Süddeutsche Zeitung

Silvesterfeuerwerk:Knall, bumm, bäng - was erlaubt ist, und was nicht

Lesezeit: 3 min

Es kann befreiend sein, sich einmal im Jahr in Ekstase zu verlieren und die bösen Geister mit viel Krach zu vertreiben. Die Böllerei zu Silvester wird aber vielerorts eingeschränkt, wenn auch sehr unterschiedlich.

Von Kerstin Lottritz

Nach Tagen der Völlerei mit Wein und Braten setzt sich die jahresbedingte Endzeitstimmung traditionell fort mit ekstatischer Böllerei zu Silvester. Wem ein explodierter Hosenbund nach Weihnachten noch nicht genug ist, der lässt es eine Woche später noch mal lautstark knallen - natürlich nur, um die bösen Geister zu vertreiben: Gebäudeenergiegesetz, Bahnverspätungen, Kita-Magen-Darm-Viren, weg mit euch! Knall, bumm, bäng! Und wer genießt es nicht, Mitternacht vom Alkohol beseelt in den Himmel zu starren, von dem es blaue, gelbe und pinkfarbene Sterne regnet, und die Sorgen des vergangenen Jahres einfach durch ganz viel Krach zu übertönen?

Einmal im Jahr muss man sich in Ekstase verlieren dürfen, finden manche Soziologen. Doch Spaßverderber gibt es immer: Ärzte, Gewerkschaft der Polizei, Umwelt- und Tierschützer. Und wer kurz den Verstand die Oberhand gewinnen lässt, weiß ja auch, dass sie recht haben. Böllerei ist gefährlich, beansprucht unnötig die Krankenhäuser, kann zu Häuserbränden führen und belastet Flora und Fauna. An ein generelles Verkaufsverbot von Böllern wie in den Corona-Jahren 2020 und 2021 hat sich in Deutschland bislang noch niemand gewagt, doch immer mehr Städte schränken die Silvesterknallerei ein. Die Regeln können von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich sein.

Erst einmal gilt: Unabhängig von Silvester darf laut Paragraf 23 der Ersten Verordnung zum Sprengstoffgesetz das ganze Jahr über keine Pyrotechnik in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie Reet- und Fachwerkhäusern gezündet werden. Vor allem größere Städte setzen zum Jahresende aber zusätzlich auf zeitlich und lokal beschränkte Verbotszonen fürs Böllern - unter anderem an zentralen Plätzen und beliebten Feier-Locations in Berlin, Hamburg, München, Hannover, Bremen, Nürnberg, Trier, Weimar und Göttingen. In großen Menschenmengen kann es nun mal schnell zu bedrohlichen und gefährlichen Situationen sowie zu Unfällen kommen. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren auch bewusste Schüsse auf Polizisten, Feuerwehren und Rettungsteams - und im Nebel der Feuerwerkskörper wenig Chancen, die Randalierer zu fassen.

In Hamburg ist deshalb schon seit 2019 am 31. Dezember zwischen 18 Uhr und 1 Uhr morgens rund um die Binnenalster und auf dem Rathausmarkt nur das Zünden von Kleinstfeuerwerk erlaubt - darunter fallen etwa Wunderkerzen und Knallerbsen.

Manche Kommunen sind da wesentlich strenger: Wer in der Regensburger Altstadt oder in Augsburgs Innenstadt unterwegs ist, darf pyrotechnische Gegenstände nicht mal bei sich tragen. Auch Glasflaschen und Dosen sind laut der Stadt Augsburg an Silvester dort nicht erlaubt.

Um historische Gebäude und Infrastruktur vor Bränden durch verirrte Böller zu schützen, ist zum Beispiel in der Weltkulturerbe-Altstadt von Quedlinburg, am Münchner Viktualienmarkt und rund um die staatlichen Schlösser und Burgen in ganz Bayern das Zünden von Feuerwerkskörpern verboten. "Raketen, Böller und Funkenflug gefährden die historischen Gebäude erheblich", teilt die Schlösserverwaltung mit. Vielerorts ist aber schon durch die Regelung, dass in der Nähe von Fachwerkhäusern Pyrotechnik tabu ist, keine extra Verbotszone zu Silvester mehr nötig. So ist etwa in Erfurt fast die gesamte Altstadt böllerfreier Bereich.

Um Tiere und Umwelt vor Feuerwerkskörpern zu schützen, hat Dresden 27 naturschutzrechtliche Verbotsgebiete eingerichtet. Die Stadt entspricht damit zumindest ansatzweise einer Position der Deutschen Umwelthilfe. Diese fordert von der Bundesregierung, "den privaten Kauf und Gebrauch von Pyrotechnik zu Silvester dauerhaft zu beenden". Für Haus-, Wild- und sogenannte Nutztiere bedeute die Knallerei Stress, Panik und häufig auch Todesangst.

In kleineren Städten zumindest sieht man noch keine Sicherheitsgefahren durch die Silvesterböllerei. So heißt es aus der 8000-Einwohner-Kommune Gerbstedt in Sachsen-Anhalt: Man habe als Einheitsgemeinde seit der Gründung keinen Grund für ein Böllerverbot gesehen. Auch in der 11 000 Einwohner zählenden Stadt Braunsbedra in Sachsen-Anhalt will man die Menschen selbst entscheiden lassen, ob sie Feuerwerkskörper zünden oder nicht.

Mit Knallerbsen gegen den Klimawandel

Einen anderen Weg als Böllerverbotszonen geht die Stadt Wittstock in Brandenburg: Hier gibt es seit 2005 ein großes öffentliches Feuerwerk, zuletzt waren immer mehrere Tausend Zuschauer dort. Das soll laut Stadtsprecher Jean Dibbert auch dazu beitragen, dass die Menschen privat weniger Böller und Raketen zünden.

Glaubt man einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov, haben ohnehin nur noch 18 Prozent der Menschen in Deutschland vor, Raketen und Böller für Silvester einzukaufen. Demnach sind vor allem die jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren bereit, ihr Geld für Böller auszugeben - vielleicht auch deshalb, weil die Geister dieser Altersgruppe besonders böse erscheinen. Doch vielleicht lassen sich die Gedanken an Klimawandel, Trump und Rentenlücke auch einfach schon mit einer Handvoll Knallerbsen vertreiben.

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