Kriminalität:Der älteste Angeklagte ist 21 Jahre alt

Ayman sieht hin und wieder in den Zuschauerraum, wo seine Eltern sitzen, die Mutter mit Kopftuch, der Vater mit zerfurchtem Gesicht. Nour, der Anstifter, der mit 21 Jahren der älteste, aber auch der kleinste der sieben ist, wirkt, als sei er den Tränen nahe. Er bekommt kaum den Mund auf, als ihn die Richterin nach seinem Geburtsdatum fragt. "Der 20. im elften Monat", sagt Nour leise. Ob er da sicher sei, fragt ihn die Richterin. "Nein, es ist der 21.", sagt Nour.

Die Plastiktüte unter dem Kopf des Obdachlosen habe schnell und stark gebrannt

Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift. Sie lautet auf versuchten Mord, weil die jungen Männer heimtückisch gehandelt hätten. So habe ein Gutachten der Bundesanstalt für Materialforschung ergeben, dass die Plastiktüte unter dem Kopf des Obdachlosen sehr schnell und stark gebrannt habe, der Mann also auf besonders grausame Art gestorben wäre.

Das sieht die Verteidigung anders. Als die jungen Männer das Taschentuch anzündeten, hätten sie auf der Anzeige am Bahnsteig gesehen, dass in zwei Minuten eine U-Bahn kommt, sagt einer der Verteidiger in einer Prozesspause. Sie hätten also nicht mit dem Tod des Mannes rechnen können, "die haben einfach etwas Leichtsinniges gemacht".

Was auch immer der Prozess, der am Freitag fortgesetzt wird, ergeben wird - der Fall hat ein Schlaglicht auf die Lebensbedingungen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge geworfen. Fünf der Angeklagten kamen ohne Eltern nach Deutschland, der Palästinenser Nour war in Syrien schon in einem Flüchtlingslager geboren worden. In Berlin lebten sie dann in irgendwelchen Unterkünften, lernten Deutsch oder auch nicht. Bashar war selbst obdachlos, als er nach einer öffentlichen Fahndung verhaftet wurde. Die Untersuchungshaft ist sein erster fester Wohnsitz in Deutschland.

Der Staatsanwalt glaubt allerdings nicht, dass die Verhältnisse in den Unterkünften eine Rolle gespielt haben. Die jungen Männer hätten nicht in "der schwierigen Massenunterbringung" gelebt, wie es sie noch immer in Berlin gibt.

Es sei eher auffällig, sagt der Staatsanwalt, dass die Tat "in der Heiligen Nacht" geschah, als alles geschlossen hatte und nicht mehr viele Leute unterwegs waren. "Die haben sich einfach gelangweilt."

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