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Kommunikation:Franziskus calling

Papst Franziskus

"Ich bin Papst Franziskus, wir können uns duzen": Der Telefonpapst liebt das unmittelbare Gespräch.

(Foto: Evandro Inetti/dpa)

Er ruft sie alle an: Der Papst telefoniert viel und gerne - mit Mördern, mit einem TV-Moderator, mit Angela Merkel - und jetzt mit der Raumstation ISS. Ein Plädoyer für die Quasselstrippe im Vatikan.

Von Hannes Vollmuth

Der Fortschritt war schon immer ein Fuchs, dessen Spezialität es ist, eine Zukunft zu versprechen, in der man dann aufwachte und feststellte: Alles ein bisschen anders, aber immer noch mindestens genauso vertrackt. Aus dem durchaus bewährten Ritual, ein wie auch immer geartetes Telefon an die menschliche Ohrmuschel zu halten, um mit einem anderen Lebewesen Informationen, Gefühle und Geschichten auszutauschen, hat der Fortschritt zum Beispiel die getippte Nachricht gemacht, den Chat auf Whatsapp. Der Mensch, er tippt jetzt. Und tippt. Und tippt. Und versteht sich trotzdem nicht, weshalb er weiter tippt. Während ein spontaner Anruf inzwischen so goutiert wird wie ein Besuch von Moskau Inkasso. Es wird nicht mehr aufgemacht, sprich: ans Telefon rangegangen.

Nur so konnte es möglich werden, dass eine Meldung wie diese inzwischen Nachrichtenwert besitzt: Der Papst will an diesem Donnerstag telefonieren, mit den Astronauten der Internationalen Raumstation (ISS). Wahnsinn, oder? Telefonieren! Also mit spontanen Fragen und Antworten und so. Synchrone Kommunikation. Keine Emojis. Kein taktierendes Überlegen und unverbindliches Hinhalten. Kein angestrengtes Ringen um unangestrengt klingende Nachrichten voller Witz und Esprit.

Gut möglich, dass Franziskus also als der Telefonpapst in die Annalen des Archivio Segreto Vaticano eingehen wird. Nie war es wahrscheinlicher, einen Stellvertreter Gottes an der Leitung zu haben als heute (was doch wirklich Anreiz genug sein muss, mal ranzugehen).

Einen 19-jährigen Briefeschreiber aus Italien begrüßte der Oberhirte am Telefon mit dem Satz: "Ich bin Papst Franziskus, wir können uns duzen." Die italienische Fernshow "Unomattina" rief er an, einen Transgender-Mann, eine wiederverheiratete Frau, die deutsche Kanzlerin, einen Mörder, einen kranken Seminaristen und jede Menge Politiker.

Der italienische Journalist Beppe Severgnini hat bereits einen Leitfaden für unangekündigte Papstanrufe veröffentlicht. Ratschlag Nummer neun: "Beenden Sie nicht selbst die Konversation, lassen Sie den Pontifex entscheiden, wann Schluss ist." Als habe Franziskus die wahre Geißel der Menschheit erkannt: die kalte Whatsapp-Performance. Denn wie schön ist doch das warme, spontane und unbeholfene Telefonat: Wählen, sprechen, lachen, weinen, schweigen, auflegen. Halleluja.

© SZ vom 26.10.2017/olkl
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