Diskriminierung:"Systematisch anders behandelt"

Frauen mit Kopftüchern

Frauen mit Kopftuch würden "systematisch anders behandelt", heißt es in der Studie.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Eine Studie findet deutliche Belege für die alltägliche Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch in Deutschland.

Von Markus Kollberg

Viele Bahnfahrer dürften die Situation kennen: Während man auf den Zug wartet, beginnt eine Person in der Nähe ein nicht zu überhörendes Telefonat. Ungewollt wird man Zeuge zahlreicher privater Dramen und Diskussionen und innerhalb weniger Sekunden ist der oder die Telefonierende in eine Schublade sortiert: Schönling, Streberin, Person, mit der man gerne mal ein Bier trinken würde.

Ein Forscherteam der London School of Economics in Großbritannien sowie der Universitäten Pittsburgh und von Pennsylvania in den USA hat diese Situation für ein Experiment herbeigeführt, um Erkenntnisse über die Diskriminierung kopftuchtragender Frauen in Deutschland zu gewinnen. Die Ergebnisse der Studie wurden gerade im renommierten American Journal of Political Science veröffentlicht.

An 26 Bahnhöfen deutscher Großstädte ließen die Forscher Schauspielerinnen telefonieren. Die erste Gruppe der Frauen präsentierte sich als nicht migrantisch, die zweite durch ihr Auftreten und ihre Aussagen über das Leben in Deutschland als migrantisch, die dritte Gruppe trug Hidschab. Alle Frauen sprachen lautstark über eine angebliche Schwester, die nach der Geburt ihrer Kinder wieder arbeiten gehen wolle. Die Aussagen dazu variierten: Einmal kritisierten die Schauspielerinnen die Entscheidung der Schwester scharf, ein andermal bewerteten sie diese positiv, oder aber sie zeigten sich eher neutral.

Anschließend ließen die Frauen scheinbar unabsichtlich einen Beutel mit Zitronen fallen. Half ihnen jemand, das über den Bahnsteig kullernde Obst aufzusammeln? Und fielen die Reaktionen unterschiedlich aus, je nachdem, welche Haltung sie zuvor kundgetan hatten?

Frauen mit Kopftuch werden systematisch anders behandelt

Die erste Beobachtung der Forscher: Bei gleichem Gesprächsinhalt zeigte sich bei den zwei Gruppen ohne Hidschab kein Unterschied in den Reaktionen der Passanten. In immerhin drei Viertel der Situationen wurde den Schauspielerinnen Hilfe angeboten. "Dies änderte sich jedoch, sobald eine Frau ein Kopftuch trug", sagt Mathias Poertner, einer der Autoren der Studie. Dann lag der Anteil der Situationen, in denen Hilfe angeboten wurde, rund acht Prozentpunkte niedriger. "Wir belegen, dass Frauen mit Kopftuch in Deutschland in ihrem alltäglichen Leben systematisch anders behandelt werden als Menschen ohne Kopftuch", sagt Poertner. Die Forscher sehen darin eine wissenschaftliche Bestätigung der zahlreichen Berichte kopftuchtragender Frauen über Diskriminierung in alltäglichen Situationen.

Die zweite Erkenntnis: Der Inhalt des Telefonats beeinflusste das Verhalten der Passanten nur bei den Schauspielerinnen mit Hidschab. Zeigten sie eine progressive Weltsicht, indem sie ihre vermeintliche Schwester dafür lobten, wieder arbeiten zu gehen, wurde ihnen deutlich häufiger geholfen als jenen Kopftuchträgerinnen, die ein konservativeres Familienbild erkennen ließen. Bei den Frauen ohne Kopftuch machte der Inhalt des Telefonats dagegen keinen Unterschied.

Das Ergebnis sehen die Forscher als Beleg dafür, dass viele Menschen bei Frauen, die Kopftuch tragen, automatisch sehr konservative Wertvorstellungen annehmen. "Tatsächlich belegen die Ergebnisse zahlreicher Studien, dass solche Vorurteile falsch oder veraltet sind. Die Wertvorstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund sind denen der Mehrheitsgesellschaft erheblich ähnlicher, als viele denken", sagt Poertner. Dabei macht er auch auf einen unfairen Doppelstandard aufmerksam: "Während Frauen mit Kopftuch in unserem Experiment diskriminiert wurden, wenn sie ein konservatives Weltbild zu erkennen gaben, war das für Frauen ohne Kopftuch und Migrationshintergrund nicht der Fall."

Reaktion ändert sich nur bei Passantinnen

Poertner weist auf ein weiteres interessantes Detail in den Ergebnissen der Untersuchung hin: Zwar diskriminierten männliche und weibliche Passanten gleichermaßen gegen Kopftuchträgerinnen, doch nur Frauen verhielten sich anders, wenn sie zuvor ein progressives Telefonat mit angehört hatten. Um überhaupt sicherzugehen, dass ein Großteil der 3700 in das Experiment involvierten Passanten das Telefonat als in ihrem Sinne progressiv wahrnimmt, wählten Poertner sowie seine Kollegen Danny Choi und Nicholas Sambanis das Thema Beruf und Familie, weil sich hier die Einstellung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geändert hat. Stimmten 1980 noch drei Viertel der Frauen in Deutschland der Aussage zu, Frauen sollten sich vor allem um die Kinder kümmern, während der Mann der Brotverdiener sei, waren es Mitte der 2010er-Jahre nur noch 20 Prozent. Eine Erhebung zur Haltung der Männer in dieser Frage wird in der Studie nicht erwähnt.

Poertner formuliert vor dem Hintergrund seiner Ergebnisse deutliche Forderungen an die Politik, um Diskriminierung und Vorurteile zu reduzieren. Wichtig sei es, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen mit und ohne Migrationshintergrund begegnen und eine gemeinsame Identität schaffen könnten, sagt er. Poertner erklärt: "Bloßer Kontakt zwischen Menschen mit verschiedenen Hintergründen reicht dabei nicht aus, wichtig ist es, gemeinsam etwas Identitätsstiftendes zu tun." Dies sei jedoch keine Bringschuld für Menschen mit Migrationshintergrund, vielmehr bestätige die Forschung, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei.

© SZ/feko
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