bedeckt München
vgwortpixel

Kolumbien:Mit Menschenraub auf Stimmenfang

Oscar Lombana

Oscar Lombana, kolumbianischer Bürgermeisterkandidat, inszenierte seine Entführung.

(Foto: privat / oh)

In Kolumbien inszeniert ein Bürgermeisterkandidat seine eigene Entführung. Während Parteifreunde sich um ihn sorgen, sitzt er wohlbehalten in einer Hütte. Nun muss er mit Konsequenzen rechnen.

Es war früh am Morgen des 10. September, als Óscar Lombano entführt wurde. Er war gerade unterwegs nach Cuaspud, einer kleinen Gemeinde im Süden Kolumbiens, kurz vor der Grenze zu Ecuador. Lombano wollte sich dort mit Anwohnern treffen, mit ihnen sprechen, ihnen zuhören, er steckte ja schließlich mitten im Wahlkampf. Am 27. Oktober finden in Kolumbien landesweite Wahlen statt, Lombano trat an als Bürgermeisterkandidat für die Gemeinde Potosí, doch nun standen da diese beiden Männer. Sie seien bewaffnet gewesen, erzählte Lombano später, seinen Fahrer hätten sie zum Aussteigen gezwungen und geknebelt. Er selbst sei mitgenommen worden, neun Tage sei er in der Hand der Entführer gewesen, bis er sich selbst befreien konnte.

All das klingt dramatisch, auch ein bisschen heldenhaft, das Problem ist nur, dass nichts von all dem wahr ist. Denn Lambano ist nicht geflohen. Vor wem auch? Die zwei bewaffneten Männer: Gab es gar nicht. Die ganze Entführung hatte nie stattgefunden. Knapp eine Woche nach seiner angeblichen Rettung hat Lombano der Polizei gestanden, dass er die ganze Aktion selbst inszeniert hat. Er habe vor den Wahlen ein bisschen nachhelfen wollen. Eine Entführung würde ihm sicher ein paar mehr Stimmen bringen.

Man könnte nun über all das lachen. Stimmenfang mit Menschenraub? Verrückte Welt! Wäre es nicht traurige Realität, dass Lokalpolitiker in Kolumbien gerade wirklich sehr gefährlich leben. In den vergangenen Wochen sind mindestens ein halbes Dutzend Kandidaten ermordet worden. Es gab Drohungen, Anschläge und Entführungsversuche, fast 250 Politiker haben vom kolumbianischen Staat mittlerweile Personenschutz bekommen. Rund drei Jahre nach dem Friedensabkommen mit der FARC hat die Gewalt in vielen Regionen nicht ab-, sondern eher noch zugenommen.

Para-Militärs und Drogenbanden nutzen das Machtvakuum

In einigen Regionen ist nach dem Abzug der Guerilla ein Machtvakuum entstanden, in das nun paramilitärische Einheiten, Drogenbanden und andere bewaffnete Gruppen drängen. Es geht um Macht, vor allem aber auch um Anteile am lukrativen Handel mit Kokain. Ehemalige Kämpfer kehren zu den Waffen zurück, aus Perspektivlosigkeit, aber auch aus Angst. Mehr als hundert Ex-Guerilleros wurden seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags ermordet, dazu gab es noch Hunderte weitere Todesopfer, darunter Aktivisten, Gemeindeführer und eben immer wieder auch Lokalpolitiker.

Als sich die Nachricht von Óscar Lombanos angeblicher Entführung verbreitete, gab es keinerlei Zweifel an der Tat. Die Presse berichtete über den Fall, allseits herrschte Bestürzung, Lombanos Parteifreunde vom Partido Cambio Radical forderten öffentlich seine sofortige Freilassung und riefen dazu auf, die Wahlen zu verschieben, bis der Kandidat wohlbehalten zurück ist. Es wurde eine Belohnung ausgesetzt, 15 Millionen kolumbianische Pesos (fast 4000 Euro) für jeden Hinweis, der zur Befreiung Lombanos beitragen würde.

Derweil saß Lombano wohlbehalten in einer Hütte. Der findige Lokalpolitiker hatte sich gut vorbereitet auf seine angebliche Entführung, Essen für mehrere Tage eingepackt und den Wagen selbst gesteuert, aus dem er später angeblich entführt worden sein sollte. Er ließ ihn am Tag des angeblichen Überfalls einfach auf der Straße stehen, alles sollte ja echt aussehen. Vier Freunde halfen ihm bei der Inszenierung, erst als ihm nach neun Tagen das Essen ausging, kehrte Lombano zurück in die Zivilisation - und die Realität.

"Es ist unterste Schiene, zu solchen Tricks zu greifen"

Was ihn am Ende dazu gebracht hat, der Polizei die Wahrheit über seine angebliche Entführung zu beichten, darüber gibt es keine Informationen. Die Beamten überlegen nun jedenfalls, ob und vor allem weswegen sie Lombano anzeigen: Falschaussage? Irreführung der Polizei? Vielleicht muss Lombano sogar ins Gefängnis.

Seine Partei hat ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. "Es ist unterste Schiene, zu solchen Tricks zu greifen, um Anerkennung und Stimmen zu bekommen", sagte Germán Córdoba, der Vorsitzende des Partido Cambio Radical. Vermutlich wird Lombano aus der Partei ausgeschlossen. Und er wird nun doch nicht antreten bei der Wahl, die ihm so wichtig war, dass er für einen Sieg sogar seine eigene Entführung inszenierte.

Politik Kolumbien Der verschwundene Popstar der Guerilla

Kolumbien

Der verschwundene Popstar der Guerilla

Jesús Santrich war Farc-Kämpfer, dann Politiker. Nun verschärft sein rätselhaftes Verschwinden den Konflikt zwischen den politischen Lagern des Landes.   Von Christoph Gurk