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Kriminalität:"Elysium" hatte mehr Zulauf als der "Marktführer" aus den USA

Im Darknet ist es immer schwierig zu sagen, wie viele reale Personen sich hinter Nutzernamen verbergen. Manche haben mehrere Namen. Aber selbst wenn die BKA-Schätzung von 87 000 Personen um ein paar Tausend zu hoch gegriffen sein sollte, bliebe dies noch immer eines der größten Kinderporno-Foren, die je ausgehoben wurden. Zum Vergleich: Als Anfang Mai die US-Kinderporno-Seite "Playpen" nach zweijährigen Ermittlungen des FBI gestoppt wurde, ging man von 150 000 "Nutzern" aus. In der Folge kamen 900 Menschen weltweit in Haft, 368 von ihnen in Europa, wie Europol in Den Haag mitteilte.

Den deutschen Machern von "Elysium" ist es offenbar gelungen, innerhalb von sechs Monaten mehr als halb so viel Zulauf zu erhalten, wie dieser seit 2014 betriebene "Marktführer" aus den USA sie hatte. Ein Anzeichen dafür, wie erschreckend groß die Nachfrage ist. Nach einer Großaktion wie dieser entstehen deshalb auch jedes Mal schnell neue Marktplätze.

Mehr als ein vorübergehender Nadelstich ist es für diesen riesigen Markt nicht, das zeigt das jüngste Beispiel von "Playpen". Die Kundschaft zieht weiter, sie schrumpft nicht. "Es geht darum, potenzielle Täter zu verunsichern", sagte der Frankfurter Generalstaatsanwalt, Helmut Fünfsinn, der Süddeutschen Zeitung. Täter scheuten das Risiko, entdeckt zu werden. Immerhin: Die Häufigkeit der Nadelstiche nimmt zu.

Der Name "Elysium", die Insel der Seligen in der griechischen Mythologie, entspricht dem klebrigen Ton, den Ermittler, die sich in Päderasten-Chats einschleichen müssen, immer wieder erleben: oft süßlich, vorgeblich kinderlieb. Eine andere Plattform, die 2010 in Deutschland geschlossen wurde, hieß "Zauberwald". Kinderporno-Seiten zu finden, ist für Ermittler selbst im Darknet nicht einfach. Das Delikt ist auch in dieser Schattenwelt verpönt. Immer wieder kommt es vor, dass Hacker Angriffe auf bekannte Kinderporno-Seiten starten, sogenannte DDoS-Attacken, gewissermaßen als digitale Bürgerwehr. Deshalb schotten sich die Täter so stark ab wie sonst kaum einer im Darknet.

Strafrabatt für die Kinderporno-Besitzer

Bei "Elysium" durfte nur mitchatten, wer selbst kinderpornografisches Material hochlud. Eine Hürde, die Strafverfolger fernhalten sollte - denn die Betreiber solcher Seiten wissen, dass es verdeckten Ermittlern in Deutschland verboten ist, ihrerseits Kinderpornografie zu verbreiten.

Besitzen oder sich verschaffen dürfen sie diese ausnahmsweise, da gibt das Strafgesetzbuch Ermittlern eine Sondererlaubnis, auch wenn das moralische Probleme aufwirft. Gegen die Tarnkappen-Technik im Darknet haben die Ermittler auch noch keine Mittel, sie können die Anonymisierung nicht knacken. So steckt hinter dem aktuellen Erfolg dem Vernehmen nach ein anderer, technisch schlichterer Trick.

Wird ein Kinderporno-Besitzer auf herkömmlichem Wege ertappt, dann können die Strafverfolger ihm einen Deal anbieten. Strafrabatt - wenn er seinen Account zur Verfügung stellt, der in der Kinderporno-Szene bereits Vertrauen genießt. So schlüpften Ermittler bei "Elysium" in einen etablierten Account, kontaktierten Vergewaltiger, fragten unschuldig nach, ob man sich denn noch einmal treffen könne. Mindestens zehn Männer, großteils Väter, konnten so von weiteren Verbrechen abgehalten werden, mindestens 29 Kinder gerettet werden.

© SZ vom 07.07.2017/vbol
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