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Kölner Stadtarchiv:Wer muss bezahlen?

Die Bergung der Opfer verzögert sich weiter, Nachbarhäuser sind einsturzgefährdet. Indes stellt sich die Frage, ob eine Versicherung den Schaden in Millionenhöhe übernehmen wird.

Jürgen Schmieder

Auch drei Tage nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln hat die Suche nach den beiden Vermissten noch nicht begonnen. Wegen Einsturzgefahr der angrenzenden Häuser müsse zunächst ein weiteres Gebäude abgetragen werden, sagte der Kölner Stadtdirektor Guido Kahlen. Erst danach sei es den Bergungskräften möglich, an der Stelle zu arbeiten, wo sie die beiden Bewohner des zerstörten Nachbarhauses vermuten.

Zerstörtes Haus neben dem Kölner Stadtarchiv: Wer kommt dafür auf?

(Foto: Foto: AP)

Indes könnte ein anderes Problem auf die Stadt Köln zukommen: Es stellt sich zunächst die Frage, wer denn nun Schuld hat am Einsturz, weil dadurch auch geklärt wird, ob eine Versicherung den Schaden übernimmt - und welche das sein wird. Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) haben nach Informationen der Kölnischen Rundschau die Bodenverhältnisse nahe dem eingestürzten Stadtarchiv während der U-Bahn-Tunnelarbeiten nicht ausreichend überwacht. Man habe auf eine Überwachung während des Baus verzichtet, bestätigte KVB-Sprecher Joachim Berger. Lediglich vor Ausschreibung des Projekts und vor Baubeginn sei der Boden stichpunktartig untersucht worden.

Die Stadt Köln veranlasste die erste Untersuchung, bei der zweiten hätten die KVB an der späteren Unglücksstelle drei Proben nehmen lassen - unter anderem vor dem jetzt eingestürzten Wohnhaus links des Archivs sowie vor dem Gymnasium auf der anderen Straßenseite. Diese Untersuchungen reichten aus KVB-Sicht aus, weil durch den Bau von sogenannten Schlitzwänden zum Abstützen des Erdreichs keine Bodenveränderungen außerhalb der Baugruben erwartet wurden. Wäre der KVB - deren Eigentümer die Stadt Köln ist - der Verursacher des Einsturzes, müssten die Betriebe oder dessen Versicherer Lloyd's auch bezahlen. "Wenn das zutrifft, dann müssen die Kölner Verkehrs-Betriebe bezahlen, wie schon vor ein paar Jahren, als der Kirchturm (der benachbarten Kirche St. Johann Baptist; Anm. d. Red.) in Schieflage geraten ist", heißt es von der Stadt Köln.

Ansonsten gibt es bei der Stadt Köln derzeit keine Auskunft zum Thema Versicherungen. Auf Anfrage von sueddeutsche.de erklärte ein Sprecher, dass man sich derzeit bemühe, die Lage in den Griff zu bekommen, Vermisste und Dokumente zu bergen - und sich erst dann mit den anderen Fragen auseinandersetzen wolle. Ähnlich verhält es sich bei den Kölner Verkehrs-Betrieben. Man wolle erst sämtliche Informationen sammeln, bevor man sich zur Versicherungsfrage äußern könne. Die KVB ist beim britischen Unternehmen Lloyd's versichert, kolportiert wird derzeit eine Versicherungssumme von etwa 30 Millionen Euro. "Experten befinden sich derzeit in Köln und untersuchen die Unglücksstelle", sagt Lloyd's-Sprecherin Louise Shield auf Anfrage von sueddeutsche.de. "Wir prüfen den Fall derzeit, aber es ist noch zu früh, um eine klare Aussage treffen zu können."

Das Gebäude selbst ist von der Stadt Köln bei dem Unternehmen Provinzial versichert. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte indes, dass der Schaden bei nicht zu klärender Schuldfrage wohl nicht gedeckt sei: "Die Stadt Köln hat beim Gebäude auf eine Elementarversicherung verzichtet und das Stadtarchiv nur gegen Feuer, Sturm und Explosion versichert", sagt Provinzial-Sprecher Christoph Hartmann auf Anfrage von sueddeutsche.de. "Wir werden natürlich unsere Sachverständigen vor Ort schicken, wenn die Bergungsarbeiten abgeschlossen sind", sagt Hartmann. "Aber es sieht derzeit so aus, als müsste die Versicherung für das Gebäude nicht zahlen."

Der Versicherungswert des Gebäudes liegt nach Angaben des Hauptversicherers Provinzial bei zwölf Millionen Euro, das Kulturgut des Stadtarchivs ist nach Schätzungen von Experten rund 400 Millionen Euro wert. Wie viel davon geborgen werden kann, ist derzeit unklar. Durch die Schieflage des Gebäudes sind viele der für besonders wertvoll gehaltenen Güter tief unter dem Schutt begraben. Sie wurden in den oberen Stockwerken gelagert, die beim Zusammenfall des Gebäudes nach unten krachten. Ein fast paradoxer Zustand: Der wegen Sicherheitsgründen nicht im gleichen Maß genutzte Keller wäre nun wohl leichter zugänglich.

An der Einsturzstelle haben Feuerleute in der Nacht bereits Dokumente und Wertsachen der Bewohner aus den stark beschädigten Nachbarhäusern geborgen. "Die Hausbewohner standen dabei im Funkkontakt mit den Feuerwehrleuten, so dass ganz gezielt gesucht werden konnte", sagte eine Sprecherin der Stadt Köln.

Nun gilt es derzeit, die vermissten Personen zu finden und möglichst viel Kulturgut des Stadtarchivs zu bergen. Danach werden sich die Stadt Köln und die KVB mit den finanziellen Folgen beschäftigen müssen.

© sueddeutsche.de/grc
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