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Polizeiliche Kriminalstatistik:Wie sich Kriminelle Corona zunutze machen

Innenministerium: Weniger Einbrüche im Freistaat

Die gute Nachricht: Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist zurückgegangen. Ist aber auch irgendwie klar, wenn jeder ständig zu Hause hockt.

(Foto: Nicolas Armer/picture alliance/dpa)

Die Verbrechenszahlen sind gesunken in Deutschland, das ist die gute Nachricht. Auch wegen Corona. Andererseits hat die Pandemie Delikte auch begünstigt.

Von Moritz Geier

Wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) an diesem Donnerstag die Polizeiliche Kriminalstatistik vorstellt, wird er mal wieder über einen Rückgang der Zahlen sprechen können, er wird, wie er das immer macht, die Arbeit der Behörden loben und, ausnahmsweise, im Stillen vielleicht sogar Corona danken. Gelegenheit macht Diebe, so geht das Sprichwort, und Gelegenheiten hat die Pandemie im vergangenen Jahr schließlich nicht nur den Dieben nachhaltig verweigert. Ohne Menschenansammlungen zum Beispiel weniger Taschendiebe. Und dass die Zahl der Wohnungseinbrüche abnimmt, wenn die Menschen vermehrt im Home-Office arbeiten und die Grenzen vorübergehend geschlossen werden, das kommt nicht wirklich überraschend.

Beim näheren Hinsehen allerdings ist das Coronavirus vielleicht doch nicht unbedingt ein Freund und Helfer der Polizei, und auch darüber wird Seehofer sprechen müssen. Denn die Pandemie hat bestimmte Delikte auch begünstigt, Kriminelle haben sie sogar ganz gezielt für ihre Zwecke instrumentalisiert. Ein Überblick.

Trickbetrug am Telefon

Zum Beispiel diese Masche: Ein Anruf, Arzt hier, der Enkel liege mit Covid-19 im Krankenhaus, helfen könne ihm nur noch ein Medikament, das sehr wirksam, aber noch nicht zugelassen sei, also privat finanziert werden müsse. Könnten Sie uns bitte die 27 000 Euro überweisen?

Während das Land noch rang mit den veränderten Lebensbedingungen in der Corona-Pandemie, haben Trickbetrüger sich schnell darauf eingestellt, nichts nützt ihnen mehr als Verunsicherung, Verwirrung, Angst. Und so passten sie ihre Maschen einfach an. Betrugsstraftaten, die auf ältere Menschen als Opfer abzielen, sind im vergangenen Jahr in vielen Bundesländern häufiger gemeldet worden, Nordrhein-Westfalen etwa verzeichnet einen Anstieg um 37,7 Prozent zum Vorjahr, insgesamt waren es dort 2621 Fälle.

Dass Kriminelle am Telefon mit erfundenen Geschichten Senioren um ihr Vermögen bringen wollen, ist natürlich kein Corona-Phänomen. Auffällig aber ist, wie schnell und einfallsreich die Trickbetrüger ihre Drehbücher umgeschrieben haben. Als in Deutschland das Impfen begann, nutzten Betrüger auch das sofort aus. Man könne den Impfstoff gegen Bezahlung schon früher bekommen, auf der Prioritätenliste nach oben wandern. In Baden-Württemberg riefen Unbekannte einen Mann sogar direkt vor seinem Termin im Impfzentrum Bad Mergentheim an und behaupteten, er müsse eine Gebühr von etwa 1000 Euro bezahlen.

Die allermeisten dieser Versuche scheitern, weil die Anrufer den Betrug erkennen. Wenn Menschen den Tricks aber zum Opfer fallen, dann hinterlassen die Taten oft mehr als einen finanziellen Schaden. "Die Menschen schämen sich, sind gedemütigt und haben teilweise alles verloren - ihr Geld und ihren Glauben an die Gesellschaft", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU), als er die Zahlen kürzlich veröffentlichte.

Besonders strukturiert arbeiten jene Täter, die aus Callcentern in der Türkei operieren. Wenn diese Kriminellen sich etwa als Polizeibeamte ausgeben, dann höre sich das sehr realistisch an, sagt André Faßbender, Kriminalhauptkommissar und Sprecher des NRW-Landeskriminalamts, etwa mit eingespielten Funkgeräuschen im Hintergrund. "Die Betrüger arbeiten hoch professionell." Für deutsche Behörden sind die Täter in der Türkei schwer greifbar, im Dezember vergangenen Jahres aber zerschlug die türkische Polizei in Izmir nach der Zusammenarbeit mit Behörden in Köln ein großes Callcenter und nahm 33 Tatverdächtige fest. 105 Millionen Euro sollen diese zuvor erbeutet haben.

Cyberkriminalität

Die Kriminalität hat sich ins Internet verlagert, das sagten beinahe alle Landesinnenminister, als sie in den vergangenen Wochen nach und nach ihre Kriminalstatistiken veröffentlichten. Deutlich etwa ist die Zahl der registrierten Online-Straftaten in Bayern und Nordrhein-Westfalen gestiegen, in beiden Ländern um ein Fünftel. Dazu zählen Betrügereien, Beleidigungen und andere Straftaten.

Die Gründe sind offensichtlich. So hätten sich die Täter wegen der Pandemie und der Ausgangsbeschränkungen "neue Tätigkeitsfelder" suchen müssen, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Das zum einen. Und zum anderen hat sich das Leben der Gesellschaft durch Corona insgesamt ins Digitale verschoben, wo jetzt mehr Menschen arbeiten, kommunizieren, einkaufen. Was vor allem geübten Cyberkriminellen in die Karten spielt.

Coronavirus - Zertifizierungs- und Prüfprozess von FFP2-Masken

Eine sichere Maske erkennt man an der CE-Zertifizierung? So einfach ist das nicht. Man muss schon genau hinschauen: Das CE-Prüfzeichen ist eine vierstellige Zahl, die linke FFP2-Maske ist also vermutlich gefälscht.

(Foto: Fabian Strauch/dpa)

Gestiegen, so heißt es aus Nordrhein-Westfalen, sei zum Beispiel der Warenbetrug im Internet. Fälscher hätten vor allem die große Nachfrage nach Gesundheitsartikeln ausgenutzt und in Online-Shops gefälschte Artikel angeboten, Desinfektionsmittel, Masken, Tests, Testbescheinigungen und sogar Impfstoffe. Niedersachsen berichtet von falschen Spendenaufrufen und einer größeren Zahl an Phishing-Mails, mit denen Kriminelle persönliche Daten und Passwörter abgreifen wollen oder Schadsoftware verteilen und bei welchen die Täter - ähnlich wie bei den Telefontricks - die Corona-Pandemie als Narrativ für ihre Angriffe nutzten.

Auffällig auch hier wieder, wie schnell die Täter reagierten. Als die Länder im Zuge des ersten Lockdowns betroffenen Betrieben und Selbständigen Soforthilfen anboten, schalteten Kriminelle Fake-Webseiten für Antragsteller, Seiten, die den offiziellen nachempfunden waren und oft identisch aussahen. Weil so viele Menschen dadurch erst ihre Daten und dann das Geld verloren, musste etwa das Wirtschaftsministerium in NRW die Auszahlung von Soforthilfen vorübergehend einstellen. Das dortige Landeskriminalamt meldete im Februar einen bisherigen Gesamtschaden von 39 Millionen Euro. In Berlin erfasste die Polizei 3000 Fälle, der Schaden liegt bei mehr als 41 Millionen Euro.

Häusliche Gewalt

Als im März vergangenen Jahres die ersten Ausgangsbeschränkungen beschlossen wurden, waren sich Kriminalexperten einig, dass die häusliche Gewalt zunehmen werde, der vorwiegend Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Stress, Existenzbedrohung und dazu das Gefühl, eingesperrt zu sein, fehlende Freizeitmöglichkeiten - eine gefährliche Melange. Ein Jahr später ist klar, dass diese Prognosen zutreffen, auch wenn die Kriminalstatistiken das nicht in allen Bundesländern belegen.

Knapp 700 Taten mehr sind es etwa in Berlin, ein Anstieg um 4,4 Prozent. Eine Statistik, die täuschen dürfte: "Unsere Zahlen allein bilden nicht die Realität ab", sagt Polizeipräsidentin Barbara Slowik. Denn viele Fälle würden normalerweise durch Kitas, Schulen und andere soziale Instanzen bekannt, etwa wenn Kinder mit blauen Flecken in den Kindergarten kommen. Durch Schließungen sind diese Möglichkeiten, Taten zu erkennen, im vergangenen Jahr oft weggefallen.

Slowik verweist auf Berichte der Berliner Gewaltschutzambulanz, die zeigten, dass es einen deutlichen Anstieg und ein großes Dunkelfeld gebe. Auch der Opferschutzbund Weißer Ring hat einen deutlichen Anstieg festgestellt. "Unsere Erfahrung ist, dass sich häusliche Gewalttaten nicht sehr schnell in Zahlen niederschlagen. Das kommt erst nach und nach", sagte der Bundesvorsitzende Jörg Ziercke. Frauen nämlich benötigten bis zu sieben Versuche, um sich aus einer Beziehung zu befreien, in der sie Opfer von Gewalt wurden. Das hätten Studien gezeigt. Der deutlich messbare Anstieg könnte also erst noch bevorstehen.

© SZ/nas
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