Klimawandel Die entfesselte Natur

Seit einer Woche wird Italien von schweren Unwettern geplagt. Mindestens 30 Menschen sterben in Schlammlawinen und durch umstürzende Bäume. Die Katastrophe ist auch Folge einer Baupolitik, die immer mehr Flächen zubetoniert.

Von Oliver Meiler

Milicia war immer ein ruhiger Fluss gewesen, sagen sie in Casteldaccia, einer kleinen Küstenstadt bei Palermo. Er führte kaum mal Wasser. Ein Rinnsal war er, mehr nicht.

Am Samstagabend, als die Familie Giordano zum Essen zusammensaß, zwölf Mitglieder, drei Generationen, da wandelte sich der Fluss auf Sizilien zur Furie, plötzlich und tödlich. In Sekundenschnelle stand das Wasser bis zur Decke des gemieteten Einfamilienhauses am Milicia, geflutet wie bei einem Tsunami. Neun Familienmitglieder kamen um, unter ihnen zwei Kinder, ein und drei Jahre alt. Ein Junge konnte sich retten, er kletterte auf einen Baum im Garten. Überlebt haben auch Giuseppe Giordano, den die italienischen Medien als "Familienoberhaupt" beschreiben, und eine seiner Nichten. Sie waren kurz herausgegangen, um Dolce zu kaufen, den Nachtisch.

Italien kommt nicht zur Ruhe. Seit einer Woche wird das Land von schweren Unwettern geplagt, im Norden wie im Süden und auch dazwischen. Von starken Regenfällen und mächtigen Winden. "Flagellato", sagen die Italiener, gepeitscht. Und sie fragen sich, ob die quasitropische Wucht dieser Wetterphänomene ein Vorgeschmack darauf sein könnte, was der Klimawandel mit dem Land einmal anstellen wird. Natürlich gab es früher schon katastrophale Unwetter in Italien, auch solche mit vielen Todesopfern, im Herbst 1966 etwa. Doch nun häufen sich die extremen Trockenphasen und die extremen Regenphasen. "Die Mittelmeerregion wird vom Klimawandel eingeholt", sagte der Meeres- und Umweltforscher Andrea Bergamasco der Zeitung La Stampa. Der Anstieg der Temperaturen habe das Gleichgewicht zerstört, und die Folgen würden in den nächsten Jahrzehnten immer schlimmer. "Abstreiten ist verrückt", erklärt der Wissenschaftler.

"Italien wird gefoltert", sagt Premierminister Giuseppe Conte. Millionen Bäume sind entwurzelt

Am Wochenende traf es also Sizilien, zwölf Menschen kamen insgesamt um. Zwei Personen ertranken in ihrem Auto. Ein Tankstellenwart starb, als er einem Kunden helfen wollte, der von einer Schlammlawine weggetragen wurde. Alle wurden sie von außergewöhnlichen Wassermassen überrascht, von der entfesselten Natur. Der nationale Zivilschutz hatte zwar gewarnt: "codice arancione", Alarmstufe orange. Höher ist nur rot. Dass es aber gleich so dramatisch werden würde, damit hatte niemand gerechnet. Die Staatsanwaltschaft von Palermo prüft nun, ob die kleine Villa der Giordanos nicht viel zu nahe am Fluss gebaut war, am vermeintlich stillen Milicia. "Warum haben uns die Vermieter nicht vor den Risiken gewarnt?" Giuseppe Giordano ließ sich in seiner Verzweiflung filmen. "Die Familie war mein Herz", sagte er, "jetzt ist sie weg."

Rechnet man die zwölf sizilianischen Opfer zu denen, die das große Unwetter im Verlauf der vergangenen Woche bereits in anderen Teilen des Landes gefordert hatte, dann steht die Bilanz bei mindestens 30 Toten. Italiens Premierminister Giuseppe Conte flog am Sonntag nach Sizilien, um der Bevölkerung die Nähe der Regierung zu versichern. "Italien wird gefoltert", sagte er und versprach die Ausrufung des Notstands und schnelle Hilfe.

Am anderen Ende des Landes, in den Bergtälern des Bellunese mit seinen Dolomiten und den Skigebieten im Nordosten Italiens, zählten sie unterdessen die gigantischen Schäden an Dörfern und Natur. Luca Zaia, der Gouverneur des Veneto, zu dem die wirtschaftlich erfolgreiche Provinz Belluno gehört, schätzte die Schäden auf "eine Milliarde Euro". "Das Veneto ist in den Knien", sagte er. 200 Kilometer Straße sind nicht mehr befahrbar. Besonders groß ist die Sorge in den Skigebieten, wo bald die Saison beginnen soll. Hotels und Kunstschneeanlagen wurden beschädigt, und die Winde rüttelten so stark an den Masten der Sessel- und Gondelbahnen, dass um deren Standfestigkeit gebangt werden muss. Vielerorts fiel der Strom aus, was vor allem dem großen Brillenhersteller Luxottica zu schaffen machte, der da oben Sitz und Fabriken unterhält. Das Unternehmen, das für die halbe Welt Seh- und Sonnenbrillen produziert, musste eine Woche lang die Schichten aussetzen.

Besonders eindrücklich aber ist die Zerstörung, die der Sturm an den Wäldern angerichtet hat. Das italienische Fernsehen zeigte am Wochenende Bilder aus der Höhe. Ganze Fichten- und Lärchenwälder wurden verwüstet. Zwei, drei, vielleicht vier Millionen Bäume sollen allein im Bellunese entwurzelt worden sein von dem orkanartigen Wind. Aus diesen Wäldern kam immer schon das Holz her, das für den Bau der Stradivari gebraucht wurde, der berühmten Geigen. Die alten Venezianer holten aus den Wäldern des Bellunese auch das Material für ihre Pfahlbauten und für die Fertigung ihrer Schiffe. Jahrhundertalte Bäume, eingeknickt wie Halme. Der Chef des nationalen Zivilschutzes, Angelo Borrelli, sprach von einer "apokalyptischen Situation".

Fünf Jahre lang soll nun allein das Aufräumen und die Reinigung der Wälder dauern. Und mindestens hundert Jahre sind nötig, um alles wieder so aufzuforsten, dass die Wälder ihre vitale Bestimmung zurückgewinnen: den Schutz der Dörfer und der Menschen. Ohne Wälder drohen ungebremste Erdrutsche. Das schöne Italien ist besonders gefährdet, weil seine Böden einerseits von Natur aus fragil und bewegt sind. Andererseits bezahlen die Italiener nun aber auch für ihre Sorglosigkeit beim Bauen: Das Land ist zubetoniert, meist illegal. Viele Flussbetten sind zu eng, die Siedlungsdichte in vielen Gegenden ist zu groß. Eine Studie des öffentlichen Instituts für Umweltforschung hat ergeben, dass 91 Prozent aller italienischen Gemeinden bedroht sind von Erdrutschen und Überschwemmungen.