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Kundgebung in Oslo:Ansingen gegen Breiviks Terror

Es handelt von Kindern, die gemeinsam unter dem Regenbogen leben: Das Lied "Barn av regnbuen" lernen viele Norweger schon im Kindergarten. Doch vor Gericht verunglimpft es der Massenmörder Anders Breivik als marxistische "Gehirnwäsche". Zehntausende Menschen haben sich in Oslo versammelt, um dagegen anzusingen.

Gunnar Herrmann

Die Rosen sind nach Oslo zurückgekehrt. Fast zwei Wochen nach Beginn des Prozesses gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik versammelten sich am Donnerstagmittag Zehntausende Menschen zu einer Demonstration gegen den Terror. Die Polizei sprach zunächst von 10.000 Teilnehmern und korrigierte diese Zahl dann stark nach oben: 40.000 Menschen seien dabei gewesen. Viele trugen bunte Regenschirme und Jacken, Rosen und norwegische Flaggen.

Children of the Rainbow public performance

Zehntausende versammelten sich in Oslo, um aus Protest gegen den Terror gemeinsam das Lied "Barn av regnbuen" zu singen und Rosen vor dem Gerichtsgebäude abzulegen.

(Foto: dpa)

Die Aktion begann auf dem Youngstorget, dem Platz gleich hinter der Staatskanzlei, die Breivik am 22. Juli mit einer Autobombe zerstört hatte, und direkt neben dem Gebäude der Arbeiterpartei. Zunächst wandte sich Trond Blattmann an die Menge, um den Menschen im Namen der Angehörigen der Opfer für die Solidarität zu danken. Blattmann verlor im Massaker von Utøya einen Sohn.

Anschließend sang der Musiker Lillebjørn Nilsen gemeinsam mit dem vielstimmigen Chor der Demonstranten sein Lied "Barn av regnbuen" ("Kinder des Regenbogens"). Das ist nicht einfach irgendein Volkslied: Viele Norweger haben den Song, der vom verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und globaler Harmonie handelt, schon im Kindergarten gelernt.

Für den Rechtsradikalen Breivik aber ist "Barn av regnbuen" ein Beispiel für "Indoktrination". Das sagte der Angeklagte am vergangenen Freitag vor Gericht. Songwriter Nilsen beschimpfte er als "Marxisten", der die Kulturszene infiltriert habe.

Diese Verunglimpfung wollten sich einige Osloer nicht gefallen lassen und riefen spontan über das Internet zu der Kundgebung auf. Sie erhielten breite Unterstützung: Von einer Sicherheitsfirma, die für die Veranstaltung kostenfrei Ordner zur Verfügung stellte. Von zahlreichen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter freistellten, so dass diese an der Veranstaltung teilnehmen konnten.

Und von US-Folkmusiker Peter Seeger. Er hat das Lied 1973 in der Originalfassung "Rainbow Race" geschrieben. Inzwischen ist Seeger 92 Jahre alt. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Kollegen Nilsen in Norwegen anzurufen, um ihm für den bevorstehenden Auftritt alles Gute zu wünschen.

Nach dem Lied marschierten die Demonstranten zum Gericht, um dort Rosen niederzulegen. Aus der roten Rose, dem traditionellen Symbol der Arbeiterpartei, wurde mit den Anschlägen von Oslo und Utøya auch das Symbol landesweiter Trauer und Solidarität. Seit Tagen wächst vor dem Gebäude des Tinghus bereits ein Blumenmeer heran, während drinnen bei der Verhandlung jeden Tag neue, grausame Details über die Attentate bekannt werden. Derzeit sagen dort Zeugen des Bombenanschlags im Osloer Regierungsviertel aus, in der kommenden Woche sollen Überlebende des Massakers von Utøya zu Wort kommen.

Auch im vergangenen Sommer, unmittelbar nach den Anschlägen, hatten die Norweger dem Terror Blumen entgegengesetzt. Die Bilder vom Osloer "Rosenmarsch" am 25. Juli 2011, bei dem Hunderttausende ihre Solidarität mit den Opfern bekundeten, gingen damals um die Welt.

© Süddeutsche.de/leja/gba

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