Kriegsaltlasten Wenn der Weltkriegsbunker den Kindergarten bedroht

Unter dem Kindergarten in Nalbach im Saarland schlummerte jahrzehntelang eine große Gefahr für die Kinder. (Symbolbild)

(Foto: imago/Werner Otto)

In der Gemeinde Nalbach im Saarland ist eigentlich alles gut - gäbe es da nicht diesen Stollen, der bald einzustürzen könnte. Um das zu verhindern, will das Dorf jetzt die Bundesrepublik verklagen.

Von Christian Ignatzi

Wind weht durch das hüfthohe Gras auf dem verlassenen Spielplatz des Kindergartens St. Peter und Paul. Ein Metallzaun, zwei Meter hoch, ein Stoppschild hängt daran, und eine Aufschrift: "Zutritt strengstens verboten". An einem Fenster steht, dass die Kinder jetzt im Nachbarort Piesbach untergebracht sind. Als vor einem Jahr der Tag des Umzugs gekommen war, erfuhr keines der Kinder, welche Gefahr unter ihnen geschlummert hatte. Ein maroder Bunker. Aus dem Krieg.

Nur ein falscher Schritt. Ein zu kräftiger Hüpfer - alle 110 Kinder hätten in die Tiefe stürzen können.

"Wenn da was passiert wäre - mein lieber Otto", sagt der Bürgermeister

Nalbach im Saarland, 9209 Einwohner, Bergbau-Region. In vier Wochen gibt es eine Koch-Zauber-Show im Rathaus, die Kirmes war schon und der Bauernmarkt im Nachbarort auch. Eigentlich ist alles gut an diesem Ort, in dem der Bürgermeister bei der Wohnungssuche hilft. Gäbe es da nicht diesen Bunker. Besser gesagt dieses Bunkersystem. Es liegt unter der Erde und jetzt, nach mehr als 70 Jahren, ist es einsturzgefährdet. "Wenn da was passiert wäre - mein lieber Otto", sagt Peter Lehnert und schüttelt den Kopf.

Peter Lehnert steht am Ende des Stollensystems, unter dem Kindergarten. Er ist der Bürgermeister von Nalbach und trägt jetzt eine Stirnlampe auf dem Kopf. Von der Decke tropft Wasser und Muff liegt in der Luft. An den Seiten des gemauerten Gangs modern uralte Feldbetten vor sich hin. Lehnert zeigt auf eine Stelle in der Mauer. "Hier war die Wand, wegen der niemand wissen konnte, dass dieser Gang weitergeht."

Ans Licht kam das alles zufällig. Die saarländische Gemeinde Nalbach wollte vor einem Jahr ihren Kindergarten renovieren lassen. Die Bodenbeschaffenheit zu prüfen, sollte nur Formsache sein. Während des Zweiten Weltkriegs lag das Örtchen vor den Toren von Saarlouis in der sogenannten Roten Zone, also an der Front. Das Deutsche Reich ließ das Dorf zum Schutz mit einem zweiteiligen Stollensystem untertunneln. Das ist lange bekannt.

Was nicht bekannt war: Es gibt eine nicht fertig gestellte Verbindung zwischen den Stollen, eine versteckte, direkt unter dem heutigen Kindergarten. Und selbst das wäre halb so wild. Doch weil insgesamt sechs Kammern unter Tage eingestürzt sind, ist der Fußboden des Hauses an manchen Stellen nur noch wenige Zentimeter dick. Darunter: eine Grube.

"Das ist eine ganz sensible, emotionale Situation", sagt jetzt Bürgermeister Lehnert im Stollen. Er ist gelernter Frisör, trägt seine grauen Haare zu einem langen Pferdeschwanz gebunden und ist seit August 2012 im Amt. Jetzt will er für seine Gemeinde Nalbach kämpfen. Lehnert will Deutschland verklagen.

Als vor einem Jahr, nach der Prüfung des Bodens, klar wurde, dass das mit dem Kindergarten so nicht weitergehen kann, kontaktierte Peter Lehnert die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die sich für die Bundesrepublik um Militärbauten aus dem Zweiten Weltkrieg kümmert. Lehnert forderte Schadenersatz. Was er aber bekam war eine Absage. Laut Kriegsfolgegesetz ist es zwar die Aufgabe der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Gefahren zu beseitigen, die durch Wehrmachtsstollen entstehen. Die Behörde teilt auf Anfrage jedoch auch mit: "laut Gesetz hätte der Grundstückseigentümer spätestens zum Ablauf des Jahres 1959 seine Ansprüche angemeldet haben müssen". 1959. Die Gemeinde Nalbach ist also knapp 60 Jahre zu spät dran.

"Keiner von uns wusste, dass dort ein Blindstollen ist", sagt Peter Lehnert dazu. Und wie solle etwas verjähren, von dessen Existenz keiner eine Ahnung hat? Ein Jahr ist die Absage nun her. Ein Jahr hatte die Gemeinde Zeit, eine Klage gegen die BImA als Vertreterin der Bundesrepublik vorzubereiten und fristgerecht einzureichen. Anfang November soll sie beim Landgericht Saarbrücken eingehen. Die Kinder sind im Nachbarort Piesbach, im Kindergarten St. Johannes, untergebracht.

Nalbach könnte auf einem Betrag von mehr als einer Million Euro sitzen bleiben

Die Geschichte, der Krieg, der Bunker unter dem Kindergarten - all das hat sie kalt erwischt, die Nalbacher. Eine Erzieherin sagt: "Ich bin ja selbst schon in diesen Kindergarten gegangen." Und selbst der Stollen - ohne den neu entdeckten Bereich unter dem Kindergarten - war Alltag für das saarländische Dorf.

Noch heute sind hinter zahlreichen Garagen und in Hinterhöfen Eingänge zum Tunnelsystem zu finden. Die Anwohner verwenden die Eingänge als Keller. Auch Stollenfeste waren normal. Den Stollen mit etwas Bedrohlichem zu verbinden, war in den Köpfen der Anwohner nicht vorgesehen. Bis sich vor einem Jahr die Vergangenheit plötzlich zurückmeldete.

Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg in deutschen Böden sind keine Seltenheit. Meist geht es um Blindgänger auf Baustellen. Viele Bunker- und Stollenanlagen hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben inzwischen verkauft. Häufig dienen sie als Wohnhäuser oder Proberäume für Musiker. Probleme wie in Nalbach sind selten. Klagen gegen den Bund gab es in der Vergangenheit aber mehrfach, teilt die Bundesanstalt mit. 2006 entschied der Bundesgerichtshof zuletzt, dass die Verjährung im Jahr 1959 rechtens sei.

Die verschuldete Gemeinde Nalbach bleibt im schlimmsten Fall auf einem Betrag von mehr als einer Million Euro sitzen. Den Stollen auffüllen, das Haus sichern, die Voruntersuchungen und Arbeiten - das ist teuer. Doch Peter Lehnert hat schon Erfahrung mit Schadensmanagement.

Vor fünf Jahren - da war Lehnert noch Vorstandsmitglied im Landesverband der Bergbaubetroffenen Saar - erreichte er nach jahrelangem Streit mit dem Konzern RAG eine Entschädigungszahlung von gut sieben Millionen Euro. Der Landkreis Saarlouis war zuvor bundesweit in den Medien gewesen, der Kohlebergbau hatte ein Erdbeben mit einer Stärke von 4,0 verursacht. Schornsteine stürzten ein, Ziegel fielen von Dächern, Kinder schrien vor Angst und konnten nächtelang nicht schlafen.

Diesmal bekamen die Kinder kaum etwas mit, die Erzieherinnen erzählten ihnen nur von Renovierungen. Ob sie jedoch jemals in ihren alten Kindergarten zurückkehren können, muss jetzt ein Gericht entscheiden.

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