Busunglück auf Madeira "Das Verarbeiten dauert mehrere Jahre"

Nach dem schweren Busunglück auf der portugiesischen Insel Madeira bergen Rettungskräfte Verletzte.

(Foto: dpa)

Bei einem Busunglück sterben auf Madeira 29 deutsche Touristen. Wie kann man den Überlebenden helfen, so einen Schock zu verarbeiten? Ein Gespräch mit der Psychologin Marion Menzel.

Interview von Nora Reinhardt

Bei einem schweren Busunglück auf der portugiesischen Insel Madeira sind 29 Menschen ums Leben gekommen, sie alle waren Deutsche. Außenminister Heiko Maas reiste mit einem Team an, darunter auch etliche Psychologen. Wie es zu dem Unfall kam, ist noch unklar. 28 Menschen wurden verletzt, darunter auch der Busfahrer. Wie arbeitet ein Kriseninterventionsteam, wenn es direkt nach einem Unglück Traumatisierte betreut? Und wie gehen Betreuer mit dem Busfahrer um, der am Steuer saß? Marion Menzel ist Diplompsychologin und leitet häufig ähnlich schwerwiegende Einsätze.

SZ: Wie gehen Sie vor, wenn Sie an einen Unfallort kommen, an dem Menschen gestorben sind?

Marion Menzel: Zunächst teilt sich unser Team auf. Das ist enorm wichtig. Wir bilden Gruppen: Man kann Überlebende niemals im gleichen Raum belassen mit zum Beispiel einem Unfallverursacher. Der Verursacher braucht eine individuelle Betreuung. Er braucht einen Schutzraum, in dem auch er seine Gedanken zulassen kann, um nicht in einen negativen Gedankenstrudel zu geraten. Alle beteiligten Personen haben gerade ein "critical life event", so der Fachbegriff, erlebt. Einen Einschnitt in ihre Lebensbiografie, an den sie sich noch Jahre später erinnern werden. Wichtig ist, dass man neutral vorgeht: Wir entlasten nicht, wir beschwichtigen nicht, wir spielen nichts herunter, aber wir beschuldigen auch nicht. Wir hören zu und bieten ein Gespräch an.

Busunglück auf Madeira

Tödlicher Sturz in die Tiefe

Ich nehme an, die Verursacher von Leid sind in einem desolaten Zustand oder sogar suizidal, wenn Sie zu ihnen stoßen?

Suizidgedanken tauchen meist nicht am Unfallort auf, sondern später. Wir versuchen, Menschen vor einem schwarzen Loch zu bewahren und sie darauf hinzuweisen, dass sie auch schon Gutes geleistet haben. Etwa, dass man schon den Notarzt angerufen hat oder Erste Hilfe geleistet hat. Wir versuchen, dass das Gefühl der Isolation gar nicht erst aufkommt.

Wie groß sind die Chancen, dass man ein traumatisches Erlebnis überwinden kann?

Die Chancen, dass man so ein Ereignis gut verarbeitet und psychisch gesund bleibt, sind gut. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken, da. Das Geschehene wird immer ein Einschnitt in der Biografie bleiben. Menschen, die gut in ein soziales Netz integriert sind und immer wieder über das Erlebte sprechen können, erholen sich eher. Es hilft auch, die Symptome zu kennen: Etwa, dass das "Wiedererleben" auftreten kann: Gerüche oder Geräusche können auslösen, dass das Erlebte immer wieder vor dem inneren Auge abläuft. Vermutlich wird man auch Einschlafschwierigkeiten haben. Der Verursacher kann lernen, damit zu leben. Das Verarbeiten dauert aber natürlich mehrere Jahre.

Marion Menzel, 41, Diplompsychologin. Sie arbeitet als fachliche Leitung der psycho-sozialen Notfallversorgung im Kreisverband München des Bayerischen Roten Kreuzes.

(Foto: Natalja Bluem)

Menschen vertrauen sich Ihnen in einem ihrer schwierigsten Momente an - müssen Sie als Psychologin darüber schweigen?

Der Kriseninterventionsdienst des Münchner Roten Kreuzes arbeitet ausschließlich mit sehr gut ausgebildeten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die jeden Betroffenen unterstützen. Natürlich bieten wir auch die Möglichkeit, dass die Person mit einem Pfarrer sprechen kann und das als Beichte eingestuft wird. Oder mit einem Juristen, der das als Beratungsgespräch einstuft. Wir achten darauf, dass das erste Gespräch nach dem Ereignis im Sinne des Betroffenen stattfindet und dass er eine gute Entscheidung für sich treffen kann.

Wie lange sprechen Sie in der Regel mit den Menschen?

Wenn wir mit einem Unfallverursacher sprechen, dauern diese Gespräche leicht mehrere Stunden. Es wird viel geweint, aber das ist ja auch adäquat. Ich achte darauf, nicht mitzuweinen. Es ist wichtig, dass ich nicht mitleide, sonst kann ich das Gespräch nicht mehr führen. Meine Aufgabe ist es, den Anderen zu stabilisieren. Dass er oder sie Bescheid weiß, welche Symptome vermutlich auf sie zukommen. Aber auch, dass sie die kommenden Stunden und Tage im Kopf durchgegangen ist. Der Alltag gerät bei so einem Ereignis natürlich erst einmal in den Hintergrund, aber Kinder müssen aus dem Kindergarten abgeholt werden. Mein Ziel ist es, dass am Ende des Gespräches gesichert ist, dass die Person in ihr soziales Netz eingebunden ist und weiß, wer sie in den kommenden Tagen begleiten wird. Gerade, wenn man fern der Heimat ist, ist das schwierig. Dann ist es besonders wichtig, schnell mit den Vertrauten zuhause Kontakt aufzunehmen und sich rege auszutauschen.

Arbeiten Sie mit Hilfsmitteln?

Mit Hunden arbeiten wir nicht. Aber wenn es jemand nicht schafft, sich zu distanzieren, arbeiten wir mit Tricks. Wir geben ihm ein Glas Wasser und fragen ihn, ob das Wasser kalt oder warm ist, wo es auf der Zunge prickelt, solche Dinge. So kommt die Person wieder dazu, etwas zu spüren. Wenn wir bei Menschen zuhause sind, lassen wir sie einen Tee kochen oder sie selbst mit Angehörigen telefonieren. Wir nehmen den Personen nicht zuviel ab, das führt sonst in eine Schockstarre. Wir wollen, dass die Personen sich nicht ausgeliefert fühlen, sondern aktiv sind.

Sie haben ja nicht nur mit Opfern, sondern auch mit Tätern zu tun - mit Menschen, die teilweise große Schuld auf sich geladen haben.

Ja, das stimmt. Ich betreue Eltern, die ihre Kinder im Affekt geschüttelt haben. Autofahrer, die tödliche Unfälle verursacht haben. Ich habe nicht nur mit Unschuldigen zu tun. Aber das ist der Moment, die Situation gewesen, sie sind nicht per se schlechte Menschen. Wir dürfen denjenigen nicht das Recht verweigern, Hilfe zu bekommen. Sie haben seelische Schmerzen. Aber wer sind wir, um darüber zu urteilen? Das finde ich ein Unding. Wir geben jedem Unterstützung, der sie braucht. Wir können alle in Situationen kommen, die großen Schaden verursachen.

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