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Krise in Griechenland:Der eigene Widerstand

Als kurz darauf die Mitarbeiter des DEI bei ihm vorbeikamen, um den Strom abzustellen, kam er mit einer Axt aus der Wohnung. Er griff niemanden an, sagte aber, er werde seine Heizung verteidigen, Winter ohne Strom bedeute für ihn unerträgliche Schmerzen. Die Mitarbeiter stellten den Strom dennoch ab und zeigten ihn an. Daraufhin kam Paleologos erstmals in Vichas' Ambulanz.

Als Vichas den Stromkonzern via Facebook aufforderte, dem Patienten die Heizung wieder anzustellen, drohte der Sprecher von DEI, wenn Vichas weiterhin die sozialen Medien dazu nutze, "Forderungen durchzusetzen, die gegen die Gesetze und das moralische Empfinden verstoßen", werde man die zuständigen Behörden dazu veranlassen, "Ihren Trägerverein gründlich zu durchleuchten."

Trägerverein? Welcher Trägerverein? "Eben", sagt Vichas lachend. "Es gibt keinen Trägerverein. Es gibt kein Geld. Es gibt nur uns." Soll heißen: 220 freiwillige Mitarbeiter. 90 davon sind Ärzte, Pharmakologen, Psychologen, Zahnärzte; die anderen sind Krankenschwestern oder Laien, die putzen oder all die angebrochenen oder abgelaufenen Medikamente sortieren und zählen, die von freiwilligen Helfern im ganzen Land eingesammelt werden.

Elena Bazakopoulou ist eine von ihnen: Eine Wirtschaftswissenschaftlerin, die zwei Abende die Woche mithilft. Sie steht inmitten der Arzneischränke und zeigt auf eine Tüte voller Kapseln und Päckchen: Die Angehörigen eines verstorbenen Krebspatienten waren gerade da und haben die restlichen Chemotherapie-Medikamente vorbeigebracht. Im Wandschrank hinter ihr werden Windeln und Milchpulver gesammelt: Die meisten Neugeborenen, die hier auftauchen, haben mittlerweile Untergewicht. Bazakopoulou erzählt von diesem Baby, das kürzlich eine Flasche Medizin leer saugte. "Das Kind hatte wegen seiner Unterernährung eine Bronchitis, die Ärztin gab ihm ein ekelhaft schmeckendes Antibiotikum, das hat es in seinem Heißhunger einfach verschlungen."

Vichas sagt: "Solche Geschichten dürfte es doch in Europa gar nicht geben." Er erzählt von einer weiteren Familie, der der Athener Wasserkonzern kürzlich die Leitung zudrehte. Die Eltern sind beide arbeitslos, sie haben zwei kleine Kinder - und kein Wasser mehr. Vichas veröffentlichte auch diesen Fall und rief die Athener dazu auf, dagegen zu protestieren. Nach ein paar Tagen rief die Geschäftsführung des Konzerns an: Man werde das Wasser wieder anstellen, aber Vichas habe mit seiner Agitationsarbeit eine Rote Linie überschritten. Die Stromfirma sekundierte, es müsse jetzt Schluss sein mit Vichas' illegalen Aktionen.

Wir Ärzte müssen unseren Patienten helfen

Und? Ist es nicht illegal, was er macht? Schließlich nennt er in seinen offenen Briefen die angestellten Sachbearbeiter der Konzerne beim Namen. Vichas zuckt die Achseln. "Kennen Sie Sophokles' Antigone? Kreon verbietet ihr, den eigenen Bruder zu bestatten. Nach dem Gesetz hat Kreon Recht. Aber Antigone hat trotzdem die Verpflichtung ihren Bruder zu beerdigen. Wir Ärzte müssen unseren Patienten helfen. Also mache ich weiter."

Kurz nach dem Telefonat mit dem Wasserkonzern wurde Vichas' Auto demoliert. "Da dachte ich noch, das waren einfach nur jugendliche Randalierer." Aber dann wurde in seinem Büro in der Klinik eingebrochen. Ein USB-Stick fehlte. Vor Kurzem verschwand sein Laptop.

"Aber haben Sie keine Angst?" "Seh ich aus wie ein Actionheld? Natürlich habe ich Angst. Aber wenn diese Krise mal vorüber ist, dann möchte ich meinen Töchtern in die Augen schauen können."

Momentan sieht es nicht so aus, als würde die Krise bald vorüber sein. Die Troika forderte gerade wieder Einsparungen im Gesundheitsbereich. Vichas macht weiter. Treibt Medikamente für eine Nierenkranke ein. Schreibt Briefe ans Stromunternehmen. Und? Was braucht er momentan am dringendsten? Vichas überlegt, dann sagt er: "Krebsmedikamente, ein Herz-Ultraschallgerät, einen Sauerstoffkondensator . . . Aber vor allem brauchen wir ein Gefühl von Solidarität."

Mehr Informationen über Vichas' Klinik finden Sie hier.