SZ-Serie „Ein Anruf bei …“:„Lesen hält nicht jung, aber wach“

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Ein Mann, der aussehe wie Literatur – so beschrieb einer von Willbrands Followern ihn in den Kommentaren auf Instagram. (Foto: Mira Heilmann)

Mehrere Tausend Menschen schauen dem Antiquar Klaus Willbrand online zu, wenn er die große Literatur erklärt. Goethes „Faust“ würde der 82-jährige Bookfluencer jedenfalls nicht aus dem Lehrplan streichen.

Interview von Chiara Joos

Seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibt Klaus Willbrand, 82, in Köln-Sülz das „Antiquariat im Weyertal“. Doch seit der Pandemie läuft sein Laden nicht mehr so gut wie früher. Deshalb wagt der Antiquar nun den Schritt ins Netz – als „Bookfluencer“. 

SZ: Herr Willbrand, wie kamen Sie auf die Idee, unter die Bookfluencer zu gehen? 

Klaus Willbrand: Die Idee hatte meine gute Bekannte Daria Razumovych. Sie ist 50 Jahre jünger als ich und meinte, dass man heute nur noch über Plattformen wie Instagram, Tiktok und Youtube einen Großteil der Bevölkerung erreicht. Also dachte ich mir, warum nicht?

Mehr als 81 000 Menschen folgen Ihnen auf Ihren Social-Media-Kanälen – bemerkenswert für einen 82-jährigen Buchhändler.

Ich bin ein hochprofessioneller Antiquar und widme mich vor allem literarischen Klassikern aus dem 20. Jahrhundert. Offenbar kommt das gut an.

Und Daria hält die Kamera? 

Ja, sie würde vielleicht später mal den Laden übernehmen wollen. Aber im Moment ist sie Lektorin und selbständige Digitalberaterin.

Interessieren Sie sich denn auch für andere, jüngere Booktokerinnen und Booktoker? 

Bisher habe ich auf Instagram nur Beiträge gesehen, die einem die Lust aufs Lesen vergällen können. Eigentlich bin ich auch ein völlig analoger Mensch. Aber über Social Media erreiche ich eben viele Menschen, die sich für Bücher interessieren. Und besonders die jungen Leute, die sind viel neugieriger, als man denkt. Die mögen es, wenn sie was über klassische oder moderne Literatur erfahren können.

Auf Ihren Kanälen beantworten Sie auch Fragen Ihrer Followerinnen und Follower. Zum Beispiel, warum Sie nie Germanistik studiert haben. Erzählen Sie doch mal.

Das war aus reiner Arroganz. Ich dachte schon als Schüler, dass mir da niemand etwas beibringen kann. Auch Professoren analysieren Texte zwar wissenschaftlich, doch von den echten literarischen Klassikern haben sie oft keine Ahnung.

Aber verändern sich die Zeiten denn nicht? Vor zwei Jahren wurde in Bayern zum Beispiel Goethes „Faust“ aus dem Lehrplan gestrichen. 

Das halte ich für einen Fehler. „Faust“ ist ein Klassiker, der erklärt werden muss. Aber dafür muss sich Zeit genommen werden. Die Werke von einem Thomas Bernhard, einem Thomas Mann oder einer Elfriede Jelinek wären für heutige Schüler vielleicht dann doch sprachlich zeitgemäßer. 

Aha, fühlen Sie sich denn als Literaturkritiker? 

Eher als Literatur-Vorsteller. Es geht mir nicht darum, meine Meinung auszuposaunen. Gute Literatur ist Kunst, die zum Denken anregen soll. Ich habe über 6000 Bücher gelesen und kann Ihnen sagen: Lesen hält nicht jung, aber wach. Echte Literatur erfordert eine Lernkurve und kann anstrengend sein. Doch genau das regt zum Nachdenken an.

Sammeln Sie eigentlich Bücher?

Ich bin kein Sammler. Ich habe nur 1000 Bücher zu Hause. Im Laden 25 000.

Mhm, nicht gerade wenig. Welches davon hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?

Heinrich Heine, „Buch der Lieder“. Das ist ein Gedichtband. Der ist mir aber nur wichtig, nicht prägend.

Lesen Sie Bücher auch auf einem E-Book-Reader? 

Auf keinen Fall. Ich liebe das Haptische und den Geruch von Büchern. Auf so einem Computer zu lesen, das ist nichts für mich. Aber ich muss zugeben, ich bin Daria dankbar für die Idee und dass sie mich jede Woche vor die Handykamera setzt. Dadurch habe ich Kontakt zu jungen Leuten und kann mich mit deren Fragen auseinandersetzen.

Zum Beispiel? 

Erst vor Kurzem wurde in den Kommentaren darüber diskutiert, ob man Schriftsteller oder Schriftsteller_innen sagen soll. Ehrlich gesagt, hielt ich Gendern bisher nur für eine modische Attitüde, über die ich mich aber genauer informieren möchte. Daria hat natürlich eine festgelegtere Meinung dazu.

Weitere Folgen der Serie „Ein Anruf bei …“ finden Sie hier .

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