bedeckt München 25°

Krankenpfleger:Niels Högel - Geschichte einer beispiellosen Mordserie

Mordprozess gegen Krankenpfleger

Niels Högel Ende 2014 im Landgericht Oldenburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

In Krankenhäusern in Delmenhorst und Oldenburg soll der Krankenpfleger mindestens 90 Menschen getötet haben. Die Rekonstruktion des mutmaßlich größten Verbrechens eines Einzelnen in der Nachkriegszeit.

Wie viele Menschen Niels Högel getötet hat, ist bis heute nicht klar. Mindestens 90 Fälle können ihm nun nachgewiesen werden. Schon jetzt steht damit fest, dass der heute 40-Jährige wohl für die größte Mordserie eines Einzelnen in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich ist.

Der Täter

Niels Högel wurde in Wilhelmshaven zum Krankenpfleger ausgebildet. Danach, ab 1999, arbeitete er zunächst im Krankenhaus Oldenburg auf der Intensivstation, von 2002 an dann im Klinikum Delmenhorst.

Er soll ein engagierter Krankenpfleger gewesen sein, manchmal auf seltsame Art engagiert, sagten seine Kollegen später bei Gericht. Einem Arzt sei einmal aufgefallen, dass Niels Högel vor einer Wiederbelebung erst auf den Gang gelaufen sei und zwei Lernschwestern herbeigerufen habe, bevor er mit der Reanimation des Patienten begann.

"Die Menschen waren Spielfiguren für Sie - in einem Spiel, in dem nur Sie gewinnen und die anderen alles verlieren konnten", sagte der Vorsitzende Richter in einem Prozess gegen Niels Högel im Jahr 2015.

Die Taten

Seine Taten verübte Högel auf die jeweils gleiche Art und Weise: Mit insgesamt fünf verschiedenen Medikamenten brachte er Patienten in einen "reanimationspflichtigen Zustand", um anschließend bei der Wiederbelebung seine Fähigkeiten zu beweisen. Immer wieder gab er an, die Mittel nur Patienten injiziert zu haben, die bereits in einem kritischen Zustand waren. "Auch das ist noch wie vor zweifelhaft", sagt Arne Schmidt, der Leiter der Sonderkommission "Kardio".

Zunächst hatte Högel ausgesagt, im Jahr 2002, also erst im Klinikum Delmenhorst, zum ersten Mal auf diese Weise mit Menschenleben experimentiert zu haben. Später gab er auch Tötungen in seiner vorangegangenen Zeit in Oldenburg zu. Seinen ersten Mord hat Högel im Februar 2000 begangen, sagte Soko-Leiter Schmidt nun. Taten davor, die Högel eingeräumt habe, können ihm nicht mehr nachgewiesen werden.

Insgesamt untersuchten die Ermittler mehr als 200 Fälle. Mehr als 130 Leichen wurden exhuminiert. Bei 27 der mehr als 100 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst wurden Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt. Diese 27 Taten hat Niels Högel "pauschal gestanden", wie die Staatsanwaltschaft sagt. Pauschal bedeutet, dass er sich nicht an jede einzelne Tat erinnern kann.

Die Ermittler vermuten, dass die Zahl der Getöteten wesentlich höher liegt. "Es ist schlichtweg nicht möglich zu sagen, wie viele Menschen Högel insgesamt getötet hat", sagte Schmidt. Auch seine Versuche ließen sich nicht nachweisen. Die belegbaren Tötungen in Oldenburg und Delmenhorst seien nur die Spitze des Eisbergs. "Das grauenhafte Wirken von Niels Högel sprengt jegliche Vorstellungskraft", sagte Johann Kühme, der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg. Noch stehen 41 weitere Untersuchungen an Kliniken aus. Nachweisbar ist bei der Exhumierung nämlich nur das gegen Herzrhythmusstörungen eingesetzte Antiarrhythmikum namens Gilurytmal. Etliche Male hat Niels Högel aber vermutlich auch mit Kalium getötet, und das findet sich in jeder Leiche.

Die Prozesse

Im Juni 2005 wurde Högel zum ersten Mal festgenommen, Kollegen aus Delmenhorst hatten Verdacht geschöpft. 2006 wurde er wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft verurteilt. Während er im Gefängnis saß, wurde er wegen weiterer Taten angeklagt: wegen zweifachen Mordes sowie dreifachen versuchten Mordes zwischen 2003 und 2005 am Klinikum Delmenhorst.

Im Februar 2015 wurde Niels Högel wegen dieser Fälle zu lebenslanger Haft verurteit, schon als das Urteil gesprochen wurde, war jedoch klar, dass es einen weiteren Prozess geben würde. Der Krankenpfleger hatte im Lauf der Verhandlungen gestanden, insgesamt 90 Menschen in Delmenhorst Gilurytmal gespritzt zu haben.

Im Urteil wurde auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt - und damit ausgeschlossen, dass Högel nach 15 Jahren auf Bewährung freikommt.

Niels Högel wird sich wegen der weiteren Fälle nun erneut vor Gericht verantworten müssen. Die Anklage werde immer Mord lauten, die rechtliche Konsequenz wird am Ende aber dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern.

Der Staatsanwalt hätte nur noch unterschreiben müssen - er tat es nicht

Die Ermittlungspannen

Niels Högel konnte nach seiner Verurteilung 2006 noch drei Jahre seinem Beruf nachgehen - obwohl sich schon damals viele Menschen bei der Polizei meldeten, deren Angehörige im Klinikum Delmenhorst ungewöhnlich plötzlich verstorben waren. Doch die Vorwürfe verhallten lange Zeit, offenbar weil sich ein Oldenburger Staatsanwalt nicht kümmerte.

Zwischen 2006 und 2008 war er für den Fall zuständig - und unternahm so gut wie nichts. Sein Nachfolger war kaum aktiver. 2011, als Niels Högel schon im Gefängnis saß, ging der Fall wieder zurück an den zuerst mit dem Fall betrauten Staatsanwalt. Doch obwohl die Angehörigen nach einer Untersuchung verlangten und auch die Polizei drängte, zeigte er keinerlei Engagement. Die Beamten hatten dem Staatsanwalt sogar eine Liste möglicher Opfer vorgelegt und um Erlaubnis zur Exhumierung gebeten, der Staatsanwalt hätte nur noch unterschreiben müssen. Er tat es nicht.

"Jahrelanger Ermittlungsboykott" - mit diesen Worten bezeichneten Kollegen das Verhalten des Staatsanwalts. Im April 2015 wurde er wegen des Verdachts auf Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung angeklagt, im September entschied das Landgericht Oldenburg, die Anklage nicht zuzulassen.

Die Kliniken

Auch die Kliniken, in denen Högel tätig war, stehen in der Kritik: "Es mussten ständig Patienten reanimiert werden, wenn Niels Högel Dienst hatte", sagte Otto Dapunt, ehemaliger Chefarzt in Oldenburg, beim Prozess im Jahr 2015. Also wollte man den Krankenpfleger in Oldenburg schnell loswerden - aber geräuschlos.

"Das Klinikum hatte seinerzeit Hinweise, Auffälligkeiten, ein ungutes Gefühl und vereinzelt auch die Überzeugung, dass hier etwas nicht stimmt", sagte Dirk Tenzer, Geschäftsführer des Klinikums, vor Gericht. Bei vollen Bezügen stellte das Krankenhaus Oldenburg Niels Högel also frei, versprach ihm ein gutes Zeugnis, wenn er freiwillig gehe.

2002 wechselte er ins Klinikum Delmenhorst, bis er dort 2005 von einer Kollegin während einer Tat erwischt wurde. Ein Patient bekam plötzlich schwere Herzrhythmusstörungen, als Högel im Raum war. Die Kollegin entnahm eine Blutprobe, die positiv auf Gilurytmal getestet wurde. Innerhalb eines Jahres hatte der Verbrauch des Herzmittels im Krankenhaus Delmenhorst um mehr als 400 Prozent zugenommen. Die Polizei begann, gegen Niels Högel zu ermitteln.

In Delmenhorst lagen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft konkrete Hinweise vor, dass er Patienten tötete. Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch. "Die Morde hätten verhindert werden können", sagte Polizeipräsident Kühme. Die damals Verantwortlichen hätten aus Sicht der Ermittler schneller handeln und Unterstützung suchen sollen. "Im Klinikum Oldenburg wusste man um die Auffälligkeiten", sagte Kühme.

Mit Material der Agenturen

© SZ.de/jab/ick
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB