Klimawandel Kalifornien fällt ins Meer

Schaden alleine an dieser einen Stelle in Pacifica: knapp vier Millionen Dollar.

(Foto: Noah Berger/Reuters)
  • Einer Studie zufolge könnten einige Klippen des US-Staates bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als 40 Meter landeinwärts abgetragen werden.
  • Forscher sehen als Ursache den Klimawandel und den damit einhergehenden steigenden Meeresspiegel.
  • Trotz der Gefahr erfahren die Immobilien in den entsprechenden Gegenden immer noch eine extreme Wertsteigerung.
Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Unten in den Buchten, die Pelican Cove und Honeymoon Cove und Golden Cove heißen, liegen die Surfer auf ihren Brettern. Draußen, im Pazifischen Ozean, schwimmen, in Richtung Süden, die Delfine. Ein paar Leute spazieren vorbei, durch den Park zum Leuchtturm auf dieser Klippe. Und dann ist da noch ein junges Paar, das gerade verzweifelt versucht, all die schönen Sachen auf ein Selbstporträt zu bekommen.

Der Begriff "Paradies" wird inflationär häufig verwendet für allerlei gar nicht mal so üble Orte, aber hier oben, auf dieser Klippe in Palos Verdes, eine Autostunde südlich von Los Angeles entfernt, fällt einem wirklich nichts Besseres ein.

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Wer den Pacific Coast Highway von San Francisco nach San Diego hinabfährt, was übrigens jeder Kalifornien-Besucher tun sollte, der muss in Palos Verdes nach rechts abbiegen und einen kleinen Umweg fahren, sonst verpasst er diesen Ort und auch die Häuser auf den Klippen, die er zuvor schon weiter nördlich gesehen hat, in Monterey oder Malibu zum Beispiel, und die er bei der Weiterfahrt in Oceanside oder Del Mar noch entdecken wird.

Kinder müssen in der Schule einen Katastrophen-Rucksack deponieren

Er sollte sich diese Bilder gut einprägen, dieses kalifornische Paradies ist nämlich bedroht. Die Klippen könnten einer Studie der staatlichen Behörde Geological Survey zufolge bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als 40 Meter landeinwärts abgetragen werden.

"Das ist ziemlich viel", sagt Patrick Limber, der Leiter der Studie, und welch verheerende Konsequenzen diese Zahl tatsächlich umschreibt, bemerkt man, wenn man diese 40 Meter auf einer Landkarte mit einem Stift markiert: Allein in Malibu würden demnach Hunderte von Häusern zerstört, die jeweils mehr als zehn Millionen Dollar wert sind, dazu zahlreiche Schulen, und unzählige Straßen und Parks: "Wir sollten jetzt mit den Vorbereitungen auf diese Zukunft beginnen", sagt Limber, "unsere Modelle können den Verantwortlichen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Wer an der kalifornischen Küste lebt, der wird täglich daran erinnert, dass dieser jederzeit von der Apokalypse heimgesucht werden kann. Man könnte fast schon sagen: Kalifornien wartet auf den Big Bang, das große Erdbeben, von dem die Wissenschaft schon seit geraumer Zeit sagt, dass es kommen wird, nur wann, weiß niemand. An jeder Straßenecke gibt es einen Hinweis, ob man dort bei einem Tsunami sicher wäre. Kinder müssen in der Schule einen Katastrophen-Rucksack deponieren, beinahe jeder Bewohner hat ein Warnsystem auf seinem Handy installiert.

Die Leute gehen gleichmütig mit diesen Gefahren um, es ist eine Mischung aus der Gewissheit, das Unvermeidliche ohnehin nicht verhindern zu können, und der Hoffnung, dass die Sintflut erst nach einem kommen möge.

"Wir kennen die Gefahren, wir kennen die Probleme - aber wir verdrängen es, weil das Jahr 2100 doch sehr weit weg klingt", sagt Rancine Manning. Sie wohnt seit mehr als 20 Jahren in Palos Verdes, ihr Haus sieht von der Straße aus recht unspektakulär aus, der Zauber entfaltet sich auf der Rückseite: Ozeanblick vom Pool aus, der Weinkeller wird natürlich von der Klippe gekühlt, in die das Haus eingebettet ist. Auf der Landkarte liegt das Haus an einer Stelle, die gerade so vom Markierstift verschont bleibt, sollte der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 tatsächlich um zwei Meter ansteigen.

Manning sagt dazu: "Wir wissen auch, dass wir was tun müssen. Wir wissen allerdings nicht, was genau wir tun sollen." Das Problem von Studien wie der von Geological Survey ist zum einen, dass die Horrorvision mehr als 80 Jahre in der Zukunft spielt, zum anderen einige Variablen eingebaut sind wie etwa jene, dass der Meeresspiegel bei einer Verlangsamung des Klimawandels auch nur um einen halben Meter ansteigen könnte und dann nur etwa 20 Meter Küste verschwänden. Einige Experten allerdings prognostizieren einen Anstieg um drei Meter, dann läge Mannings Haus in der Erosionszone.

Wer trägt eigentlich die Verantwortung und damit auch die Kosten?

Was die Leute aufrüttelt, das sind schreckliche Bilder wie jene aus dem nordkalifornischen Pacifica im Januar 2016. Auf mit Drohnen über dem Pazifik erstellten Videos ist zu sehen, wie kräftige Wellen gegen die Klippen schlagen und dabei so agieren wie Eispickel. Irgendwann gibt es einen Erdrutsch, die beiden Wohnhäuser darüber wackeln, ein paar Wochen später müssen sie abgerissen werden. Schaden alleine an dieser einen Stelle: knapp vier Millionen Dollar. Im Mai vergangenen Jahres wurde eine Teilstrecke des Pacific Coast Highway durch einen Erdrutsch zerstört, Reparaturkosten 54 Millionen US-Dollar. Gerade wurde sie wieder eröffnet, aber eine Entwarnung ist das natürlich nicht.

Genau darum geht es nun bei all den Debatten um die Gefahren kalifornische Küste: Wer trägt die Verantwortung und damit auch die Kosten?

Die Bewohner, die ein Anwesen bauen oder kaufen in der Gewissheit, dass es nun mal auf einer Klippe liegt? Der Bundesstaat Kalifornien, der auch wegen dieser Klippen und Strände so weltberühmt ist? Die Vereinigten Staaten von Amerika? Alle, schließlich tragen ja nicht nur Kalifornier oder Amerikaner zum Anstieg des Meeresspiegel bei?

Bislang sichern sich die einzelnen Gemeinden unter Zuhilfenahme von bundesstaatlichen Förderungen selbst ab, im Notfall gibt es Zuschüsse aus einem staatlichen Katastrophenfundus. Etwa ein Fünftel der südkalifornischen Küste wird bereits von extra dorthin gebrachten Felsen gesichert, auf diesen dann vermeintlich sicheren Klippen werden noch gewaltigere Häuser gebaut. Das verhindert die natürliche Erosion und damit auch, dass Strände natürlich mit Sand versorgt werden. Limber hat bereits im vergangenen Jahr eine Studie mit seinem Team veröffentlicht, der zufolge in den kommenden 80 Jahren zwei Drittel der kalifornischen Strände verschwinden könnten.

Die entscheidende Frage, mit der sich die kalifornischen Küstenmanager beschäftigen müssen, dürfte zur Gretchenfrage für die Leute an der Westküste werden: Was ist wichtiger - der teils unfassliche Wert privater Anwesen oder für jeden zugängliche Strände? Soll der künstliche Schutz der Klippen durch Felsen weiterhin und womöglich noch stärker erlaubt und damit das Verschwinden der Strände riskiert werden? Oder sollen die gefährdeten Häuser abgerissen werden?

Gerade die gefährdeten Anwesen sind derzeit unfassbar teuer

"Die Prognosen sind besorgniserregend, ich kann mir aber auch nicht vorstellen, mein Haus einfach abreißen zu lassen", sagt Bewohnerin Manning. Gerade die gefährdeten Anwesen sind derzeit unfassbar teuer: Wer sich vom Leuchtturm in Palos Verdes umdreht und zu den Häusern blickt, der sieht etwa 500 Meter entfernt eine Vier-Schlafzimmer-Villa, die gerade für 1,8 Millionen US-Dollar auf dem Markt ist. Ein vergleichbares Haus, das auf der Landkarte im vom Stift markierten Bereich liegt: acht Millionen US-Dollar.

Jeder Meter näher an der Klippe bedeutet großes Risiko und gleichzeitig eine wahnwitzige Wertsteigerung.

Wer sich ein bisschen umhört in Palos Verdes, der erfährt: Die Bewohner wissen, dass sie im Paradies leben, und sie wissen auch, dass dieses Paradies von einer Zerstörung bedroht ist. Eine eindeutige Antwort haben sie aber auch nicht, sie vertrauen vielmehr darauf, dass da schon jemand eine vernünftige und nachhaltige Entscheidung treffen wird.

Es ist diese typisch kalifornische Hoffnung, die einen immer wieder fasziniert und einen bisweilen auch wahnsinnig werden lässt. Dass die Sintflut so lange verhindert werden möge, dass sie einen in der Gegenwart nicht zu kümmern braucht.

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