Koreanische Trostfrau im Zweiten Weltkrieg Dem "Menschenschlachthof" entronnen

Lee Ok-Seon ist 14, als sie verschleppt und in einem japanischen Militärbordell zur Prostitution gezwungen wird. Noch heute kämpft sie um Entschädigung und eine Entschuldigung ihrer Peiniger. Eine Begegnung.

Von Martin Mühlfenzl, Berlin

Die runde Brosche am Blazer von Lee Ok-Seon scheint eine gewaltige Last für die kleine, zierliche Frau zu sein. Es wirkt, als sei das Schmuckstück schwer, so schwer, dass es die 86-jährige Koreanerin gewaltsam zu Boden zerren könnte. Tief gebeugt sitzt sie an ihrem Platz, während sie ihre Geschichte erzählt. Doch Lee Ok-Seon lässt nichts und niemanden mehr Gewalt über sich gewinnen; sie setzt sich zur Wehr. Gegen die Vergangenheit, die Erinnerung, die Schmerzen und gegen einen großen und mächtigen Gegner: den Staat Japan.

Lee ist eine von mehr als 200.000 "Trostfrauen", die während der japanischen Herrschaft über die Koreanische Halbinsel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Militärbordellen verschleppt, vergewaltigt, geschlagen und erniedrigt wurden. Bis heute hat sie dafür keine Gerechtigkeit erfahren. Doch sie kämpft gegen die Sturheit des japanischen Staates an. Sie will eine Entschuldigung und Entschädigung. "Für das Blut, das wir gegeben haben."

Zweiter Weltkrieg

Als Japans Kaiser zur Kapitulation drängte

Lee führt diesen Kampf jeden Montag in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Mit ihren Leidensgenossinnen demonstriert sie dann vor der japanischen Botschaft. Doch der Staat ihrer ehemaligen Peiniger hört ihr nicht zu. Noch nicht.

"So haben sie mich gepackt"

"Hier in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten ist das anders", sagt Lee bei ihrem Besuch an der Technischen Universität in Berlin. "Hier ist man viel weiter, auch mit der eigenen Geschichte. Aber ich bitte Sie: Hören sie mir ganz genau zu und unterstützen sie uns. Hören sie zu."

Es ist der Moment, in dem das Lächeln aus dem von tiefen Falten zerfurchten Gesicht der 86-Jährigen verschwindet. Lee schließt die Augen und erinnert sich an jenen Tag, der ihr Leben für immer veränderte. Plötzlich fahren die beiden Arme der zierlichen Koreanerin in die Luft, der linke Arm ergreift den rechten und zieht heftig daran: "So haben sie mich gepackt, die beiden Männer. Einfach so, und dann haben sie mich auf einen Lastwagen geworfen und mitgenommen."

Mit 14 entführt und ins Bordell gebracht

Es geschah in ihrer Heimatstadt Busan im heutigen Südkorea. 1941 - vier Jahre vor Ende des Krieges in Europa und Asien. Lee Ok-Seon war damals 14 Jahre alt und arbeitete als Hausmädchen bei einer fremden Familie. Zur Schule gehen durfte sie nicht, die Eltern konnten sich das Schulgeld nicht leisten. Doch auch ihre Zeit als Hausmädchen währte nicht lange. An einem Spätnachmittag im Frühjahr schlugen die Besatzer zu. Zwei Soldaten ergriffen die 14-Jährige auf offener Straße und verschleppten sie, fort aus ihrem Heimatland mit dem Zug über die Koreanische Halbinsel bis ins ebenfalls von den Japanern besetzte China. In ein Militärbordell - "Troststation" nennt Lee ihre Hölle noch heute. "Bordell" kann sie nicht sagen. Die Scham über das Erlebte sitzt immer noch zu tief.

Es ist sehr still an diesem Abend in der Berliner Universität. So still wie an den Abenden zuvor in Darmstadt, Hamburg und Berlin. Lee ist der Einladung des Korea Verbandes gefolgt, einer Institution, die sich dem interkulturellen Austausch widmet und zwischen zwei sich sehr fremden Kulturen für Verständnis werben will. Wenn Lee Ok-Seon an ihre Leiden zurückdenkt und ihren Zuhörern davon erzählt, legt sie eine Hand auf ihre Brust - ihre Stimme aber ist stark und kontrolliert. Sie verliert sich nicht in Details über das, was ihr in dem Bordell in der chinesischen Provinz Jilin angetan wurde. "Darüber will ich nicht sprechen", sagt sie entschieden. Und es ist auch nicht notwendig, um zu verstehen. Nur so viel: "Wir wurden in Kimonos gesteckt, die wir bis dahin nicht kannten. Und wir mussten tun, was von uns verlangt wurde."