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Krebstherapien:Fachleute bezeichnen Steve Jobs' "alternative" Therapie als Selbsttötung

Wie Leentje C. und Fleur W. sind todkranke Menschen oft zu allem bereit, um ihr Leben zu verlängern. Sie zahlen Tausende Euro für Therapien, deren Wirkung im besten Fall unbewiesen ist, im schlechtesten tödlich. Viele misstrauen auch der Schulmedizin und wünschen sich eine Behandlung jenseits der oft belastenden Chemotherapie. Selbst der so technikaffine Apple-Gründer Steve Jobs ließ sich nach der Diagnose seines Bauchspeicheldrüsenkrebses neun Monate lang ausschließlich "alternativ" behandeln, bevor er doch in eine Operation einwilligte. Er habe quasi Suizid begangen, sagten Fachleute nach seinem Tod.

Gerade Deutschland gilt als Mekka für paramedizinische Angebote, die im Ausland oft verboten sind. Klaus R. schreibt auf seiner Website in niederländischer Sprache, er habe seine Praxis in Deutschland, weil "Heilmeister" wie er in den Niederlanden eben nicht arbeiten dürften.

Frischzellenbehandlungen, Stammzelltherapien oder "biologische" Krebstherapien - für all das gibt es hierzulande zuhauf Angebote. Mehr Kontrolle darüber fordert der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. "Es kann nicht sein, dass hier Substanzen verabreicht werden, die anderswo verboten sind", sagt er. "Mit der Hoffnung auf Leben kann man sehr gute Geschäfte machen. Der Staat muss klare Regeln setzen."

Der Markt sei "gigantisch", sagt auch Olaf Ortmann, Vizepräsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Er betont, dass es mitunter zusätzlich zu konventionellen Therapien mögliche Wege gebe. "Aber man kann Patienten nur empfehlen, sich in spezialisierten Krebszentren behandeln zu lassen, wo Fachleute den Zugang zu innovativen Therapien herstellen können, die seriös sind."

Sie nannten ihn Klaus

Dass die Patienten R. so sehr vertrauten, lag wohl auch an seinem warmherzigen Umgang mit ihnen. Klaus, wie er genannt werden wollte, war immer da, geduldig und mitfühlend, berichten Angehörige. Auf Bildern sieht man einen freundlichen Herrn mit Bart und grauem Haar. Dass er gar kein Arzt war, sondern im Schnellverfahren Heilpraktiker wurde, nachdem er jahrelang Medizintechnik in Kliniken verkauft hatte, spielte für sie keine Rolle.

Als es wichtig gewesen wäre, war R. allerdings nicht mehr da. Bald nach der Infusion am 27. Juli erging es den fünf Patienten schlecht, sie litten unter Schmerzen und Krämpfen. R. soll ihnen da einfach eine Vitaminspritze gegeben und sie nach Hause geschickt haben. Geschäftemacher? Scharlatan? Oder doch um seine Patienten bemüht? Was Klaus R. angetrieben hat, müssen die Ermittlungen klären. Ob er selbst an seine Therapie geglaubt hat? Seine Klinik bedauerte in der vergangenen Woche die Todesfälle - und den "unbegründeten Verdacht".