bedeckt München 31°

Kriminalität - Obergünzburg:Messerangreifer aus Linienbus in U-Haft

Bayern
Eine Mitarbeiterin der Kripo vor dem Linienbus. Foto: Benjamin Liss/dpa (Foto: dpa)

Direkt aus dem dpa-Newskanal

Obergünzburg (dpa/lby) - Nach dem tödlichen Messerangriff in einem Linienbus bei Obergünzburg (Landkreis Ostallgäu) muss der Tatverdächtige wegen Mordes in Untersuchungshaft. Das ordnete ein Haftrichter beim Amtsgericht Kempten nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag an.

Der Mann hatte laut Polizei am Montag in dem Bus mit einem Küchenmesser unvermittelt auf seine Ehefrau eingestochen - vor den Augen mehrerer Fahrgäste, darunter zehn Schüler. Die Frau starb wenig später an ihren Verletzungen. Sie hinterlässt vier Kinder, die nach Polizeiangaben zunächst vom Jugendamt in Obhut genommen wurden.

Die Polizei ermittelt eigenen Angaben zufolge schon seit November 2019 wegen häuslicher Gewalt gegen den Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit. Vorbestraft ist er laut Staatsanwaltschaft bisher aber nicht. Weitere Angaben wollen die Ermittler unter Verweis auf die laufenden Verfahren nicht machen. Auch das Opfer hatte die afghanische Staatsbürgerschaft.

Experten gehen davon aus, dass der Angriff die Schüler im Alter von 11 bis 18 Jahren und ihre Familien noch einige Zeit beschäftigen wird. Nach solchen Erlebnissen bräuchten Kinder Sicherheit und Orientierung, sagt der Psychologe Simon Finkeldei von der Kinderkrisenintervention der Aetas-Kinderstiftung in München. "Alles, was Stress reduziert, ist gut." Schon unmittelbar nach der Tat sei Hilfe vor Ort wichtig: "Nach einer solchen Stress-Situation geht es auch um Basis-Bedürfnisse, wie die Frage, wie ich jetzt nach Hause komme."

Im weiteren Verlauf sei für Eltern und Bezugspersonen wichtig, den Kindern zu zeigen, dass sie nicht allein sind, sagt Finkeldei. "Dabei kann man auch betonen, wie schnell Hilfe vor Ort war und der Verdächtige gefasst wurde." Außerdem könne man dadurch Orientierung geben, dass Alltagsstrukturen beibehalten werden.

"Man sollte die Kinder jetzt zum Beispiel nicht für mehrere Wochen mit dem Auto zur Schule fahren, sondern die Kinder auf dem Schulweg begleiten", sagt Kinder- und Jugendpsychotherapeut Peter Lehndorfer. "Ängste kann man am ehesten bewältigen, wenn man nicht allein ist."

Wie Kinder und Jugendliche auf das Erlebte reagieren, sei unterschiedlich, betonen die beiden Experten. Manche bräuchten Gespräche, andere wollten eher Ablenkung oder Bewegung. "Die zwingen wir nicht dazu, über das Erlebte zu reden", sagt Finkeldei. Pausen von dem Thema könnten vor zusätzlichem Stress schützen, wenn der Vorfall in den Medien und im sozialen Umfeld präsent sei.

"An Schulen in Bayern sind Kriseninterventionsteams für solche Fälle vorgeschrieben", sagt Finkeldei. "Meiner Erfahrung nach ist es ganz wichtig, dass solche Erlebnisse dort Thema werden dürfen, vor allem wenn mehrere Schüler betroffen sind." Sei nur ein Schüler in einer Klasse betroffen, sei eine Thematisierung in diesem Rahmen dagegen eher nicht empfehlenswert, sagt Lehndorfer.

Nicht jedes Kind brauche nach einem traumatischen Erlebnis eine Therapie, sagt Finkeldei. "Wenn ich aber merke, dass Kopf und Herz im weiteren Verlauf nicht zur Ruhe kommen, lohnt es sich vielleicht, professionelle Hilfe aufzusuchen." Akute Reaktionen reichten von Kopfschmerzen über Bauchweh bis zu Zurückgezogenheit, sagt Lehndorfer. Halte dieser Zustand über mehrere Wochen an, bestehe die Gefahr einer posttraumatischen Belastungsstörung. Professionelle Hilfe sei in diesen Fällen wichtig.

Die beiden Fachleute betonen jedoch auch, dass ihre Einschätzungen nicht auf der Situation vor Ort, sondern der eigenen Berufserfahrung beruhen. "Es gibt keine Hundert-Prozent-Regel, die für alle Kinder gilt", sagt Finkeldei.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite