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Kleingarten-Mord in Gifhorn:"Recht und Ordnung"

Nun mussten die Pächter also ihre Autos auf dem Dannenbütteler Weg parken, aber auch dort waren sie vor Reineckes Überwachungswut nicht sicher. "Wenn einer auch nur mit dem halben Reifen auf dem Fahrradweg stand, hat er ihn angezeigt", schnaubt der Zeuge Dietmar S., der auf dem Grundstück des Nachbarn N. einen Garten gepachtet hatte. Für Wilfried R. war das eine Frage der Gerechtigkeit. Er hatte selbst einmal von einem zufällig vorbeifahrenden Streifenwagen einen Strafzettel kassiert und konnte es jetzt nicht ertragen, dass andere Falschparker straflos davonkommen sollten.

"Sonst schlag ich euch auch tot"

Der Zufahrtsweg barg aber noch mehr Konfliktstoff. Die Grundstücksgrenze verlief nach R. Überzeugung genau in der Mitte des Wegs. Man konnte das nicht beweisen, ein Grenzstein war nicht auffindbar, aber so hatte es R. von seinem Großvater gehört, und er war entschlossen, dieser Grenze Respekt zu verschaffen.

Dietmar S. wollte sich daran einfach nicht halten, wenn er das Gras auf dem Weg mähte. "Der durfte nur auf seiner Hälfte mähen, auf meiner Hälfte mähe ich selber, das lasse ich mir nicht nehmen", sagt R., "aus Prinzip". "Finde ich ja ziemlich bescheuert", sagt der Vorsitzende Richter. "Das ist Ihre Sache", antwortet der Angeklagte.

Dietmar S. gibt als Zeuge einen Eindruck, wie so eine Szene ablief: "Einmal hab ich da gemäht, kommt er angerannt, so 'ne Birne" - S. zeigt mit beiden Händen den Umfang eines Medizinballs - "und droht: 'Wenn du auf mein Grundstück kommst, schlag' ich dich tot. Dann kommen die Kaczmareks dazu, sagt er zu denen: 'Haltet euch raus, sonst schlag ich euch auch tot'"

"Ziemlich pingelig"

Um dem unbefugten Mähen Einhalt zu gebieten, bestreute R. seine Hälfte des Weges mit Reisig, aber das führte zu weiteren Unzuträglichkeiten. Die Nachbarn fegten das Reisig zur Seite, R. streute es wieder aus, mal wurde es auch über R. Zaun und von ihm wieder zurückgeworfen - ein ewiges Ärgernis. Einmal, kurz vor dem blutigen Finale des Kleingärtnerkriegs, hatte sich Martin Kaczmarek im Gebüsch versteckt, um Reinecke zu fotografieren, wie er mal wieder Reisig verstreute. R. hatte das mitgekriegt und den jungen Mann zur Rede gestellt. Kaczmarek nahm das mit seinem Handy auf und spielte es seinen Brüdern vor: "Wer sich mit mir anlegt", ist R. zu hören, "der legt sich mit dem Teufel an, und wer sich mit dem Teufel anlegt, der muss durch die Hölle gehen."

Bleibt die Frage, wie der Streit um die Einhaltung ziemlich läppischer Regeln so zur Obsession für einen Mann werden kann, dass er kurzerhand drei Menschen mit dem Knüppel totschlägt.

Mit dieser Frage bleibt das Gericht allein, das Gutachten des Psychiaters Udo Loll gibt keine Antwort darauf. Die Biographie mag eine Rolle spielen - Reinecke beschreibt seinen Vater, einen Stalingrad-Veteranen, als extrem unberechenbar und gewalttätig, die Mutter habe sich deshalb das Leben genommen.

Seine Ehe hingegen sei durchaus zufriedenstellend gewesen, bis er 2004 durch eine Prostataoperation impotent wurde - das hat ihn sehr verbittert. Er war 42 Jahre lang bei VW, als einfacher Arbeiter, aber anerkannt von Kollegen und Vorgesetzten. Er sieht sich als keineswegs streitsüchtig - ihm sei es immer nur um "Sauberkeit, Gerechtigkeit und Ordnung" gegangen. Recht und Ordnung, insbesondere. Da sei er "ziemlich pingelig".

"Ich bin kein Mörder und Totschläger"

Am Abend des 22. September 2008 hatte Wilfried R. "so ein mulmiges Gefühl", das ihn noch einmal in die Gartenanlage trieb. Vorsichtshalber habe er den Knüppel mitgenommen, im Hosenbein versteckt. Am Tag zuvor, am Sonntag, hatte der Pächter Dietmar S. vor seinem Gartentor einen großen Haufen Reisig vorgefunden, den hatte er auf eine Schubkarre geladen und vor Reineckes Gartentor abgeladen, "damit der auch mal sieht, wie das ist, wenn man so gepiesackt wird".

R. aber hatte wieder einmal die Kaczmareks als Missetäter im Verdacht, und siehe da, bei seinem abendlichen Kontrollgang hörte er Stimmen, und dann habe er die Kaczmareks beim Reisigwerfen beobachtet. Endlich auf frischer Tat ertappt! Er sei auf sie zugegangen und habe sie angesprochen, ganz ruhig.

Dann sei Martin Kaczmarek mit beiden Fäusten auf ihn losgegangen, da habe er zugeschlagen. Dann hätten ihn auch die Eltern angegriffen, natürlich musste er sich zur Wehr setzen. "Ich habe zugeschlagen, bis sie zu Boden gegangen sind. Das ging ziemlich schnell", sagt R. im Gericht. Der Psychiater erinnert sich an die Formulierung: "Das war's dann. Ein Abwasch."

Staatsanwalt Wolfgang Scholz glaubt kein Wort von der angeblichen Notwehrsituation. "Ein untauglicher Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen", sagt er. Hass, unbändige Wut und menschenverachtender Vernichtungswille seien R.s Triebfedern gewesen. Er fordert lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. R. sagt im Schlusswort: "Ich bin kein Mörder und Totschläger. Eines Tages stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen, und ich weiß, er spricht mich frei."

Am Donnerstag will das Landgericht Hildesheim sein Urteil verkünden.