst, nachdem er an einem Wintermorgen des vergangenen Jahres im Krankenhaus die Diagnose erhielt, der Krebs werde ihn töten. "Wie eine weiße Wolke standen die Ärzte um mein Bett", schreibt Peipe in seinem jetzt erschienenen Buch "Dem Leben auf den Fersen". "Metastasen überall. Da sei nichts mehr zu machen."

Genau einen Monat später lief der 65 Jahre alte Gärtnermeister am deutsch-dänischen Grenzübergang Kupfermühle los. Seine Route: der Europäische Fernwanderweg Nummer eins. Sein Ziel: Rom. Die Entfernung: 3350 Kilometer.

Viele Jahre hatte er von diesem Unternehmen lediglich geträumt. Er habe "immer nur funktioniert", schreibt er, als ein Pflichtmensch, der, ohne groß darüber nachzudenken, seine Aufgaben in Beruf, Familie, Haus und Garten abarbeitete. Nun aber machte er sich daran, "diese letzte Chance wahrzunehmen und sich in ein neues Leben fallen zu lassen".

Dabei sprach scheinbar alles gegen diesen Marsch. Peipe war vom Darmkrebs außerordentlich geschwächt, sein Hämoglobin-Wert, der Auskunft über die Sauerstoffzufuhr des Körpers gibt, lag bei 7,5 - normal sind etwa 14 bis 16. Mit einem solchen Wert kommen andere kaum bis zur nächsten Straßenecke.

Wie sollte er da seine 30 Kilogramm Gepäck über Tausende Kilometer schleppen? Wie unterwegs im Gelände mit seinem künstlichen Darmausgang zurechtkommen? Und dann waren da die sehr verständlichen Einwände seiner Frau Sigrid, die ihren schwerkranken Mann während dessen letzter Lebenszeit bei sich haben wollte.

Hinzu kamen finanzielle Sorgen. Eine monatelange Reise war mit seiner bescheidenen Pension schwer zu vereinbaren. Peipe aber ließ sich nicht bremsen. "Wichtig war, dass ich losging. Dass ich den ersten Schritt machte. Und den zweiten. Und den nächsten."

Wanderung zum eigenen Ich

Das Unwahrscheinliche geschah. Der todkranke Wanderer lief erfolgreich gegen Schmerzen, Schwächeanfälle, Kälte, Gewitter und Dauerregen an. Dabei merkte er, wie er sich immer wohler fühlte. "Ich war am Leben und unterwegs. Das feuchte Zelt und der klamme Schlafsack waren mir tausendmal lieber als ein Krankenhausbett."

Später, in Italien, das Peipe erstmals bereiste, kamen dann zugewucherte Pfade, 45 Grad Hitze, Wassermangel, Mückenplagen und Waldbrände dazu. Doch den Gärtner konnte nichts aufhalten. Er spürte, dass er nicht nur nach Rom unterwegs war, sondern auch zu sich selbst - und zu den Menschen.

Er, der sich nach einer kargen Kindheit als schlesischer Flüchtlingsjunge eher als einen strengen, zurückhaltenden, im eigenen Stolz gefangenen Mann empfunden hatte, entdeckte nun, Mitte 60, einen "zweiten Peipe", einen "leichten und durchsichtigen Gesellen, der immer öfter an meiner linken Seite erschien und in dessen Position ich mehr und mehr schlüpfte".

Lesen Sie auf Seite 2, wie für den zweiten Peipe der Weg nach Rom zu einer Mission wurde

Eine Geschichte, die das Leben schrieb

Dieser andere Peipe öffnete sich den Menschen, die er unterwegs traf, er ging auf sie zu, ließ sich ihre Geschichten erzählen, klopfte unbefangen an viele Türen und erhielt fast überall Einlass. "So erkannte ich nach und nach, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie sie in den Medien dargestellt wird. Dass die Menschen nicht so rücksichtslos, raffgierig, egoistisch und kaltherzig sind."

Im Gegenteil: Wenn Peipe um einen Zeltplatz im Garten bat, erhielt er oft ein warmes Bett. Wenn er nach Wasser fragte, servierte man ihm ein ganzes Frühstück.

Diese für ihn völlig unerwarteten Erfahrungen veränderten den Wanderer tief. "Er fand einen Teil seines Wesens in sich, für den er bislang keine Zeit hatte", sagt Michaela Seul, die das Buch für den Droemer-Verlag mit Peipe erarbeitet hat und als Co-Autorin firmiert. So sei er über sein bisheriges Leben hinausgewachsen.

"Er entdeckte den Schriftsteller und Philosophen in sich", meint Seul. Bis kurz vor dem Tod des Gärtnermeisters hat sie immer wieder mit ihm gesprochen. Ihr Eindruck: "Ich habe noch nie einen so spirituellen Menschen erlebt."

"Ich wollte doch nur gehen"

Auf dem Weg nach Rom erwachte in Peipe auch der Wunsch, seine Erfahrungen weiterzugeben. So erklärte er sich im August 2007 bereit, den Reporter der Süddeutschen Zeitung in Assisi zu treffen. Der Artikel erschien - und auf einmal stand Kurt Peipes Handy nicht mehr still.

"Es riefen Zeitungsredaktionen, Fernsehsender, Radiostationen aus ganz Deutschland bei mir an", schreibt er in seinem Buch. "Ich begriff gar nicht, was all die Menschen von mir wollten. Ich wollte doch nur gehen. Weiter. Nach Rom."

Als Peipe vor der Stadt ankam, marschierten zwei Fernsehteams mit ihm ein. Da merkte er, dass das Wandern zu sich selbst ein großes Thema dieser Zeit ist. Deswegen war sein Weg in Rom auch noch nicht zu Ende. Nun begann der zweite, geistige Teil seiner Reise.

Zurück im schwäbischen Hessigheim, bei seiner Frau und den drei erwachsenen Töchtern, die ihn stets unterstützt hatten, fand Peipe Angebote von einem halben Dutzend Verlagen vor, ein Buch über seine Wanderung zu schreiben. Er wählte aus und sagte zu.

Seine Frau Sigrid erlebte ihn jetzt ganz verwandelt: "Er war gesprächiger und optimistischer als vor seiner Reise", erzählt sie. Das Buchprojekt habe ihm Kraft zum Weiterleben gegeben. Ihr Mann habe nun sehr gern in seinem Arbeitszimmer gesessen und geschrieben, erst von Hand, dann am Computer. "Er wollte das Buch unbedingt fertigbekommen und andere Krebskranke ermutigen, noch etwas aus ihrem Leben zu machen. So ist er richtig aufgeblüht."

Sigrid Peipe zögert, sucht in ihrer Erinnerung. Dann sagt sie leise: "Doch er hat schon gewusst, dass der Tod irgendwann kommt." Als im Frühjahr das Manuskript fertig wurde, sei er "in ein Loch gefallen".

Durchhalten bis zuletzt

Doch nun wollte Kurt Peipe noch das Erscheinen seines Werks erleben. Während der Krebs voranschritt, stemmte er sich gegen den Tod. "Er hat schrecklich gelitten, doch er hat durchgehalten für sein Buch", erzählt seine Lektorin Michaela Seul.

"Es hat sich in seine Seele eingebrannt, das noch zu schaffen." Dabei habe er immer wieder Zweifel gehabt, ob alles gut werde. Am Ende aber habe er gesagt: "Es war doch richtig, es zu schreiben. Es wird den Menschen etwas geben."

Peipe konnte sein Buch noch in die Hände nehmen. Als "Dem Leben auf den Fersen" im August erschien, ist er am selben Tag gestorben. In der Todesanzeige, die seine Familie verschickte, steht ein Zitat aus dem Werk: "Ich weiß, dass mein Leben nicht mehr lange dauert. Und ich kann jedem in dieser Situation nur raten: Mache, was dir Erfüllung bringt, selbst wenn es noch so verrückt ist."

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Quelle:
SZ vom 17.09.2008/hai
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