Kunstaktion Noch ganz sauber?

Das Double, ein 16-jähriges Model, trägt ein schweinchenrosa Kleid aus Ivanka Trumps Kollektion.

(Foto: Sait Serkan Gurbuz/dpa)

Eine Konzeptkünstlerin lässt in einer Washingtoner Galerie ein Ivanka-Trump-Double 17 Tage lang Brotkrümel vom roten Teppich wegsaugen. Die Besucher diskutieren, ob das noch politische Kunst ist - oder schon Sexismus.

Von Alan Cassidy, Washington

Eigentlich sollten die Besucher jetzt Brotkrumen auf den rosafarbenen Teppich werfen, direkt vor die Füße der jungen Frau, die mit einem Staubsauger den Boden bearbeitet. So hatte es sich die Künstlerin vorgestellt. Interaktion! Doch die beiden Männer, die an diesem Abend in der Kunstgalerie in Washington stehen, zögern. Zwei, drei Minuten schauen sie dem Model zu, wie es den leeren Teppich saugt, sie wirken verlegen. Dann drehen sie sich um und gehen. Die junge Frau, die aussieht wie die Präsidententochter Ivanka Trump, blonde Haare, rosafarbenes Kleid, saugt weiter. "Ivanka Vacuuming" heißt die Installation, die 17 Tage lang in Washington zu sehen war, am Sonntag zum letzten Mal. Zusammenfassend kann man sagen: Die Reaktionen darauf waren eher durchwachsen.

Entworfen hat das Werk die New Yorker Konzeptkünstlerin Jennifer Rubell. Sie dürfte sich gefreut haben, dass gleich drei Mitglieder der Trump-Familie gemosert haben - und das Werk damit erst richtig bekannt machten. "Traurig, aber nicht überraschend zu sehen, wie selbst ernannte ,Feministinnen' sexistische Attacken gegen Ivanka reiten", twitterte Trumps ältester Sohn Donald Junior. Sein jüngerer Bruder Eric äußerte sich ähnlich. Auch Ivanka selbst kritisierte die Performance mehrmals, zuletzt in einem TV-Interview. Darin beklagte sie, dass die Künstlerin für ihr Double ein 16-jähriges Model angestellt habe, das sich täglich mit Brotkrumen habe bewerfen lassen müssen: "Das macht mich wütend." Mit Kunst habe die Installation nichts zu tun, ist auch der Tenor vieler Kommentare in den sozialen Medien, es handle sich bloß um eine politische Abrechnung mit einer erfolgreichen Frau.

Sie schweigt zu den sexistischen Sprüchen ihres Vaters - und das soll eine Feministin sein?

"Ich nehme das als großes Kompliment", sagte Rubell der Zeitschrift W Magazine. "Viele Arbeiten, die auf diese Weise aufgenommen wurden, zählen heute zur wichtigsten Kunst unserer Zeit."

Es geht bei Rubells Installation natürlich um Geschlechterrollen. Deshalb das rosa Kleid, das aus Trumps Modelinie stammt, deshalb das Staubsaugen als "traditionell weibliche Tätigkeit", wie Rubell es nennt. Tatsächlich stören sich in den USA viele Leute daran, dass sich Ivanka Trump als Beraterin im Weißen Haus die Frauenförderung auf die Fahne schreibt und sich als Feministin bezeichnet, aber zu frauenfeindlichen Sprüchen ihres Vaters ebenso schweigt wie zu den Versuchen seiner Regierung, das Abtreibungsrecht zu verschärfen.

Und dann ist da auch die Frage nach der "Komplizenschaft", die viele Kritiker der Präsidententochter schon lange umtreibt: Steht Ivanka Trumps Staubsaugerei dafür, wie sie den Schmutz beseitigt, den die Politik ihres Vaters hinterlässt, etwa mit der Trennung von Familien an der Grenze - und diesen Schmutz so ein bisschen weniger schmutzig aussehen lässt? So zumindest scheinen das einige jener Besucher zu lesen, die sich ins Gästebuch der Galerie eingetragen haben. "Wir sind alle Komplizen", schrieb ein Besucher. "Ich bin überrascht, wie wenige Leute ihr Brotkrumen hinwerfen wollten. Zu viel Respekt vor der herrschenden Klasse!"

Ivanka Trump hat die Installation selbst nicht besucht, sondern offenbar bloß die Bilder des Livestreams gesehen. "Ich hatte sie eingeladen, sich die Arbeit persönlich anzuschauen, aber sie hat nie geantwortet", sagte Rubell dem W Magazine. Dabei habe man erst am Ort merken können, wie nuancenreich die Situation gewesen sei. Manche hätten Krümel geworfen, manche nicht, die Stimmung sei sehr ernsthaft gewesen. "Die Leute haben die Möglichkeit, ihr Tun zu reflektieren und Ivankas Tun zu reflektieren. Und jede Person erlebt das ganz anders."