Memomagnetismus:Die weite Welt am Eisschrank

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Ein Kühlschrankmagnet sagt viel über die Besitzer aus - und ist, im Gegensatz zu der ein oder anderen Strandbekanntschaft, ungeheuer beständig.

(Foto: Alamy / leonovo/mauritius images / Alamy / leono)

Was früher die Postkarte oder die Schneekugel war, ist heute der Kühlschrankmagnet: das Urlaubssouvenir unserer Tage - und ein physikalisches Wunder. Zeit, sich dem rätselhaften Sammelobjekt zu nähern.

Von Martin Zips

Es sind schon wieder zwei Exemplare hinzugekommen, seit dem Urlaub. Und jetzt schmücken auch die Turiner Mole Antonelliana sowie der Mailänder Dom die heimische Kühlschranktür. Ja, man wird viel zu erzählen haben bei der nächsten Hausparty, wenn der Blick der Gäste auf die seit Jahren wachsende Anzahl von Kühlschrankmagneten fällt. So ein Kühlschrankmagnet, das ist das Souvenir unserer Zeit. Und er ist noch mehr.

Zunächst einmal ist er: ein wissenschaftliches Wunder. Denn anders als bei herkömmlichen Magneten finden sich bei einem "BaFe12 O19" auf der Rückseite die magnetischen Nord- und Südpole nicht etwa getrennt voneinander, sondern in abwechselndem Muster. Experten sprechen hier vom Halbach-Array. Das führt nicht nur zu einer hervorragenden Grundhaftung, sondern bewirkt auch, dass das Magnetfeld auf der kühlschrankabgewandten Seite quasi nicht zu spüren ist. Ein Wunder.

Bereits im Jahr 1999 schätzte einer der führenden amerikanischen Hersteller die durchschnittliche Anzahl an Magneten auf einer US-Kühlschranktür auf: elf. Die Zahl dürfte sich seitdem verdoppelt haben. Denn längst hat der Kühlschrankmagnet die Postkarte, den Aufkleber, die Kaffeetasse, die Schneekugel oder den Spazierstocknagel als beliebtestes Urlaubssouvenir abgelöst. Und im Gegensatz zu der ein oder anderen Strandbekanntschaft oder dem Wein, der in der Taverne noch ganz gut schmeckte, erweist sich so ein Magnet als ungeheuer beständig. Sein Erinnerungswert übersteigt seinen Materialwert bei Weitem.

Ein walisischer Lehrer soll mehr als 100 Länder bereist haben auf der Suche nach Magneten

Als einer der Ersten soll ein Freizeitparkbetreiber aus St. Louis in Missouri in den frühen 1970ern solche Magneten mit beliebten Cartoonfiguren, Sprüchen oder Witzen hergestellt haben, allerdings ohne großen kommerziellen Erfolg. Zur gleichen Zeit etwa tauchten früchteähnliche, magnetische Notizhalter in Asien auf - den einen einzigen wahren Erfinder dieses Phänomens gibt es also nicht.

Allerdings gibt es einige herausstechende Sammlerinnen und Sammler wie die im Jahr 2019 verblichene Louise J. Greenfarb aus Henderson/Nevada, von der immerhin 7000 Einzelstücke im (mittlerweile geschlossenen) Guinness-Museum von Las Vegas zu sehen waren. Ihr Sohn schätzt Greenfarbs Kollektion gar auf mehr als 70.000 Exemplare, doch die Überprüfung sprengt derzeit den zeitlichen Rahmen der zuständigen Weltrekord-Jury.

Über den walisischen Lehrer Tony Lloyd wiederum ist bekannt, dass seine Sammlung nach seiner Rückkehr von einem Urlaub auf Sri Lanka im Februar 2018 auf 5000 Magnete angewachsen ist und daher laut Fernsehsender ITV zu den größten europäischen Kollektionen gehört. Auf der Suche nach Erinnerungsstücken, die mal den Kölner Dom zeigen und mal Wladimir Putin, soll Lloyd mehr als 100 Länder bereist haben. (Wahrscheinlich wäre es ihn billiger gekommen, einfach nach China zu fahren, wo die meisten dieser Souvenirs - egal, wo man sie später kauft - hergestellt werden.)

Es sagt viel über die Bewohner aus, ob sie die Mona Lisa am Eisschrank haben oder einen Gips-Penis

Psychologisch erweist sich der Kühlschrankmagnet (der Begriff "Magnet" entstammt laut dem römischen Philosophen Lukrez der thessalischen Landschaft Magnesia, wo bereits in der Antike Steine mit anziehender Kraft entdeckt wurden) als keineswegs irrelevante menschliche Visitenkarte. Frau Greenfarb etwa soll einst dadurch zur Sammlerin geworden sein, da sie feststellte, dass sich ihre Gäste auf den von ihr veranstalteten "Tupperparties" weniger für die Plastikboxen als vielmehr für die Motive ihrer magnetischen Zettelhalter in der Küche interessierten. Es sagt viel über die Bewohner einer Wohnung aus, ob sie die Mona Lisa aus dem Louvre am Eisschrank haben oder einen Gips-Penis aus Kroatien.

Ein geeigneterer Ort als der Lebensmittelschrein der Küche jedenfalls ist für diese persönliche Selbstentblößung kaum vorstellbar. Erst am Kühlschrank, dem zentralen Platz des wirtschaftlichen sowie kulturellen Aufschwungs des 20. Jahrhunderts, entfaltet etwa "Das letzte Abendmahl" Leonardo da Vincis seine volle Wirkung. So ein Leonardo-Magnet könnte auf einen kunstinteressierten, geselligen, aber nicht allein in der Profanität seiner eigenen Existenz verharrenden Bewohner hinweisen, ohne gleichzeitig allzu aufdringlich zu wirken. Dient er als Halter eines Einkaufszettels? Oder der Patientenverfügung?

Einen kurzzeitigen Abschwung erfuhren die refrigerator magnets lediglich in den 1990er-Jahren, wo gerne Schachteln mit selbst zusammenzufügenden Magnet-Wörtern zum Geburtstag verschenkt wurden (sogenannte Kühlschrank-Poesie; man sollte eher von Parolen oder Floskeln sprechen). Eine Belastung für jede Wohngemeinschaft! Aber das beunruhigende Meer der hier zur Schau gestellten Worthülsen lieferte nur einen ersten Vorgeschmack auf das, was später als SMS, Mail oder Posting auf die Menschheit noch so alles einprasseln sollte.

Natürlich lauern auch Gefahren an der Tür des heimischen Lebensmitteldepots

Interessanterweise wächst selbst im digitalen Zeitalter die Zahl der Kühlschrankmagneten exponentiell. Ja, es erschließen sich sogar neue Verwendungsgebiete, wie im Buch "Die subtile Kunst des darauf Scheißens" von Autor Mark Manson beschrieben. Dort ist von Heranwachsenden die Rede, die mit Kühlschrankmagneten die Alarmanlage lahmlegen, um nachts unbemerkt das Elternhaus zu verlassen. Andere Phantasiebegabte wollen mit Kühlschrankmagneten am Oberarm längst bewiesen haben, dass ihnen mit einer Spritze heimlich Computerchips unter die Haut gesteckt wurden. Wahrscheinlich von Bill Gates. Nun, auch Heiterkeit kann ungeheuer magnetisch wirken, so heißt es ja bei Theodor Fontane.

Aber natürlich lauern auch Gefahren an der Tür des heimischen Lebensmitteldepots. So warnten Zürcher Forscher bereits im Jahr 2006: Personen mit Herzschrittmachern sollten unbedingt einen Mindestabstand von drei Zentimetern zu (bestimmten) Kühlschrankmagneten einhalten. Ähnliches gilt natürlich auch für Besitzer von Kreditkarten. 2013 ging dann auch noch das Röntgenbild eines eineinhalbjährigen Jungen aus Russland um die Welt, welcher gleich 42 Kühlschrankmagneten verschluckt haben soll, als seine Mutter mal kurz auf ihr Handy starrte. Sie wurden im Krankenhaus erfolgreich entfernt.

Die internationale Sammlerszene übrigens konnte sich bis heute auf keinen einheitlichen Namen für dieses außergewöhnliche Hobby einigen. In Russland nennen sich die Freunde des Kühlschrankmagneten "Memomagnetisten", woanders aber "Thuramgisten" oder "Ferroveniristen". Die Auswahl an Selbstbetitelungen ist so groß wie das Motivangebot am Strandkiosk. Und richtig, vor allem um die schöne Urlaubserinnerung geht es den meisten Käufern ja, nicht um einen Weltrekord. Denn Erinnerungen sind, wie der Dichter Peter Sirius einmal formulierte, "die gepressten Blumen im Buche unseres Lebens". Und Kühlschrankmagneten sind die erstarrte chinesische Haftcreme unserer individuellen Ortsbestimmung.

© SZ/afis
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