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Kolumbien:Familie irrte einen Monat durch den Urwald

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Wer sich einmal in dem Urwald verirrt, findet nur schwer wieder hinaus.

(Foto: dpa)

Ein Fischer findet im Amazonasgebiet eine Frau und ihre drei Kinder, dem Hungertod nahe. Wer sind diese Menschen? Wie gut, dass Social Media auch in der Wildnis funktioniert.

Bevor der Rio Putamayo in den Amazonas mündet, schlängelt er sich über Hunderte Kilometer durch den Regenwald, endloser Dschungel, unbewohnt und fast menschenleer. Darum sei es auch ein Wunder, sagt María Oliva Pérez Arenas, dass man sie und ihre drei Kinder gerettet habe. Ein Fischer fand die Familie vergangene Woche zufällig am Ufer des Flusses, schwer krank und fast verhungert. Mehr als einen Monat waren sie da schon durch die Wildnis geirrt.

40 Jahre alt ist María Pérez. Zusammen mit ihrem Mann und den drei Kindern, zehn, zwölf und 14 Jahre alt, wohnt sie in Puerto Leguízamo, einem kleinen Städtchen im kolumbianischen Amazonasgebiet. Im Dezember hatte die Familie sich aufgemacht in den Regenwald. Der Vater arbeitete auf einer abgelegenen Farm, gemeinsam wollten sie dort Weihnachten verbringen. Nachts schliefen Pérez und die Kinder in einer Hütte, tagsüber besuchten sie den Vater auf den Feldern. Der Weg war leicht zu finden, zumindest bei Tageslicht. Am 19. Dezember aber brachen Pérez, ihre beiden Töchter und der Sohn erst gegen 17 Uhr zurück zur Hütte auf. Als es dunkel wurde, kamen sie vom Weg ab.

Eine Nacht verbrachten sie zusammengekauert unter einem Baum, in der Hoffnung, am nächsten Morgen zurückzufinden. Ohne Erfolg, auch bei Tageslicht konnten sie den Pfad nicht wiederfinden. Allein mit ihrer Kleidung am Leib, ohne Taschenlampe oder auch nur ein paar Streichhölzer in der Tasche, schlugen sich die vier von da an durch den Dschungel. Sie tranken aus Quellen und Pfützen, und als der Hunger zu stark wurde, überwanden sie auch die Angst, sich zu vergiften, und begannen, Samen und Früchte zu essen.

Zunächst hätten sie noch die Hoffnung gehabt, bald gerettet zu werden, erzählte Pérez der kolumbianischen Zeitung El Tiempo. Doch je länger sie unterwegs waren, desto verzweifelter wurde die Lage. Die Mutter wurde krank, die Kinder wurden immer schwächer, Insekten zerstachen ihre Gesichter, Beine, Arme. Immer wieder fielen sie in Ohnmacht und kamen kaum noch voran. Immer tiefer verirrten sie sich in der Wildnis, weil sie die Richtung änderten, sobald sie glaubten, auf Spuren von Raubtieren gestoßen zu sein. Am Ufer eines Flusses versuchten die Kinder einmal, ein Floß zu bauen, doch die Kraft reichte nicht mehr. "Ich dachte, hier sterben wir", wird María Pérez später erzählen.

"Amigo, hier ist eine Familie"

Doch dann hörten sie Motorengeräusche. Mit letzter Kraft schrien sie um Hilfe. Ein Fischer holte sie auf sein Boot, gab ihnen Wasser und Brot und brachte sie in eine kleine Siedlung. Die dortigen Bewohner versorgten sie, so gut es ging. Und weil das Internet längst auch nicht mehr haltmacht vor den abgelegensten Winkeln der Erde, begann per Whatsapp die Suche nach Angehörigen: "Amigo, hier ist eine Familie, die erzählt, dass sie sich vor einem Monat verlaufen hat und jetzt ganz abgemagert ist. Weißt du etwas darüber?" Entlang des Flusses verbreitete sich die Nachricht, irgendjemand stellte das Foto der Mutter und ihrer Kinder sogar auf Facebook. Dort entdeckte der Vater seine Familie wieder, 37 Tage nachdem er sie zum letzten Mal gesehen hatte.

Neun Stunden musste die kolumbianische Marine den Putamayo hinauffahren, erst dann erreichte der Hilfstrupp am Samstag die kleine Siedlung mitten im Wald. Noch an Bord wurden Pérez und ihre Kinder medizinisch versorgt. Ihr Zustand sei stabil, sagt eine Sprecherin des Krankenhauses in Puerto Leguízamo, in dem sie mittlerweile behandelt werden.

Sie sei unendlich glücklich, gerettet worden zu sein, sagt María Pérez, und dass sie nie wieder auf die Farm im Urwald zurückkehren wolle. Schließlich sei es ein Wunder, dass sie und ihre Kinder überhaupt von dort zurückgekommen sind.

© SZ
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