Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:Schrumpfende Elche

In Schweden sind die Sommer so warm, dass die Tiere ein Nahrungsproblem haben. Für die Elchpopulation im Süden des Landes hat das bereits Folgen.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Der Elch ist das größte Tier im schwedischen Wald, aber jetzt schrumpft er, und der Klimawandel trägt daran eine Mitschuld. Das wollen Forscher der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU) herausgefunden haben. An der SLU läuft ein Forschungsprojekt, das die Auswirkungen des Klimas auf die Elchpopulation untersucht. Besonderes Augenmerk haben die Forscher auf die jungen Elchkälber geworfen: Das durchschnittliche Gewicht von auf der Jagd erlegten Elchkälbern ist der Stockholmer Zeitung Dagens Nyheter zufolge in den vergangenen zwei Jahrzehnten um zehn Kilogramm gesunken und liegt heute nur mehr zwischen 50 und 55 Kilogramm.

Schuld sind die Sommer, die immer öfter heiß und trocken sind. Nach solchen Sommern wurden immer schon weniger und leichtere Elchkälber geboren. Elche paaren sich im Herbst. Die Elchkühe fressen sich im Sommer und im Herbst die Energie an, die sie dann im Winter für das Austragen des Fötus brauchen. "Wenn das Wetter heiß und trocken ist, dann ist aber die Qualität des Futters schlechter", sagte Forscher Fredrik Widemo von der SLU. "Und die Kühe haben im Winter nur noch wenig Energie für die Entwicklung des Ungeborenen." Viele Kühe tragen deshalb nach solchen Sommern nur ein Kalb aus statt zwei, manche überhaupt keines mehr. Die jungen Kälber, die zur Welt kommen, wiegen weniger. Hinzu kommt dann noch, dass die Milch der Muttertiere in diesen Jahren weniger nahrhaft ist.

Schwedens Jäger melden ähnliche Langzeitbeobachtungen. In der südschwedischen Gemeinde Aneby messen sie seit 1997 das Gewicht der erlegten Kälber. Vor 20 Jahren waren es im Durchschnitt rund 70 Kilogramm, jetzt sind es nur noch 60. Gut entwickelte erwachsene Elche können bis zu 350 Kilo (Kühe) und 450 Kilo (Bullen) schwer werden. Im Radiosender P4 Jönköping machte Ende vergangener Woche Ingemar Kastensson, der für die Region Aneby die Elchpopulation überwacht, auch den immer früher einsetzenden Frühling verantwortlich: Elchkühe stürzen sich nach dem Winter auf die frischen Sprösslinge im Wald, deren Qualität aber immer weiter abnehme: "Die Kühe erhalten so weniger Nahrung."

Langfristig könnten die Elche aus dem Süden Schwedens wohl verschwinden

Die Elchpopulation als Ganzes ist im Moment noch alles andere als bedroht. In Schweden gibt es zwischen 300 000 und 400 000 Elche, so viele, dass die von ihnen verursachten Autounfälle (ein paar Tausend werden jedes Jahr gemeldet), vor allem aber der Waldverbiss (die Schäden werden auf eine Milliarde schwedische Kronen geschätzt) jedes Jahr aufs Neue ein großes Thema sind. Im September beginnt zudem die große Elchjagd, ein nationales Ereignis, bei dem 300 000 Schweden auf die Pirsch gehen, also fast ein Schwede pro Elch, die dann mit ihrem Abschuss dafür sorgen sollen, dass die Population ein wenig eingedämmt wird.

Allerdings zieht es die Elche nun wohl gen Norden; immer mehr Bezirke in Südschweden vermelden einen Einbruch in den Elchzahlen: In den wärmeren Regionen finden die Elche immer weniger gutes Futter. Langfristig würden die Elche aus dem Süden Schwedens wohl einfach verschwinden, so wie sie auch aus ihren südlicheren Lebensräumen in den Vereinigten Staaten schon verschwunden seien, glaubt Wildtierforscher Fredrik Widemo: "Der Klimawandel vollzieht sich einfach zu schnell, als dass die Elche sich anpassen könnten."

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Quelle:
SZ vom 24.09.2019/mkoh
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