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Kirchen-Bauboom in Russland:Gott der Baumeister

Während in Europa die Kirchen leer bleiben, herrscht in Russland umgekehrt ein enormer Mangel an Gotteshäusern. Im Rekordtempo sollen in Moskau neue Kirchen aus dem Baukasten entstehen - für eine fernab gelegene Region ist sogar ein aufblasbares Modell geplant.

Frank Nienhuysen , Moskau

Für den Kölner Dom hat es sechs Jahrhunderte gebraucht, heute kann man das Bauproblem einer Kirche zur Not auch mit einer Gummi-Version lösen. Auf der fernöstlichen russischen Halbinsel Kamtschatka will ein polnischer Katholik im September ein aufblasbares Gotteshaus errichten. Ein synthetisches Modell, ähnlich einer Hüpfburg oder einer russischen Panzerattrappe, so schwer wie ein übergewichtiger Mann, aufstellbar in Windeseile, mobil und doch geeignet, den Gläubigen einen Ort zu bieten mit Kirchturm, Eingangsportal und gotisch-gestylten Fenstern.

CHRIST THE SAVIOR

Nach dem Fall der Sowjetunion wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau mit viel Geld und Pomp wieder aufgebaut - in der Fläche aber fehlen in Russland Kirchen.

(Foto: AP)

Der Geistliche will mit der Gummikirche von Ort zu Ort ziehen, weil es auf Kamtschatka für Katholiken sonst keine gibt. In Moskau wäre ein derart schwankendes Gebäude gottlob unvorstellbar, erst recht für die russische Orthodoxie, die sich als stabiles Fundament der Gesellschaft sieht. Und doch denkt auch hier die Kirche zunehmend praktisch.

Die russische Hauptstadt erlebt gerade einen kirchlichen Bauboom. Die Arbeit an sieben neuen Gotteshäusern ist bereits im Gange, und der stellvertretende Bürgermeister Wladimir Resin kündigte jetzt an, dass noch in diesem Jahr die Zahl auf 18 steigen werde. Insgesamt plant Moskau den Bau von 200 Kirchen. Das wirft Fragen nach Kosten und Zeit auf, und es gibt ungewöhnliche Antworten.

Das russische Patriarchat hat sich nämlich von modulartigen Bauten überzeugen lassen, die in zwei Grundvarianten angefertigt werden: die erste mit einer Kuppel und Platz für 300 Menschen, die zweite mit fünf Kuppeln und Platz für 500 Gläubige. Nur acht respektive zwölf Monate Bauzeit sind vorgesehen, und selbst wenn man bei russischen Projekten noch einen Aufschlag einkalkulieren sollte, könnte es doch ein beachtliches Tempo werden - von den verhältnismäßig geringen Kosten (bis zu 1,5 Millionen Euro) nicht zu reden.

Die Kritik, dass es sich bei den Kirchen um schnell angefertigte Fließbandprodukte handelt, weist das Patriarchat zurück. Das äußere Erscheinungsbild sei durch unterschiedliche Farben und andere Nuancen immer noch sehr vielfältig, heißt es.

Die Kirchen entstehen auch im Zentrum der Hauptstadt, überwiegend jedoch in den Moskauer Schlafstädten, wo wuchtige Hochhausblöcke das Ende der Stadtgrenzen markieren, an Kirchen aber ein großer Mangel besteht.

Eine Kirche für 40.000 Menschen

Der Schatzmeister des Moskauer Patriarchats, Bischof Tichon, spricht vom "größten Gemeinschaftsprojekt von Kirche und Gesellschaft seit langer Zeit". Dass gleich 200 neue Kirchen gebaut werden, hält er keineswegs für übertrieben. "In Moskau sind in der Vergangenheit etwa 1000 zerstört worden, und das zu einer Zeit, als die Stadt viel kleiner war, sowohl in der Fläche als auch in der Einwohnerzahl." Derzeit gebe es statistisch gerade mal eine Kirche für 40.000 Menschen. Insgesamt sind es 836 Kirchengebäude, von denen die meisten allerdings kleine Gebetsräume ohne Altar sind.

Die Gläubigen in Russland leiden noch immer unter den sieben sowjetischen Jahrzehnten, als die Kommunisten die meisten Kirchen abtragen oder sprengen ließen. Nach der Wende wurde deshalb mit viel Pomp und noch mehr Symbolkraft am Ufer der Moskwa die Christi-Erlöser-Kathedrale originalgetreu wieder aufgebaut. Seit elf Jahren ist sie das neue Zentrum der russischen Orthodoxie, ein wuchtiges Bauwerk mit goldenen Kuppeln und mehr als einhundert Metern Höhe.

Nun gab es für das Patriarchat also wieder eine stolze Kirche, die sich bei jeder Flussfahrt den Touristen ins Bild schiebt. Was ihm jetzt noch fehlte, war die Menge. "So wie bisher war eine ernsthafte geistliche Arbeit kaum möglich", sagte Wladimir Legojda, ein Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche, dem Radiosender Hier spricht Moskau.

Die Kirchenführung scheint mit der Modulkirche wenn nicht einen idealen, so doch wenigstens einen schnellen Weg aus dem Dilemma gefunden zu haben. Begeistert waren die ersten Kommentare der Orthodoxie über die gleichförmigen Bauten zwar nicht, andererseits hat sie wohl keine andere Wahl. Denn glaubt man ihren Beteuerungen, gibt es aus dem staatlichen oder städtischen Haushalt kein Geld für das Programm, die Kosten werden von Kirche, Gläubigen und Spendern getragen.

Immerhin stellt der Staat viele der Bauflächen zur Verfügung. Denn auf Hilfe ganz zu verzichten, will er sich auch nicht leisten. Manche Privatunternehmen bezahlen nach Angaben der Kirche gleich ein Dutzend der neuen Bauten, aus Prestige und Moral, sagen die einen. Aus Kalkül, die anderen. Denn im Gegenzug für die Baufinanzierung, so zitiert die Iswestija eine Finanzexpertin, erhielten die Sponsoren von der Kirche woanders ein Stück Land. Das dürften sie dann verkaufen.

© SZ vom 31.08.2011/leja

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