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Brand im Krefelder Zoo:Inferno im Affenhaus

"Wir werden in den nächsten Wochen massiv Trauerarbeit leisten müssen", sagt der Direktor. Mehr als 30 Tiere starben in der Silvesternacht bei einem Feuer im Krefelder Zoo. Bei der Polizei haben sich bereits mögliche Verursacher gemeldet.

Von Benedikt Müller, Krefeld

Am Tag danach riecht es immer noch verbrannt am Affenhaus im Krefelder Zoo. Vom Kunststoffdach des Tiergeheges ist nichts mehr übrig, zusammengehalten wird der Rest nur noch vom Kern aus Beton und den Metallstreben, die vom Feuer verzogen sind. Rabenschwarz schauen darunter die Baumkronen der einstigen Tropenlandschaft heraus. Der Stolz dieses städtischen Tiergartens, das Affenhaus, ist in Flammen aufgegangen.

Kurz nach Mitternacht, während die Menschen auf den Straßen mit Feuerwerk Neujahr feierten, fing das Affenhaus Feuer. Das Feuer tötete über 30 Tiere: fünf Borneo-Orang-Utans, zwei kongolesische Flachlandgorillas, mehrere Silberäffchen, Sakiaffen, Goldene Löwenäffchen, Zwergseidenäffchen, Flughunde, Dutzende Vögel und einen Schimpansen aus Westafrika. Noch zählen sie die toten Tiere.

"Alle diese Arten sind hochbedroht im Freiland", sagt Zoodirektor Wolfgang Dreßen, der am Mittag danach in schwarzer Kleidung erscheint, glasige Augen. Doch die todbringende Bedrohung in dieser Silvesternacht kam offenbar von oben. Und war wohl auch: menschengemacht.

Schon in der Silvesternacht hatten sich laut Polizei Zeugen gemeldet. Sie sollen gesagt haben: "Wir haben da am Himmel etwas gesehen." Sogenannte Himmelslaternen, auch bekannt als chinesische Fackeln. Menschen schreiben ihre Wünsche für das neue Jahr in die zylindrischen Laternen und lassen sie aufsteigen - als Alternative zu Raketen und Böllern.

"Die sind sehr auffällig, weithin sichtbar", sagt Gerd Hoppmann, der leitende Ermittler der Krefelder Polizei bei der Pressekonferenz. Fast zwölf Stunden sind vergangen. Polizei und Feuerwehr haben zur Pressekonferenz in die Scheune des Tierparks geladen. Das alte Backstein-Fachwerkhaus ist innen noch mit Tannenzweigen geschmückt, eine Rentier-Lichterkette glitzert am Holzbalken. Der Zoodirektor sitzt neben dem leitenden Ermittler, dem Vertreter der Feuerwehr, der Pressesprecherin des Zoos - alle sind bestürzt.

"Zeugen haben gesehen, dass solche Fackeln tatsächlich in die Nähe des Zoos geflogen sind", sagt Gerd Hoppmann, der leitende Ermittler. Und dass es anschließend auf einem Dach gebrannt haben soll. Hoppmann ist sich ziemlich sicher. "Möglicherweise kommen wir auch zu einem anderen Ergebnis, das ist aber nicht zu erwarten."

„Unsere schlimmsten Befürchtungen sind Realität geworden“, schrieb um 5.50 Uhr der Zoo Krefeld auf seiner Facebook-Seite.

(Foto: Alexander Forstreuter/AFP)

Dann aber hörten die Feuerwehrmänner aus dem Affenhaus Geräusche

Himmelslaternen sind seit 2009 verboten, weil sie hochgefährlich sind. Offiziell kaufen kann man sie nicht, aber im Internet bekommt man sie schon. Eine Kerze oder Brennpaste lässt den zylindrischen Laternenkörper in die Luft steigen. Drei dieser Fackeln, 34 Zentimeter Durchmesser, habe man in der Nähe des Zoos sichergestellt. Man will sie "kriminaltechnisch" untersuchen.

"Da stehen auch handschriftliche Dinge drauf", sagt Gerd Hoppmann. Er gehe davon aus, dass jemand aus dem Krefelder Stadtgebiet die Fackeln habe aufsteigen lassen - und "dass sehr viele Mitbürger das beobachtet haben".

Am Neujahrsabend melden dann die Agenturen, dass die möglichen Verursacher die Polizei kontaktiert haben: diejenigen, die womöglich für den Tod von mehr als 30 Tieren verantwortlich sind.

Die Trauer um die vielen Affen, die im Feuer den Tod gefunden haben, hat an diesem Tag zwei Begleiter: die quälende Frage, wie dieser Brand hätte verhindert werden können. Und die Erleichterung wegen Bally und Limbo. Wolfgang Dreßen, der Zoodirektor von Krefeld, sagt: "Es grenzt an ein Wunder".

Als die Feuerwehr um 0.40 Uhr zum Affenhaus kommt, steht es schon in Flammen. Ihnen war eigentlich klar, dass in diesem Gebäude kein Tier überleben konnte, sagt Kai Günther. Also bauten sie Brandriegel auf. Wenigstens das Känguru-Haus und der Gorilla-Garten, in dem eine junge Gorillafamilie lebt, sollten heil bleiben. Dann aber hörten sie aus dem Affenhaus Geräusche, "offensichtlich von Tieren", sagt Günther. Sie gingen mit Tierpflegern hinein - und tatsächlich. Zwei Schimpansen hatten sich vor den Flammen gerettet: eine Schimpansendame und ein junges Männchen, Bally und Limbo, leicht verletzt, aber extrem verstört.

"Wir werden in den nächsten Wochen massiv Trauerarbeit leisten müssen", sagt Wolfgang Dreßen. Dann erzählt er von Massa. Massa ist 48 Jahre alt geworden, er war der älteste Gorilla Europas, sogar vier Jahre älter als das Affenhaus selbst. "Ich habe ihn altern sehen", sagt Dreßen.

Der Brand ist eben nicht nur ein immenser Verlust für das Zooprogramm. Er ist auch eine Katastrophe für die Tierpfleger, die der Zoo an diesem Neujahrstag schützen will. Deshalb keine Presseinterviews, keine Auftritte vor laufender Kamera. Sie alle arbeiteten mit den Tieren, haben über Jahre persönliche Bindungen aufgebaut. Dass der Tierpark gegen Brandschäden versichert ist - wem hilft das gerade?

"Von der technischen Seite her würde man sicherlich heute anders bauen", sagt Zoodirektor Wolfgang Dreßen. Wachpersonal sei in der Silvesternacht natürlich anwesend gewesen, doch die Flammen waren zu schnell. Damals, 1975, als das Affenhaus für gut zwei Millionen D-Mark gebaut worden war, habe man nicht mit Rauchmeldern geplant. Und das wäre offenbar auch gar nicht so leicht: Die Staubentwicklung in einem solchen Gebäude ist groß. "Da würden solche Melder mehr Fehlalarme produzieren, als sie nutzen", sagt Kai Günther von der Krefelder Feuerwehr.

Geht man am Morgen nach dem Unglück durch den Zoo, umfängt einen Stille. Trampeltiere mümmeln auf Sand, Strauße traben durch ihr Gehege, Seelöwen tauchen vor den Kamerateams auf und wieder ab. Eigentlich hat der gut 80 Jahre alte Zoo im Grotenburgpark immer nur am ersten Weihnachtstag geschlossen. Aber wie soll man öffnen nach so einer Nacht?

Anwohner bringen Friedhofskerzen und Teelichter vor den Eingang. Blumen. Kuscheläffchen. "Wieso musste euch das passieren, wieso nur?", heißt es auf einem handbeschriebenen Schild, "Gestorben für euer Silvester-Vergnügen" auf einem anderen.

Noch in der Nacht, um 5.50 Uhr, hatte der Zoo auf Facebook eine kleine Nachricht veröffentlicht: "Unsere schlimmsten Befürchtungen sind Realität geworden." Und abgesehen von Bally und Limbo ist das leider wahr.

© SZ vom 02.01.2020/leja/muth
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