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Krim:Zum Heulen

Streng aber gefasst: Nikolaus II. vor dem angeblichen Gefühlsausbruch.

(Foto: Anton Volk/AP)

Eine Statue des letzten russischen Zaren Nikolaus II. weint echte Tränen. Das behauptet zumindest eine kulleräugige russische Parlamentarierin.

Von Julian Hans, Moskau

Dass die Krim für die Russen kein gewöhnlicher Landzipfel im Schwarzen Meer sei, sondern vielmehr heilige Erde, hat Wladimir Putin früh klargemacht, nachdem er die ukrainische Halbinsel annektierte. Der Ort habe "sakrale Bedeutung" für Russland, vergleichbar mit dem Tempelberg in Jerusalem, sagte er in seiner Rede an die Nation im Dezember 2014. Nun wird ein erstes Wunder von der heiligen Erde gemeldet.

In einem Fernsehinterview berichtete die Parlamentsabgeordnete Natalja Poklonskaja am Freitag, in der Gebietshauptstadt Simferopol habe eine Statue von Zar Nikolaus II. begonnen zu weinen. "Das ist ein Wunder, das nicht einmal Wissenschaftler erklären können", sagte sie dem Sender Zargrad TV. "Die Leute bringen ihre Kinder zu der Büste, damit sie geheilt werden." Die Politikerin will das Phänomen hundert Jahre nach dem Sturz des letzten Zaren als Zeichen verstanden wissen: "Unsere Herrscher stehen uns bei. Sie sind dafür gestorben, dass wir Russland wieder zu einem großen und blühenden Land machen. Das ist unsere Pflicht." Poklonskaja selbst hatte nach dem Anschluss der Krim an Russland eine gewisse Berühmtheit erlangt, als sie mit damals 33 Jahren zur Generalstaatsanwältin der Halbinsel ernannt wurde. Ihre Kulleraugen und ihr kindliches Gesicht in Verbindung mit der Uniform der russischen Staatsanwaltschaft beflügelten die Fantasie japanischer Manga-Zeichner. Kreml-Claqueure befeuerten den Kult nach Kräften, lenkte das niedliche Image der obersten Anklägerin doch wunderbar davon ab, mit welcher Härte die russische Justiz auf der Halbinsel gegen Kritiker, vor allem gegen die Krimtataren vorgeht. Poklonskajas Name war unter den ersten, die die EU wegen Beteiligung an der Annexion auf ihre Sanktionsliste setzte.

Seit Poklonskaja bei den Parlamentswahlen im September für die Kreml-Partei Einiges Russland in die Staatsduma eingezogen ist, sorgt sie immer wieder mit eigenwilligen Wortmeldungen dafür, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Sie vertritt dabei Positionen konservativ-reaktionärer Orthodoxer. Zuletzt warf sie dem Filmdrama "Matilda" öffentlich "Extremismus" vor - ohne ihn überhaupt gesehen zu haben. Mit dem deutschen Lars Eidinger in der Hauptrolle erzählt der Regisseur Alexej Utschitel die Geschichte der Jugendliebe zwischen Nikolaus II. und der Tänzerin Matilda Kschessinskaja.

Die orthodoxe Kirche hatte den letzten Zaren und seine Angehörigen im Jahr 2000 heiliggesprochen. Poklonskaja betrachtet es als ihre besondere Aufgabe, das Gedenken an die Romanows zu pflegen. Im Oktober vergangenen Jahres hatte sie neben der Generalstaatsanwaltschaft in Simferopol eine Kapelle für die Heiligen Zaren-Märtyrer eröffnet.

Dass dort nun die Büste von Nikolaus II. weint, berichtete am Wochenende selbst die Kreml-treue, aber grundsätzlich seriöse Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta: "In der Tat ist es offensichtlich, dass die Büste mit einer öligen Flüssigkeit bedeckt ist. Wer sie anfasst, kann sie fühlen." Es handle sich dabei um heiligen Chrisam, zitiert das Blatt den geistlichen Vorsteher der Kapelle. Das Moskauer Patriarchat wollte sich bislang nicht zu dem Phänomen äußern.

Inzwischen werden aus anderen Orten des Landes ähnliche Beobachtungen gemeldet: Der Bürgermeister von Swetogorsk an der finnischen Grenze berichtete dem Portal 47news.ru, im Zentrum der Nachbarstadt Wyborg weine die Lenin-Statue. "Wer glaubt, dass Lenin nicht weint, kann sich ja vorstellen, dass er sich ein bisschen über Poklonskaja lustig macht", ist dort zu lesen.

© SZ vom 07.03.2017

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