bedeckt München 21°
vgwortpixel

Chapecoense:Flugzeugabsturz in Kolumbien ist das tragische Ende eines Märchens

Der brasilianische Fußball-Erstligist Chapecoense war auf dem Weg zum Finale im Südamerika-Cup. Für seine Aufstiegsgeschichte wurde er bewundert - nun ist fast die ganze Mannschaft tot.

Es sollte die Reise zum wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte werden. Aber dieses Spiel wird nicht stattfinden, denn die Mannschaft des brasilianischen Erstligisten Chapecoense gibt es nicht mehr. Ihr Flugzeug ist auf dem Weg zum Finale des Südamerika-Cups im kolumbianischen Medellín abgestürzt. An Bord waren 77 Menschen, offenbar haben höchstens sechs überlebt.

Die Maschine vom Typ Avro RJ85 gehörte der Charterflug-Gesellschaft Lamia, die 2009 in Venezuela gegründet und später nach Bolivien verlegt wurde. Das Flugzeug verunglückte im Nordwesten Kolumbiens, am Berg Cerro Gordo, 30 Kilometer vom Flughafen in Medellín entfernt. Wie die kolumbianische Luftfahrtbehörde mitteilte, war es am Montag gegen 22.15 Uhr (Ortszeit) vom Radar verschwunden. Die Piloten hatten zuvor einen Notruf wegen einer Störung an der Elektronik gemeldet.

Dieses Foto, kurz vor dem Abflug geschossen, postete der Klub auf Twitter. Es zeigt die Mannschaft und die Betreuer. Die meisten von ihnen überlebten den Absturz nicht.

(Foto: Capecoensa/Twitter)

Die entlegene, bergige und waldige Unfallstelle war für die Rettungskräfte zunächst nur auf dem Landweg zu erreichen. In der Nacht zu Dienstag herrschte dort offenbar extrem schlechte Sicht, es war regnerisch und sehr neblig. In den frühen Morgenstunden mussten die Bergungsarbeiten vorübergehend ausgesetzt werden. Zu den Überlebenden gehören nach bisherigen Berichten die Abwehrspieler Alan Ruschel und Helio Nieto, der Ersatztorhüter Jackson Follmann sowie eine Stewardess und ein brasilianischer Journalist, der das Team begleitete. Große Verwirrung gab es um den Stammtorhüter Danilo. Er war zunächst vom Roten Kreuz für tot erklärt worden, wenig später hieß es, er sei am Leben und liege schwer verletzt im Krankenhaus. Insgesamt waren die Profis von Chapecoense an Bord, dazu etwa zwei Dutzend Trainer, Betreuer und Funktionäre des Vereins sowie Journalisten und Crew-Mitglieder.

Brasiliens Staatspräsident Michel Temer ordnete am Dienstag eine dreitägige Staatstrauer an. Vor der Vereinszentrale von Chapecoense in der Stadt Chapecó im südbrasilianischen Bundesstaats Santa Catarina versammelten sich tausende Fans, um gemeinsam zu weinen. Die ganze Fußballwelt zeigte sich bestürzt über das Unglück. Fifa-Präsident Gianni Infantino sprach von einem "sehr traurigen Tag für den Fußball". Das Endspiel wurde abgesagt, Gastgeber Atlético Nacional schlug vor, dem AF Chapecoense den Titel zu überlassen.

Ein Provinzclub, der für seine Aufstiegsgeschichte bewundert wurde

Der Verein AF Chapecoense war bis vor kurzem selbst in Expertenkreisen weitgehend unbekannt. Ein Provinzklub, der mehrfach kurz vor dem Bankrott stand. Zuletzt wurde er in Brasilien aber für seine fast märchenhafte Aufstiegsgeschichte bewundert. 2009 spielte die Mannschaft noch in der vierten Liga, erst seit zwei Jahren ist sie erstklassig. Der Einzug ins Finale von Medellín war der größte Erfolg der Vereinshistorie. Der Südamerika-Cup ist vergleichbar mit der Europa League und der zweitwichtigste Klubwettbewerb auf dem Kontinent. Das Endspiel erreichte Chapecoense unter anderem durch eine sagenhafte Parade von Torhüter Danilo in der letzten Minute des Halbfinales - dem Vereinshelden, von dem zunächst niemand wusste, ob er noch lebt.

Einen Tag vor dem Abflug nach Kolumbien sagte Trainer Caio Junior in einem Interview: "Ich danke Gott, dass er mich hier hergebracht hat." Er steht nicht auf der Liste der Überlebenden.

Einer der bekanntesten Spieler in der Geschichte von Chapecoense ist der Deutsch-Brasilianer Paulo Rink, der später in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen wechselte und auch in der deutschen Nationalelf eingesetzt wurde. Rink teilte nun mit: "Mir fehlen die Worte. Ich weiß weder was ich denken, noch was ich machen soll." Die letzten Lebenszeichen des Teams stammen von einem wackeligen Video beim Check-In am Flughafen in São Paulo. Darin zeigten sich die Spieler in großer Vorfreude auf den wichtigsten Einsatz ihrer Laufbahn. Jetzt verstärken diese Bilder den Eindruck der Tragödie.

Untersuchung der Absturzursache läuft

Laut der kolumbianischen Zeitung El Tiempo musste die Delegation von Chapecoense im letzten Moment ihre Reisepläne ändern. Die brasilianische Flugbehörde untersagte dem Verein demnach, mit der Chartermaschine von Lamia nach Medellín zu fliegen. Deshalb nahm die Mannschaft offenbar einen Linienflug nach Santa Cruz de la Sierra in Bolivien und stieg erst dort in jenen Flieger ein, mit dem sie in den Tod stürzte. Der Direktor des Flughafens Viru Viru in Santa Cruz teilte am Dienstag mit, bei einer Routineuntersuchung vor dem Abflug seien "keine gravierenden Probleme" festgestellt worden.

Es dürfte bei der Untersuchung der Absturzursache nun im Wesentlichen darum gehen, ob Lamia die Maschine korrekt gewartet hatte. Vor knapp drei Wochen hatte die argentinische Nationalelf dasselbe Flugzeug für ein Länderspiel in Brasilien gechartert und war mit großer Verspätung nach Buenos Aires zurückgekehrt - offenbar wegen technischer Probleme.

© SZ vom 30.11.2016/lalse

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite