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Kreationisten-Museum:Und Gott erschuf die Dinosaurier

In den hübsch arrangierten Museums-Schaukästen zeigen die Kreationisten ihre Sicht der Dinge: Ja, die Sintflut gab es wirklich.

(Foto: Johannes Boie)

Gott hat die ganze Welt vor 6000 Jahren binnen sieben Tagen erschaffen. Daran glaubt man besser - sonst kommt es zu Horrorszenarien wie dem Nürnberger Reichsparteitag. Wer daran zweifelt, sollte das Museum der Kreationisten in Kentucky besuchen.

Man hat nun nicht geringe Lust, in den Garten zu spazieren und die fette Ente zu fangen, die dort sitzt. Man könnte das Tier in dieses eigenartige Gebäude tragen, an dessen Tür das Wort "Museum" steht, das aber kein Museum ist. Die Ente wäre vielleicht der einfachste Gegenbeweis zu dem, was in diesem Gebäude gelehrt wird.

Es handelt sich um eine Warzenente. Die Warzenente ist die domestizierte Form der Moschusente. Das wiederum ist eine große Art aus Südamerika, die zur Gruppe der Eigentlichen Enten gehört. Das fette Tier im Park hatte wilde Vorfahren. Es passt sich an. Seine Küken werden anders sein, als es selbst ist. Es ist ein Tier, Produkt der Evolution.

Das ist das Erstaunlichste an diesem Besuch: zu sehen, wie die Anhänger des Kreationismus ihre Augen vor dem Offensichtlichen verschließen können.

Es ist aber besser, die Ente im Garten zu lassen. Gut möglich nämlich, dass sonst der Sicherheitsmann seine 45er aus dem Halfter nehmen und einem raten würde, das "Creation Museum" in Petersburg, 2800 Bullittsburg Church Road, Kentucky 41080, zu verlassen. Und zwar weniger, weil man eine Ente in Geiselhaft genommen hätte, als weil man geleugnet hätte, was hier gelehrt wird.

Auf vielen großen Tafeln steht es: Die Erde ist 6000 Jahre alt. Gott hat die Erde und alle Lebewesen, auch Warzenenten, auf einmal erschaffen, und zwar in exakt sieben Tagen, die jeweils 24 Stunden dauerten. Es gibt keine Evolution. Der Grand Canyon ist in wenigen Tagen entstanden. Die Sintflut geschah exakt wie in der Bibel geschrieben, denn die Bibel ist, von der ersten bis zur letzten Seite, wörtlich auszulegen.

Mit Adam und Eva im Paradies

Wissenschaft heißt in diesen Räumen nicht "Wissenschaft", sondern "Das Wort der Menschen". Demgegenüber steht "Das Wort Gottes". Und dem glaubt man besser, einerseits, weil die lebensgroßen, elektrisch bewegten Dinosaurier neben der Puppe, die aussieht wie ein Steinzeit-Mädchen, ja glasklar belegen, dass Menschen und Dinosaurier zur gleichen Zeit lebten. Und andererseits, weil man sonst ein Teil der "heutigen Welt" ist, die im Untergeschoss ausgestellt wird.

Und lange Zeit lebten Mensch und Dinosaurier einträchtig nebeneinander.

Ein Teenager masturbiert vor einem Computerbildschirm, während sein Bruder Videospiele spielt. Zwei Frauen reden schlecht über eine dritte Frau. Eine junge, unverheiratete Frau ist schwanger. Überall Graffiti. Manche Besucher gucken betreten, andere heulen Rotz und Wasser. Und dann gehen sie einen Raum weiter und stehen vor einer grauen Betonwand, auf der Bilder vom Nürnberger Reichsparteitag und von Schädeln auf kambodschanischen Killing Fields zu sehen sind. Das, suggeriert das Museum, passiert, wenn der Mensch nicht glaubt, dass die Erde nur 6000 Jahre alt ist.

Ein Schritt durch die nächste Tür reicht, und man steht im Paradies. Lebensgroße Figuren von Adam und Eva, deren Brüste durch ihre überlangen Haare verdeckt sind, zeigen, wie schön alles einst war und wie schön alles wieder werden könnte. Aus Lautsprechern zwitschern Vögel. Dann kommt ein Modell der Arche Noah, präsentiert wie ein wissenschaftliches Ausstellungsstück. Teile davon sind so groß, dass man darin spazieren kann. Ein Käfig, wie es ihn im Schiff angeblich gab, soll beweisen, dass die 16 000 Tiere, die an Bord waren, problemlos versorgt werden konnten. Ein wichtiger Beweis, denn die Crew war nach Genesis 7, 13-16 eher klein: Nur acht Leute durften aufs Schiff. "Siehst du", sagt eine junge Mutter zu ihrem Kind, "so hat Noah die Tiere gefüttert."

Das ist das Prinzip des Museums: Drei, vier offensichtliche Widersprüche in der Lehre werden so anschaulich wie möglich widerlegt. Neben der Arche und der Sintflut widmet sich die Ausstellung dem Grand Canyon, der in nur wenigen Tagen entstanden sein soll, und der Paläontologie, was aus didaktischer Sicht am interessantesten ist.

Alle Antworten stehen in der Bibel

Auf einer nachgebauten Ausgrabungsstätte rund um Dinosaurierknochen aus Plastik präsentieren im Video zwei als Wissenschaftler vorgestellte Männer unterschiedliche Theorien. Der asiatisch aussehende Naturwissenschaftler erzählt jene Version, die man aus dem Biologieunterricht kennt. Ihm gegenüber steht eine ältere Version von Indiana Jones. Der Mann ist der Meinung, der Saurier sei vor 4300 Jahren während der biblischen Sintflut verschüttet worden. Zwei Wissenschaftler, jeder darf seine Meinung haben, aber einer ist moralisch überlegen, das erfährt man auf einer für Kinder eingerichteten Tafel: Nur wer Gottes Wort in seine Wissenschaft einbezieht, macht es richtig.

Das 27 Millionen Dollar teure Museum wurde 2007 von Ken Ham eröffnet, es ist privat finanziert worden. Ken Ham ist Anführer der Junge-Erde-Kreationisten in den USA, einer besonders fundamentalistischen Bewegung innerhalb strenggläubiger Christen. Sie verstehen sich als Gegenbewegung zu den Naturwissenschaften.

Viele von ihnen fordern, die biblische Lehre im Biologieunterricht anstelle, oder zumindest gleichberechtigt mit der Evolution zu unterrichten. Die Bewegung ist erfolgreich: Ein Video, das Ham in einer Debatte mit Bill Nye, einem aus dem Fernsehen bekannten Wissenschaftler, zeigt, wurde auf Youtube seit Februar rund drei Millionen Mal angeschaut. Derzeit bekämpft Hams Organisation die Show "Cosmos" des Astrophysikers Neil deGrasse Tyson - weil er auf Fox aus naturwissenschaftlicher Sicht über den Urknall spricht.

Seit Jahrzehnten streiten Hams Anhänger und viele weitere fundamentalistische Christen vor Gerichten dafür, die Evolutionstheorie aus den Schulen zu verbannen und das, was sie "Wort Gottes" nennen, als Lehre aufzunehmen. Das "Creation Museum" ist ihr Beweis, dass ihr Glaube korrekt ist.

Woher kommen wir? Warum sterben wir?

Aber warum glaubt man an eine Theorie, die der Realität offenbar widerspricht? Jerry Muller (Name geändert) steht unter dem sanft baumelnden Schwanz des Plastiksauriers. "Hier sind alle Fragen beantwortet", sagt er, "wir können das Geld für die Forschung sparen. Es steht alles in der Bibel."

Muller, ein Luftfahrtingenieur, hat der Wissenschaft abgeschworen, er arbeitet als Missionar. Woher kommen wir? Warum sterben wir? Was sind wir? Wer die Bibel wörtlich nimmt, hat keine Fragen mehr. Jerry Mullers Weltbild hat sich längst verselbständigt. Er reichert es an mit Plattitüden wie jener, dass auf einem Dinosaurierknochen nun einmal nicht stünde, wie alt er sei, und daher auch Wissenschaftler nicht sicher sein könnten, und mit Gerüchten wie jenem, dass auf dem Mount Everest Schlangen lebten.

Das alles passt sehr gut in dieses Gebäude, das eine Mischung aus gotischer Burg, Pyramide und Highschool-Cafeteria ist. Die Bibel ist hier eine einfache Lösung für einfache Menschen mit komplexen Problemen. Deshalb findet der Kreationismus in den streng christlichen Teilen der Welt, darunter viele Staaten im Mittleren Westen und Süden der USA, so großen Zuspruch.

Draußen vor dem "Creation Museum" sitzt die Warzenente im Garten, sonnt sich und guckt dumm. In ihrem Teich schwimmen Schlangen, vielleicht sind es auch nur Schleichen, klein und schwarz. Wie Gott sie schuf? Wie die Evolution sie hervorbrachte. Die Sünde ist überall.