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Kriminalität:Wo niemand zu jung fürs Drogengeschäft ist

Minderjährige schmuggelten Waffen und Drogen, weil sie noch nicht strafmündig waren (Archivbild)

(Foto: AFP)

Den Oberstaatsanwaltschaft von Neapel beschäftigt die Mafia schon sein ganzes Berufsleben. Die "Kinder der Camorra" lassen ihn auch nach der Pensionierung nicht los.

Der neapolitanischen Mafia, der Camorra, traut man in Italien fast alles zu - alles Böse. Sie gilt als besonders verroht und unberechenbar.

Als nun aber vor einigen Monaten ein Clan aufflog, der seine kleinen Kinder im operativen Geschäft mit den Drogen einsetzte, da war das Entsetzen groß. Da gab es zum Beispiel Anna, acht Jahre alt, deren feine Hände offenbar besonders geeignet waren, kleine Mengen Kokain in Packungen zu füllen. Die Portionen waren so bemessen, dass sie genau 50 Euro kosteten.

Manche Kinder standen Wache, andere lieferten den Stoff aus. Ihr Alter war besonders wichtig: Unter 14 sind sie nicht strafmündig. Die Polizei nahm 43 Mitglieder des Clans Elia fest, der bis dahin über den Drogenhandel im zentral gelegenen Viertel Pallonetto di Santa Lucia geherrscht hatte. Auch Annas Mutter war dabei. 17 der Festgenommenen waren Frauen: Mütter, Tanten, Großmütter.

Verantwortlich für die Untersuchung des Falls war der Oberstaatsanwalt von Neapel, Giovanni Colangelo. Der berühmte Mafiajäger ist in seiner Karriere oft bedroht worden vom organisierten Verbrechen und steht unter ständigem Personenschutz. Der Fall der "Bambini della Camorra", der Kinder der Camorra, war sein letzter vor der Pensionierung. Colangelo war bereit, in einem exklusiven Interview mit dem Magazin Süddeutsche Zeitung Familie über seine Ermittlungen zu berichten.

Er sagt, es seien nicht nur die üblichen Faktoren, die dazu führten, dass für die Kinder der Camorra das Verbrechen zur alltäglichen Normalität werde, sondern auch städtebauliche - die engen Gassen und die Piazze in der historischen Altstadt, die zugleich Spielplätze und Drogenumschlagplätze seien. "Wenn ein Kind schon im zartesten Alter zuschaut, wie die Eltern, der Bruder oder der Onkel mit Drogen handelt und mit Waffen herumläuft, oder wenn daheim von Attentaten gesprochen wird, von Schießereien oder von Erpressungen - dann prägen diese Dinge für immer das Weltbild."

In einigen Fällen entscheidet das Tribunal für Minderjährige, die Kinder der Mafia Pflegefamilien im Norden Italiens anzuvertrauen, weit weg von den Clans. Die Kinder sollen die Chance auf ein gewaltfreies, normales Leben bekommen. Von allen Entscheidungen seien das die traurigsten, sagt Colangelo.

Auf die Frage, ob man sich davon auch eine abschreckende, gewissermassen erzieherische Wirkung auf die Erwachsenen erhoffe, antwortete der Staatsanwalt: "So sollte man das nicht sehen. Das würde heißen, dass das Kind seinerseits zu einem Instrument im Kampf gegen das organisierte Verbrechen werden würde, und das wäre nicht richtig."

Lesen Sie das Interview mit SZ Plus - oder im Magazin SZ Familie:
Familie Die Kinder der Camorra

Mafia

Die Kinder der Camorra

Achtjährige, die Kokain verpacken, 13-jährige, die dealen: Der Oberstaatsanwalt von Neapel, Giovanni Colangelo, spricht über seine letzte Ermittlung vor der Pensionierung - die Kinder-Clans.   Interview von Oliver Meiler

Flexmodul Heft 2

Dieser Text stammt aus dem Magazin "Süddeutsche Zeitung Familie".

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