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Kirchenaustritte:Eigentor der Kirchen

Sie fanden es unfair, dass sich Reiche vor ihrer Steuerpflicht drücken konnten. Deshalb wollen die Kirchen das ihnen zustehende Geld bei der Kapitalertragssteuer eintreiben. Das könnte für sie teuer werden.

Von Matthias Drobinski

Natürlich ging es nur um die Gerechtigkeit. "Wir machen das nicht wegen der erwarteten Mehreinnahmen", erklärte Thomas Begrich, der bei der Evangelischen Kirche in Deutschland zuständige Oberkirchenrat für Finanzfragen. Er sagte das auf die Frage, warum seine und die katholische Kirche sich dafür einsetzten, dass künftig auch jene Kirchensteuer automatisch eingezogen wird, die auf die Kapitalertragsteuer fällig wird.

Der Reiche sollte sich nicht mehr so leicht davor drücken können, das angemessene Scherflein der Kirche zukommen zu lassen. Redete man jedoch länger mit Kirchenleuten über das Thema, ließ sich der eine oder andere zu der Bemerkung hinreißen, dass dies schon eine clevere Idee sei. Einwände, dass dieser cleveren Idee ein gewisser Selbstüberlistungsfaktor innewohne, wurden souverän hinweggewischt.

Kirchenaustritte steigen rasant

Und jetzt ist es passiert: Eine im Grunde marginale Änderung im Steuerrecht, die im Januar 2015 in Kraft treten soll, lässt 2014 die Zahl der Kirchenaustritte nach oben schnellen. Der bayrischen evangelischen Landeskirche haben im ersten Halbjahr 14 800 Menschen den Rücken gekehrt, ein Plus von mehr als 56 Prozent, verglichen mit dem Vorjahr. In Württemberg beträgt der Anstieg 57 Prozent, in der hannoverschen Landeskirche geht man von 30 bis 40 Prozent mehr Austritten aus, so geht es von Landeskirche zu Landeskirche, und auch bei den katholischen Bistümern sieht es nicht anders aus: Vergangenes Jahr liefen dort die Leute davon, weil sie sich über den verschwenderischen Limburger Bischof Tebartz-van Elst ärgerten. Jetzt ist die Kapitalertragsteuer der Anlass.

Dabei wollen die Kirchen tatsächlich gar keine neue Steuer erheben. Seit 2009 die Kapitalertragsteuer eingeführt wurde, gilt: Wer mehr als 801 beziehungsweise als Ehepaar 1602 Euro an Zinsen oder anderen Kapitalerträgen einnimmt, muss darauf 25 Prozent Steuern zahlen - für Kirchenmitglieder zuzüglich Kirchensteuer. Bislang mussten das die Betroffenen selbst bei der Steuererklärung angeben. Nicht alle dürften dies in christlicher Ehrlichkeit getan haben. Sollten sich also ausgerechnet die Wohlhabenden drücken können?

34. Deutscher Evangelischer Kirchentag

Den Kirchen laufen die Mitglieder davon: Die Austrittszahlen sind im Vergleich zum Vorjahr bisher mehr als doppelt so hoch. Hamburger Kirchentag 2013.

(Foto: Angelika Warmath/dpa)

Es geht nicht nur um Gerechtigkeit

Doch nicht nur die Gerechtigkeitsfrage spielte eine Rolle: Noch bringt die Kirchensteuer Rekordeinnahmen, 2013 mehr als zehn Milliarden Euro für beide Kirchen zusammen. Langfristig aber wird die Zahl der Mitglieder zunehmen, die als Rentner zwar keine Kirchensteuer auf die Lohn- und Einkommensteuer zahlen, wohl aber auf die Kapitalertragsteuer.

Kirchen wollen die Beträge direkt von den Banken

Die Kirchen drangen also darauf, dass die Beträge künftig bei den Banken direkt und automatisch abgeführt werden - und setzten sich durch, zur geringen Freude der Banken. Die müssen nun ihre Kunden unterrichten, dass sie dem Fiskus die Religionszugehörigkeit weitergeben, es sei denn, die Kunden widersprechen und füllen bei der Steuererklärung ein entsprechendes Formular aus. Ob diese Unterrichtung und die entsprechenden Beratungsgespräche immer im kirchenfreundlichen Duktus stattfanden, darüber streiten nun Banken und Kirchen.

Manche Banken hätten den Eindruck erweckt, hier würde eine neue Steuer erhoben, klagt der Münchner Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Bernd Baucks, Finanzchef der Evangelischen Kirche im Rheinland, sagte, Bankberater hätten in einzelnen Fällen ihren Kunden zum Kirchenaustritt geraten. Die Banken weisen das zurück: Sie müssten nun einmal ihre Kunden über die Neuerung informieren, und die sei schließlich auf den Wunsch der Kirchen hin so gekommen.

Jedes vierte Kirchenmitglied denkt übers Austreten nach

Wie immer die Briefe formuliert und die Kundengespräche gelaufen sein mögen - die Banken sind nicht der Grund für die erneute Austrittswelle. Vielmehr zeigt sich am Ärger über das neue Einzugsverfahren bei der Kapitalertragsteuer, wie gering die Bindung vieler Mitglieder an ihre Kirche mittlerweile ist und dass die enge Bindung an die staatlichen Steuergesetze immer wieder Probleme mit sich bringt, egal, wie viel Geld die staatliche Dienstleistung den Kirchen auch bringen mag.

Das wurde erstmals 1991 sichtbar: Damals kam der Solidaritätszuschlag, um die deutsche Einheit zu finanzieren. In der Folge brach die Zahl der Kirchenaustritte alle Rekorde. 1992 traten fast 193 000 Katholiken und mehr als 360 000 Protestanten aus. Der Grund: Die neue Sonderabgabe war damals ungefähr so hoch wie die Kirchensteuer; wer austrat, für den blieb die Steuerbelastung gleich. Zwischen 1991 und 1995 war das für insgesamt mehr als 2,3 Millionen Bundesbürger Grund genug, ihrer Kirche zu kündigen.

Im Frühjahr erst veröffentlichte die evangelische Kirche ihre jüngste Mitglieder-Studie, mit bitteren Ergebnissen: Jedes vierte Kirchenmitglied denkt schon mal über den Austritt nach, bei den Jüngeren gar jedes dritte. Bei den Katholiken ist die Lage stabiler, aber nicht grundverschieden. Bei insgesamt immer noch 50 Millionen Kirchenmitgliedern in Deutschland bedeutet das ein Austrittspotenzial von bis zu zehn Millionen Menschen.

Die Kirchen hätten besser auf die neue Einzugsform verzichtet

Längst nicht alle von ihnen gehen wirklich. Aber wenn es einen Skandal gibt wie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche oder das teure Bischofshaus auf dem Limburger Domberg gehen wieder welche - auch Protestanten, für die evangelisch und katholisch irgendwie das Gleiche ist. Sie gehen, wenn der Staat seine Steuergesetze ändert und wenn die Banken Briefe verschicken.

Und manchmal gehen sie, weil schönes Wetter ist: Standesbeamte berichten, dass die Zahl der Austritte steigt, wenn nach langem, kaltem Winterwetter die erste Frühlingssonne lacht und die Leute beim Spaziergang im Amt vorbeischauen und erledigen, wozu sie sich nach Weihnachten entschieden haben.

So gesehen hätten die Kirchen besser auf das Geld verzichtet, das ihnen die neue Einzugsform zusätzlich bringt. Zudem weiß niemand, ob die Verluste durch die Austritte nicht die Mehreinnahmen übertreffen. Aber es ging ja ohnehin vor allem um mehr Gerechtigkeit.

© SZ vom 14.08.2014
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