Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:"Dann könnte sich eine riesige Flutwelle ins Tal ergießen"

Der französischer Bergsteiger Bryan Mestre hat am Mont Blanc einen See entdeckt und erklärt, warum das Wasser eine Gefahr ist.

Bryan Mestre, 24, ist Kletterlehrer und angehender Bergführer aus Chambéry. Ende Juni entdeckte er bei einer Klettertour im Mont-Blanc-Gebiet einen neuen Gletschersee. Was er als Ursache sieht und welche Gefahren sich daraus ergeben, erzählt der junge Franzose im SZ-Interview.

SZ: Wie haben Sie den Gletschersee entdeckt?

Bryan Mestre: Ich wollte mit Freunden klettern gehen und dann sah ich auf einmal den See. An diesem Tag Ende Juni waren viele Leute auf der Normalroute unterwegs, um die umliegenden Gipfel zu besteigen. Ich war aber scheinbar trotzdem die einzige Person, die ein Bild vom See online gestellt hat. Nur auf einer chinesischen Seite habe ich noch eine Drohnen-Aufnahme gefunden.

Ihr Foto ging dann viral ...

Ja, ich habe es in den sozialen Netzwerken gepostet. Aber erst Tage später kontaktierte mich ein Radiosender. Bald war es überall zu sehen. In Deutschland kam es aber scheinbar erst vor ein paar Tagen an.

Ist das normal, was da oben passiert ist?

Nein, ganz und gar nicht. Normalerweise liegt die Null-Grad-Grenze im Juni und Juli ungefähr bei 3000 Metern. Als ich das Foto aufgenommen habe, hatte sie sich auf über 4700 Meter verschoben. Der Mont Blanc ist 4810 Meter hoch. Das heißt also, dass die Schneefallgrenze fast so hoch lag wie der höchste Berg in dieser Gegend. Extrem ungewöhnlich. Nur 2015 bildete sich auch eine kleine Wasseransammlung - aber das war ein Tümpel im Vergleich zum See von diesem Jahr.

Wo genau haben Sie den See entdeckt?

Der See hatte sich in einem Kessel auf 3000 Meter Höhe gebildet. Dort gelangt man über die italienische Seite von Courmayeur aus hin. Der See war neben dem Col de Rochefort am Fuße der Berge Aiguille Marbrées und Dent du Géant - das sind die Hauptgipfel in dem Gebiet. Aktuell kann man den See sogar noch auf Google Maps sehen, weil die im Juli die Satellitenansicht geändert haben.

Wie groß, schätzen Sie, war der See?

In etwa 20, 30 Meter lang. Wie tief er war, kann ich nicht sagen - ich hatte keine Lust, das zu testen (lacht), aber ich schätze, so um die drei Meter.

Wie genau ist der See entstanden? Allein durch die höheren Temperaturen?

Das hat mir ein Glaziologe erklärt: Der Fels im Mont-Blanc-Massiv ist schwarz. Schwarz zieht die Sonne an und produziert somit mehr Wärme. Zusätzlich war es da oben über zwei Wochen sehr heiß - so um die 20 Grad. Das hat den Fels stark aufgewärmt und die Hitze hat sich gestaut. So entstand eine Art Solarofen, der den Gletscher quasi zum Kochen gebracht hat. Man hätte mal die Temperatur direkt am Fels messen müssen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie zehn Grad höher war, als die Umgebungstemperatur.

Sie sind oft da oben in den Bergen unterwegs. Haben Sie generell Veränderungen bemerkt?

Der vergangene Winter war sehr komisch. Er begann sehr spät - erst im Januar. Februar und März waren niederschlagsarm. Danach hat es wieder richtig stark geschneit. Die Skigebiete hier in der Gegend hatten bis Anfang Juni offen. Ich kann mich erinnern, dass ich Ende Mai noch in den Bergen unterwegs war. Nachts fiel in einer Höhe von 2500 Metern über ein Meter Neuschnee. Absolut untypisch. Und vier Wochen später entdecke ich dann den See. Das Klima ist komplett durcheinander.

Erkennen Sie einen generellen Trend?

Schwankungen im Winter gibt es immer wieder. Aber vor einer Woche hat es in den Alpen wieder geschneit. Die Schneefallgrenze war auf 2700 Meter herabgesunken. Das passiert sonst nicht.

Ist der See aktuell noch zu sehen?

Nein, das Wasser ist unter den Gletscher versickert. Das ist auch das Hauptproblem. Das Wasser sammelt sich dort. Und über die Jahre wird es immer mehr. Die größte Gefahr ist, dass der Druck irgendwann so groß wird, dass es den Gletscher aufsprengt. Dann könnte sich eine riesige Flutwelle ins Tal ergießen. Das würde hier den italienischen Ort Courmayeur treffen. In der Schweiz ist das schon mal passiert.

Sind sich Politik und Wissenschaftler eigentlich im Klaren, was da oben für eine Gefahr lauert?

Das sollten sie zumindest. Auf der französischen Seite des Massivs gibt es ein ähnliches Problem mit dem Wasser, das sich unter dem Gletscher staut. Die Behörden haben entschieden, einen zweiten See auszuheben und dort das überschüssige Wasser rein zu pumpen. Aber soweit ich weiß, ist da noch nichts passiert.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Weil mein Bild ja um die Welt gegangen ist, hat mich eine Gruppe von Klimaschützern aus Peru und Kolumbien kontaktiert. Sie plant im Januar eine Expedition in Kolumbien und hat mich eingeladen, mitzukommen. Vor 200 Jahren gab es 36 Gletscher in Kolumbien. Heute sind nur noch sechs übrig geblieben. Das ist sehr alarmierend - wir wollen die Welt darauf aufmerksam machen.

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Quelle:
SZ vom 22.07.2019
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