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Kreuzer-Wrack vor Santorin:Touristen-Idylle mit Zeitbombe

Vor einem Jahr sank die Sea Diamond vor Santorin, bis heute fühlt sich niemand für das Wrack zuständig. Auf dem Meeresgrund liegen 22.000 Tonnen Stahl, aber das ökologische Risiko lagert in den Tanks des Kreuzers.

Kai Strittmatter, Santorin

Die Sonne schien und das Meer war still, als am 5. April 2007 die Sea Diamond den Hafen der Kykladeninsel Santorin ansteuerte. Das Kreuzfahrtschiff kollidierte mit einem Riff. Der Rumpf riss auf. Wasser drang ein in den Maschinenraum und ins Unterdeck. Das Schiff neigte sich zur Seite. Panik brach aus. Passagiere und Mannschaft, mehr als 1500 Leute, wurden innerhalb von zwei Stunden in Sicherheit gebracht. Von zweien, dem Franzosen Jean-Christophe Allain und seiner Tochter, fehlt bis heute jede Spur.

Sea Diamond Santorin; dpa

Kurz vor dem endgültigen Untergang: Seit nunmehr einem Jahr ist auch der Bug der "Sea Diamond" unter der Wasseroberfläche vor Santorin verschwunden. Die Gefahr bleibt.

(Foto: Foto: dpa)

Manolis Kefaloyiannis, damals Minister für die Handelsmarine, klopfte sich auf die Schulter: "Unsere Einsatzbereitschaft war eine Werbung für den Tourismus und die Evakuierung war die Reaktion eines modernen und effizienten Landes."

Kurz nach der Evakuierung wurde das Schiff Richtung Hafen geschleppt. Dann sank es. Und da liegt es bis heute. 22.000 Tonnen Stahl. Auf einem unterseeischen Hang. Der Bug in einer Tiefe von 126 Meter, das Heck bei 147 Meter. Einen Steinwurf nur vom Ufer entfernt. Ein Wrack. Eine Zeitbombe.

Für viele Griechenlandträumer ist Santorin die weißgekalkter Stein gewordene Postkarte schlechthin. Jetzt ist der Zorn groß auf der Vulkaninsel, wo man um die eigene Gesundheit und um die Touristen bangt. Ein modernes und effizientes Land?

15 bis 20 Liter Öl am Tag

Die Bürger, die sich bei der Initiative "Handeln für Santorin" engagieren, fühlen sich im Stich gelassen von einer Regierung, die schlampig und hilflos agiert, und von einer Reederei, die "die Zukunft unserer Kinder aufs Spiel setzt". Sie haben nun ein 50 Meter langes Banner angebracht an der Steilküste der Caldera: "Das Wrack muss raus". Warum? Weil da eben nicht nur Stahl liegt. Sondern viele Tonnen Öl und Diesel. Ein Maschinenraum voller Asbest. Hunderte Fernseher und Computer, Kühlschränke. Arsen, Blei, Kadmium und anderes Teufelszeug. Geschehen ist bislang nur eines: Das Öl, das an die Wasseroberfläche austrat, wurde abgepumpt.

Der Schiffsbesitzer, die Firma Louis Hellenic, verkündete stolz, die Behörden hätten ihnen attestiert, dass "die Küsten sauberer denn je zurückgegeben wurden". Dabei, findet die Firma, könne man es doch belassen. Das verbliebene Öl im Schiff auspumpen? Das Wrack heben? Nicht ihre Aufgabe.

Das Nationale Zentrum für Meeresforschung untersucht das Wasser vor Santorin regelmäßig. Stand der Dinge: Es treten im Moment nur noch 15 bis 20 Liter Öl aus am Tag. Die Schwermetallwerte seien leicht angestiegen, aber das sei noch kein Grund zur Sorge.

Aber das ist nicht der Punkt: Die Sea Diamond, sagen viele, sei eine Katastrophe im Wartestand. Öl, Asbest und Schwermetalle werden nämlich dann in großen Mengen freigesetzt, wenn das Schiff anfängt zu korrodieren. Und so könnte das Gift sich zum Beispiel bald im Wasser der Entsalzungsanlage der Insel wiederfinden. "All das hätte von Tag eins an herausgeholt werden müssen", sagt Giorgos Paximadis vom World Wildlife Fund WWF in Athen zur Süddeutschen Zeitung. "Bis heute aber ist nichts geschehen."

Die Louis-Gruppe, der das Schiff gehört, ist ein zyprisches Unternehmen "mit engen Beziehungen zu prominenten Politikern und zur Kirche sowohl in Griechenland als auch in Zypern", wie die Athener Zeitung Kathimerini anmerkt. Das Unternehmen lehnt alle Verantwortung ab: Die Seekarte sei fehlerhaft gewesen, das Riff nicht korrekt eingezeichnet, folglich trage der griechische Staat die Schuld.

Und der Staat? Mal flehte, mal drängte er, mal drohte er der Reederei - und blieb dabei jenseits aller starken Worte so merkwürdig tatenlos, dass sich der Louis-Sprecher erlauben konnte, die scharfen Worte aus Athen in diesem Frühjahr als bloßes "Feuerwerk" abzutun, und Kathimerini zum bitteren Schluss kam: "Dem griechischen Staat ist die Umwelt schnurzegal."

Hoffen auf die Europäische Union

Hoffnung kommt von der Europäischen Union. Auf Drängen von Umweltkommissar Stavros Dimas, eines Griechen, hat die EU-Kommission am 24. Juni das Wrack der Sea Diamond zu "Müll" erklärt.

Das erhöht den Druck auf die griechische Regierung und auf die Reederei - beide können nun über europäisches Umweltrecht gerichtlich belangt werden, wenn sie eine Verschmutzung mit Giftmüll "über längere Zeit" zulassen. "Das ist eine sehr gute Entscheidung", sagt WWF-Mann Paximadis. "Trotzdem bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass irgendetwas passiert diesen Sommer." Der WWF verlangt eine Bestrafung der Reederei - und sofortiges Handeln.

Paximadis verweist auf die Signalwirkung des Falles zu einer Zeit, da das Volumen der Öltransporte mit Riesentankern auch durch die Ägäis ständig wächst: "Wenn wir nicht einmal mit einem Schiffswrack vor der touristischsten Insel ganz Griechenlands fertig werden - was wollen wir denn dann tun bei einem viel größeren Unfall anderswo?"

© SZ vom 09.07.2008/grc
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