Kirchenaustritte Kirchen wollen die Beträge direkt von den Banken

Die Kirchen drangen also darauf, dass die Beträge künftig bei den Banken direkt und automatisch abgeführt werden - und setzten sich durch, zur geringen Freude der Banken. Die müssen nun ihre Kunden unterrichten, dass sie dem Fiskus die Religionszugehörigkeit weitergeben, es sei denn, die Kunden widersprechen und füllen bei der Steuererklärung ein entsprechendes Formular aus. Ob diese Unterrichtung und die entsprechenden Beratungsgespräche immer im kirchenfreundlichen Duktus stattfanden, darüber streiten nun Banken und Kirchen.

Manche Banken hätten den Eindruck erweckt, hier würde eine neue Steuer erhoben, klagt der Münchner Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Bernd Baucks, Finanzchef der Evangelischen Kirche im Rheinland, sagte, Bankberater hätten in einzelnen Fällen ihren Kunden zum Kirchenaustritt geraten. Die Banken weisen das zurück: Sie müssten nun einmal ihre Kunden über die Neuerung informieren, und die sei schließlich auf den Wunsch der Kirchen hin so gekommen.

Jedes vierte Kirchenmitglied denkt übers Austreten nach

Wie immer die Briefe formuliert und die Kundengespräche gelaufen sein mögen - die Banken sind nicht der Grund für die erneute Austrittswelle. Vielmehr zeigt sich am Ärger über das neue Einzugsverfahren bei der Kapitalertragsteuer, wie gering die Bindung vieler Mitglieder an ihre Kirche mittlerweile ist und dass die enge Bindung an die staatlichen Steuergesetze immer wieder Probleme mit sich bringt, egal, wie viel Geld die staatliche Dienstleistung den Kirchen auch bringen mag.

Das wurde erstmals 1991 sichtbar: Damals kam der Solidaritätszuschlag, um die deutsche Einheit zu finanzieren. In der Folge brach die Zahl der Kirchenaustritte alle Rekorde. 1992 traten fast 193 000 Katholiken und mehr als 360 000 Protestanten aus. Der Grund: Die neue Sonderabgabe war damals ungefähr so hoch wie die Kirchensteuer; wer austrat, für den blieb die Steuerbelastung gleich. Zwischen 1991 und 1995 war das für insgesamt mehr als 2,3 Millionen Bundesbürger Grund genug, ihrer Kirche zu kündigen.

Im Frühjahr erst veröffentlichte die evangelische Kirche ihre jüngste Mitglieder-Studie, mit bitteren Ergebnissen: Jedes vierte Kirchenmitglied denkt schon mal über den Austritt nach, bei den Jüngeren gar jedes dritte. Bei den Katholiken ist die Lage stabiler, aber nicht grundverschieden. Bei insgesamt immer noch 50 Millionen Kirchenmitgliedern in Deutschland bedeutet das ein Austrittspotenzial von bis zu zehn Millionen Menschen.

Die Kirchen hätten besser auf die neue Einzugsform verzichtet

Längst nicht alle von ihnen gehen wirklich. Aber wenn es einen Skandal gibt wie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche oder das teure Bischofshaus auf dem Limburger Domberg gehen wieder welche - auch Protestanten, für die evangelisch und katholisch irgendwie das Gleiche ist. Sie gehen, wenn der Staat seine Steuergesetze ändert und wenn die Banken Briefe verschicken.

Und manchmal gehen sie, weil schönes Wetter ist: Standesbeamte berichten, dass die Zahl der Austritte steigt, wenn nach langem, kaltem Winterwetter die erste Frühlingssonne lacht und die Leute beim Spaziergang im Amt vorbeischauen und erledigen, wozu sie sich nach Weihnachten entschieden haben.

So gesehen hätten die Kirchen besser auf das Geld verzichtet, das ihnen die neue Einzugsform zusätzlich bringt. Zudem weiß niemand, ob die Verluste durch die Austritte nicht die Mehreinnahmen übertreffen. Aber es ging ja ohnehin vor allem um mehr Gerechtigkeit.