Rekord bei Kirchenaustritten Ich glaube nichts - und mir fehlt nichts

Warum sind fast 220 000 Katholiken in einem Jahr ausgetreten? Natürlich liegt es nicht nur an der Kirchensteuer.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Man kann dem Staat die Schuld geben oder den Banken. Dem Staat, weil er das Verfahren für die Erhebung der Steuer auf Zinserträge geändert hat - und bei vielen Menschen der Eindruck entstand, sie müssten so ihrer Kirche noch mehr zahlen. Den Banken, weil vielleicht doch mancher Berater dem Kunden zum Kirchenaustritt geraten hat, um Steuern zu sparen.

Doch selbst, wenn dieses Missverständnis zum massenhaften Kirchenaustritt im vergangenen Jahr geführt haben sollte, wäre die Erkenntnis für die Volkskirchen bitter. Dann wären die Leute einfach gegangen, ohne sich groß zu informieren. Fast 218 000 waren es in der katholischen Kirche, wohl noch mehr in der evangelischen, die ihre Zahlen noch nicht veröffentlicht hat. Es sind Rekordzahlen. Nicht einmal im Missbrauchsjahr 2010 sind so viele Katholiken gegangen.

Katholische Kirche Neuer Rekord bei Austritten
Katholische Kirche

Neuer Rekord bei Austritten

Im vergangenen Jahr haben fast 220 000 Mitglieder die katholische Kirche verlassen. Deren Vertreter haben eine Erklärung parat, die wenig mit dem Klerus zu tun hat.

Natürlich sind die Leute nicht einfach wegen der Steuer ausgetreten. Sie haben es getan, weil sie enttäuscht sind oder weil sie nur noch so wenig mit der Kirche verbinden, dass der kleinste Unmut genügt, um endgültig die Steuer zu sparen - da hilft noch nicht einmal der sympathische Papst Franziskus in Rom.

Hinzu kommen der demografische Wandel und die Tatsache, dass die Konfessionslosigkeit zur stärksten Tradition in Deutschland geworden ist: Kinder von Konfessionslosen bleiben fast immer konfessionslos, Kinder von Katholiken und erst recht Protestanten bleiben längst nicht mehr alle katholisch oder evangelisch.

Christen werden Minderheit

Die religiöse und konfessionelle Landschaft in Deutschland wird sich in der kommenden Generation sehr ändern. Es wird weiterhin christlich geprägte Gegenden geben. Es wird aber auch Regionen geben, in der die Christen eine Minderheit sind. Kirchliche Erfahrungen und Sozialisationen werden abnehmen - schon heute wissen viele Leute nicht mehr, ob sie sieben oder zehn Gebote ignorieren.

Religion und Glaube werden bunt, individuell und vielfältig werden; kleine, entschiedene, auch radikale Gruppen könnten an Einfluss gewinnen. Der Islam wird verstärkt seinen Platz suchen. Vor allem aber werden deutlich mehr Menschen sagen: Ich glaube nichts - und mir fehlt nichts. Ob das alles die Welt besser macht, sei dahingestellt; den Weltuntergang bedeutet es auch nicht.

Eine Chance für den Staat

Die Volkskirchen werden die größten Institutionen im Land bleiben. Das Christentum in Deutschland wird aber zunehmend zum Entscheidungschristentum werden. Die Kirche, in der man ist, weil es sich so gehört, wird aussterben. Und Bischöfe, Pfarrer, die einzelnen Christen werden noch viel deutlicher erklären und leben müssen, was ihr Christsein ausmacht. Das ist auch eine Chance für die Kirchen.

Genauso wird das Staat-Kirche-Verständnis das bislang Selbstverständliche verlieren. Wozu braucht es die Kirchensteuer, ein eigenes Arbeitsrecht, den Religionsunterricht? Staat wie Kirche werden lernen müssen, auch skeptischen Bürgern zu erklären, warum das gut fürs Gemeinwesen ist, oder sie werden es ändern müssen.

Eine strikte Trennung von Staat und Kirche wäre dabei der falsche Weg, wie sauber ein solcher Schnitt auch scheinen mag. Die Leute wechseln ja nicht von der Kirche zur Humanistischen Union. Sie verschwinden in jener Gleichgültigkeit, unter der quasi alle Institutionen außer den unkaputtbaren Fußballverbänden leiden. Die Kirchen werden auch als Minderheit Ort der Zivilgesellschaft sein, des Engagements für Andere - und aus dem Glauben heraus Orte des kritischen Nachdenkens über alles staatliche Handeln. Ein Staat, der das nicht nutzt, ist schlecht beraten.