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Ungelöste Verbrechen:Der Mörder, der in Rätseln spricht

Insgesamt vier verschlüsselte Botschaften verschickte der Zodiac-Killer. Zwei sind nun entschlüsselt, aber das Rätsel um die Identität des Mörders bleibt ungelöst.

(Foto: Eric Risberg/AP)

Vor 50 Jahren verbreitete der Zodiac-Killer in Kalifornien Angst und Schrecken. Nicht nur mit seinen Verbrechen, sondern auch mit verschlüsselten Botschaften. Nun wurde eine davon decodiert - und es gibt Hoffnung, dass er doch noch identifiziert werden kann.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer ist der Killer, der sich selbst "Zodiac" nannte? Das ist eine Frage, die sich die Kalifornier seit mehr als 50 Jahren stellen, und seit dem gleichnamigen Film von David Fincher aus dem Jahr 2007 rätselt die ganze Welt mit: Wer könnte dieser Typ sein, der Ende der 1960er-Jahre in der San Francisco Bay Area mindestens fünf Menschen auf teils brutale Weise getötet hat und die Bevölkerung mit Anrufen bei der Polizei und verschlüsselten Botschaften an Zeitungen in Angst und Schrecken versetzte? "Ich liebe es zu morden", schrieb er zum Beispiel in einer verschlüsselten Nachricht, ein anderes Mal prahlte er, bereits 37 Menschen getötet zu haben und noch immer auf freiem Fuß zu sein. Er werde noch mehr Menschen ermorden, drohte er. Zodiac gilt bis heute als berüchtigtester Serienmörder der Vereinigten Staaten, dessen Identität noch immer nicht bekannt ist.

Hobby-Detektive aus den USA, Australien und Belgien haben nun die Botschaft mit dem Namen "340 Cypher" (weil sie aus 340 Zeichen besteht) geknackt, die der Killer im November 1969 an den San Francisco Chronicle geschickt hatte und die als das kniffligste seiner Rätsel gilt. Die Bundesbehörde FBI hat die Lösung mittlerweile in einem Statement bestätigt: "Der Zodiac-Killer hat mehrere Gemeinden in Nordkalifornien terrorisiert, und auch wenn Jahrzehnte vergangen sind, so schulden wir den Opfern noch immer Gerechtigkeit für diese grausamen Verbrechen."

Sie überlebte - und konnte den Täter beschreiben

Die Mordserie begann am 20. Dezember 1968. Die Teenager Betty Jensen und David Faraday waren zu einem bekannten Aussichtspunkt nordöstlich von San Francisco gefahren. Ein zweites Auto parkte neben ihnen, ein Mann stieg aus und erschoss die beiden. Sieben Monate später fand Zodiac seine nächsten Opfer, nur sieben Kilometer vom ersten Tatort entfernt. Wieder war es ein junges Liebespaar, und nun zeigte sich seine Kaltblütigkeit in vollem Ausmaß: Er schoss auf beide, fünfmal, doch als er beim Weggehen ein Winseln seiner Opfer hörte, kehrte er um und feuerte auf beide jeweils noch zwei Schüsse ab. Darlene Ferrin überlebte trotz schwerer Verletzungen an Kopf und Hals, sie beschrieb den Täter relativ genau: Ende 20, etwa 1,73 Meter groß und 90 Kilo schwer; kurze, hellbraune Haare; hellhäutig. Damit begann das makabre Spiel.

Zunächst rief Zodiac bei der Polizei an, von einer Telefonzelle aus, die, wie sich später herausstellte, nur ein paar Hundert Meter von der Polizeistation entfernt stand. Im August 1969 verschickte er die erste Botschaft an drei Zeitungen in der Gegend, die als "408 Cypher" bekannt ist und unter anderem aus geometrischen Formen, Wettersymbolen, Morsezeichen, aber auch ganz normalen Buchstaben bestand.

Seine erste Botschaft lautete: "I like killing people"

Einer Lehrerin namens Bettye Harden gelang es schnell, den Code zu entschlüsseln. Sie hatte richtigerweise vermutet, dass ein Mörder, der in Botschaften mit seinen Taten prahlt, seinen Text mit dem Buchstaben I (englisch für "Ich") beginnen und häufig das Wort "kill" verwenden würde. Sie suchte also nach Symbolen, die vor zwei gleichen Symbolen standen (das "i" vor den beiden "l" in "kill"), und die ersten Worte in der Botschaft waren tatsächlich "I like killing people". Es war eine für Code-Liebhaber einfache Aufgabe, diese Nachricht zu knacken.

Die rasche Lösung beleidigte offenbar den intellektuellen Hochmut des Mörders. Er schickte weitere Briefe, viel komplizierter verschlüsselt, und prahlte in den nicht verschlüsselten Teilen damit, er gebe seine Identität in den Rätseln preis. Normalerweise verrät ein Verbrecher möglichst wenig von sich, weshalb die Ermittler den Mörder, der sich von nun an selbst als "Zodiac" (Englisch für "Tierkreis") bezeichnete, zu weiteren Botschaften ermutigten.

Es gab zum Beispiel die bis heute nicht entschlüsselte Nachricht "Z32" vom Juni 1970, in der er mit einer Bombe drohte. Teil des Codes war eine Landkarte, auf der er einen Berg östlich von San Francisco mit seinem Symbol - einem Fadenkreuz - umkreiste und die Leser aufforderte, dieses nach dem magnetischen Nordpol auszurichten. Ansatzpunkte für Ermittlungen waren nicht nur der blaue Filzstift oder der Berg, sondern auch: Was muss jemand gelernt haben, um überhaupt zu wissen, was der magnetische Nordpol ist? Musste jemand beim Militär gedient haben für dieses Wissen um Chiffrierung?

Alles konnte ein Hinweis sein - oder ein Täuschungsmanöver, und genau deshalb sind Freunde rätselhafter Codes weltweit noch immer so fasziniert von den Zodiac-Morden.

Sie knackten den Code: ein Amerikaner, ein Australier, ein Belgier

Eines der Mitglieder des Entschlüsslerteams, das den Code "340 Cypher" nun geknackt hat, ist David Oranchak, ein Softwareentwickler aus dem US-Bundesstaat Virginia. "Als ich die Botschaften zum ersten Mal sah, da dachte ich, dass ich ein Computerprogramm entwickeln und es rasch lösen könnte", sagte er im Gespräch mit dem San Francisco Chronicle. 14 Jahre lang versuchte er in Solo-Arbeit, das Rätsel zu entschlüsseln, bevor er sich vor sechs Monaten mit dem australischen Mathematiker Sam Black und dem Programmierer Jarl Van Eycke aus Belgien zusammentat. "Das Ding hat mir in den Hintern getreten. Ich war derart ans Scheitern gewöhnt, dass die Lösung ein riesiger Schock für mich war", sagte er über den Code.

Das Team hatte 650 000 Entschlüsselungsvarianten erstellt. Es stellte sich nun heraus, dass der Mörder die Botschaft in drei Teile zerstückelt und die Symbole diagonal (eins runter, zwei nach rechts) und teilweise rückwärts angeordnet hatte. Oranchak veröffentlichte ein grandioses 13-Minuten-Video auf Youtube, in dem er die Vorgehensweise erklärt und enthüllt, dass dem Mörder wohl ein winziger Fehler unterlaufen war (er hatte in einer Zeile ein Symbol vergessen). So wurde seine Botschaft noch komplizierter zu entschlüsseln.

Hinweise auf seine Identität? Fehlanzeige!

Die Botschaft selbst enthält wenig Aufschlussreiches. Der Absender verhöhnt die Ermittler ("Ich hoffe, ihr habt eine Menge Spaß dabei, mich zu jagen") und prahlt: "Ich habe keine Angst vor der Gaskammer." Und wie in anderen Briefen buchstabierte der Mörder das Wort "Paradies" falsch ("paradice" statt "paradise"). "Wir waren ein bisschen enttäuscht, dass keine Hinweise auf die Identität enthalten sind", sagt Oranchak. Also ein Name, ein Ort, ein Arbeitgeber. "Wir hoffen aber, dass die Ermittler damit einen Schritt weiterkommen."

Zumindest dieses Rätsel ist nun gelöst, sowohl das FBI als auch die kalifornischen Behörden wollen weiter ermitteln. Es gibt da ja noch diese andere Botschaft vom 20. April 1970. Zodiac schreibt darin: "Mein Name ist ...", es folgen 13 Symbole. Oranchak glaubt, dass dieses Rätsel aufgrund der Kürze nur mit sehr viel Glück zu entschlüsseln sei. Und selbst wenn: Wer weiß, ob da wirklich der richtige Name steht?

Es könnte sein, dass das Entschlüsseln der komplizierten Botschaft "340 Cypher" Code-Knacker in aller Welt dazu animiert, auch die restlichen Botschaften zu dechiffrieren und vielleicht doch noch eine Antwort zu finden auf die Frage: Wer ist Zodiac?

© SZ/nas
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