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Kirchliche Ikonografie:Abschied von alten Machtstrukturen

"Jungfrauengeburt" soll besagen, dass etwas ganz Neues zur Welt kommt, das nicht männlicher Macht entspringt. Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit dem Abschied vom Patriarchat. Das Neue kommt ohne Zutun männlicher Potenz zur Welt - durch die Kraft des Geistes. "Geist" ist in der hebräischen Bibel feminin, eine Die, eine schöpferische, weibliche, pfingstliche Kraft: sie reformiert, sie revolutioniert, sie macht neu. Daher heißt es im Magnifikat, im Lobgesang Marias: "Gott stürzt die Mächtigen vom Thron".

Die Legende von der Jungfrauengeburt legt also die Axt ans Stammbaum-Denken und die klassischen Machtstrukturen. Die Geschichte, dass alles vorbestimmt ist durch die Abstammung, und dass es nur einen Vater geben kann, ist zu Ende. Die Weihnachtsgeschichte ist also auch eine tröstliche Geschichte für all die Menschen, die in komplexen Familienstrukturen leben. Schon für das Kind in der Krippe sind die Verhältnisse kompliziert. Aber es wird dort nicht, wie heute so oft, um die Rangordnung von Vätern und die richtige Zuordnung von Kindern gestritten: Ist es derjenige, der mit der Mutter verehelicht ist? Ist es der, der es zeugt oder der, der es wickelt? Man kann erschrecken über das Gezerre, das vor den Gerichten stattfindet, wenn es darum geht, ein Kind aus dem Kreidekreis der Begehrlichkeiten auf eine Seite zu ziehen.

Josef ist der Antityp zum patriarchalen Männerbild. Deswegen belächelte man ihn mitleidig als heiliges Weichei, machte aus ihm einen alten, impotenten Mann. Viele Jahrhunderte lang galt ein strikt antijosefisches Männerbild. Immer war die gekränkte Mannesehre am Werk und die Vorstellung, die Frau gehöre dem Mann - und wenn sie fremdging und schwanger wurde, dann war die Leibesfrucht ein "falsches Früchtchen", ein fremdes Gut, das weggeworfen gehörte.

Ausbruch aus überlieferten Denkweisen

Die Weihnachtsgeschichte ist der Abschied von diesen und anderen klassischen Machtstrukturen; sie lehrt den Auf- und Ausbruch aus den überlieferten Verhaltensweisen, sie lehrt den Neuanfang. Es gab die reformatorischen Neuanfänge, die antipatriarchalen Aufbrüche immer wieder: Franz von Assisi, der sich von seinem reichen Vater lossagte; die Waldenser; Luther, der zuerst, als er Mönch wurde, seinem Vater den Gehorsam aufkündigte und später dann auch noch dem Papst. Es kann einem auch Marie Juchacz einfallen, die vor 95 Jahren als erste Frau im Deutschen Reichstag redete: "Meine Herren und Damen".

Die Neuanfänge erleiden oft das Schicksal, dass die alten Kräfte sie wieder einholen. Dann wird aus der revolutionären Idee von der Jungfrauengeburt ein sexuelles Dogma. Dann werden aus einst friedensbewegten Menschen Minister, die den Abwurf vom Bomben befehlen. Dann wird aus einem Hochschullehrer für Menschenrechte ein Präsident, der extralegale Hinrichtungen per Drohne anordnet.

Gleichwohl: Den Glauben an das Recht zum Abschied vom alten Denken, den Glauben an die Freiheit, aus den alten Festlegungen auszubrechen, den sollte man sich nicht nehmen lassen. Es ist der Weihnachtsglaube. Josef hat ihn gelebt. Deswegen ist er ein Held - ein Held, der eigentlich keiner seiner will. Es bräuchte eine Vermehrung der Josefs in dieser Welt; dann würde sie menschlicher.