Krawalle in Nantes Tiefes Misstrauen gegenüber der Polizei

Die Feuerwehr löscht seit vier Nächten brennende Autos in Nantes.

(Foto: AFP)

Seit dem Tod eines 22-Jährigen brennen im französischen Nantes Autos, Jugendliche randalieren auf den Straßen. Ein Polizist will inzwischen nicht mehr aus Notwehr gehandelt haben.

Von Thomas Hummel

Die Tour de France startet an diesem Wochenende in Westfrankreich. Die Fahrten der Radler sind für die jeweiligen Regionen auch eine willkommene, lange Werbesendung, ein Schaufenster für die Welt. Der Region Pays de la Loire käme ein wenig positive Resonanz sehr gelegen, denn die Hauptstadt Nantes sendet derzeit vor allem Szenen der Gewalt. Mal wieder.

Vier Nächte in Serie brennen nun Autos in Nantes, stehen sich Polizeikräfte und randalierende junge Leute gegenüber. Bushaltestellen sind zerstört, Geschäfte demoliert, Brandsätze wurden am Rathaus gelegt, an einer Berufsschule, einer Schule und einem Therapiezentrum. Grund für die Gewalt ist der Tod des 22-jährigen Aboubakar F., der am Dienstag bei einer Polizeikontrolle von einer Kugel getroffen wurde.

Ein Unfall, doch keine Notwehr

Der Fall zeigt, wie groß das Misstrauen ist zwischen der Bevölkerung in Frankreichs Vorstädten und dem Staat. Viele Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich systematisch benachteiligt. Der Tod des jungen Mannes bestätigt sie. Denn von Beginn an gab es Zweifel an der Aussage des Beamten, er habe aus Notwehr geschossen. Am Freitag nun räumte er tatsächlich eine Falschaussage ein. Sein Anwalt sagte, bei dem Schuss habe es sich um "einen Unfall" gehandelt, sein Mandant habe den Mann versehentlich erschossen. Der Untersuchungsrichter eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen den Polizisten wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Am Dienstagabend war Aboubakar F. mit seinem Wagen in eine Straßenkontrolle der Polizei geraten. Der 22-Jährige war per Haftbefehl gesucht worden wegen "bandenmäßigen Diebstahls", offenbar war er in Nantes untergetaucht. Nach ersten Angaben der Beamten habe er eine falsche Identität angegeben und wurde aufgefordert, zu einer Polizeistation zu folgen. Dabei hätte er einen Fluchtversuch gestartet, hätte einen Beamten angefahren, woraufhin ein Kollege die Schusswaffe zog. Dieser schoss ihm in den Hals.

Bald verbreiteten sich allerdings Zeugenaussagen, die den Tathergang anders beurteilten. Einer äußerte sich in der Zeitung Le Monde und verglich die Polizisten mit "Robocops". Demnach hätte der Überprüfte den Wagen zwar nach hinten gesetzt, vermutlich um zu flüchten. Dabei aber sei er gegen eine Mauer gefahren und damit quasi gefangen gewesen. Kein Beamter sei verletzt worden, dennoch habe der Polizist sofort geschossen. Am Freitag versammelten sich etwa 1000 Bürger zu einem Gedenkmarsch, sie forderten "Gerechtigkeit für Abou" und die "Wahrheit". Auf einer Mauer neben dem Tatort sprühte jemand mit Graffiti: "Polizei tötet".