Missbrauchskonferenz "Missbrauch ist kein Vergehen gegen das sechste Gebot"

Im Vatikan treffen sich die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen, um über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche zu reden. Auch Matthias Katsch ist nach Rom gereist. Er wurde als Schüler selbst missbraucht.

Interview von Matthias Drobinski

An diesem Donnerstag beginnt im Vatikan der Gipfel zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Insgesamt nehmen 190 Kirchenvertreter aus aller Welt an dem Treffen teil. Auch Matthias Katsch, heute 56 Jahre alt und Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch", ist nach Rom gereist. Er ist ein ehemaliger Schüler des Berliner Canisius-Kollegs und wurde selbst sexuell missbraucht.

SZ: Sie sind gerade mit anderen Betroffenen von sexueller Gewalt in Rom - im Zentrum der katholischen Weltkirche sozusagen, mit all seiner Pracht und Macht. Was löst das bei Ihnen aus?

Matthias Katsch: Gemischte Gefühle. Rom ist eine wunderbare Stadt, aber die Kuppel des Petersdoms, die ganze Architektur des Vatikans, lässt den Menschen klein werden vor der Institution - und genau das haben wir sehr bitter erfahren müssen. Ich bin aber auch mit einigem Stolz hier: Wir haben etwas erreicht, was wir vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten hätten.

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Die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt treffen sich auf Einladung des Papstes, um über sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensleute zu reden. Vor zehn Jahren hätten die meisten noch gesagt: Da gibt es ein paar Fälle, das ist aber kein großes Problem der Kirche.

Endlich wird die Gewalt als weltweites und auch strukturelles Problem wahrgenommen. Wobei mich der Titel der Konferenz ärgert: Konferenz zum Schutz der Kinder. Das ist ein Aspekt, aber es ist doch viel mehr ein Krisengipfel, einer, der zeigt, wie dramatisch die Situation der katholischen Kirche ist. Manche sagen ja schon: fast so wie kurz vor der Reformation. Es brennt an allen Ecken. Da finde ich Kinderschutz-Konferenz geradezu verharmlosend.

Matthias Katsch, 56, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, steht im Januar 2015 vor einem Gebäude der Jesuitenschule in Berlin.

(Foto: dpa)

Sie sind mit ungefähr 40 anderen Betroffenen des internationalen Netzwerks ECA (Ending Clergy Abuse) in Rom. Werden sie denn gehört von den Bischöfen, Erzbischöfen, Kardinälen?

Wir machen uns bemerkbar! Wir reden mit den Journalisten, wir waren jetzt am Mittwoch auf dem Petersplatz, wir werden am Samstag demonstrieren. Wir merken, dass da etwas Wichtiges geschieht, weltweit. Es sind Vertreterinnen und Vertreter aus Indien, Afrika, Lateinamerika hier. Die ehemalige Nonne Doris Wagner hat eine Karte erstellt, auf der sie eingezeichnet hat, wo es Gewalt gegen Nonnen gab: Es gibt da leider keine weißen Flecken. Wie bei der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.

Aber auf dem Gipfel reden dürfen Sie nicht.

Bis jetzt nicht, nein. Da sind wir gar nicht erst gefragt worden. Man hat versucht, einzelne Betroffene zu dem Vorbereitungstreffen einzuladen, dabei haben wir einen demokratisch gewählten Vorstand und wollen uns nicht aufteilen lassen in genehme und nicht genehme Betroffene. Das Spiel kennen wir zu gut, wir spielen aber nicht nach solchen intransparenten Regeln. Wir gehen da jetzt alle gemeinsam hin - und dann sehen wir mal. Es heißt jetzt von Kirchenseite, die Konferenz solle auch den Opfern eine Stimme geben - vielen Dank auch. Eine Stimme haben wir selber. Sie sollte von den Bischöfen und Kardinälen gehört werden.

Was fordern Sie von den versammelten Vorsitzenden der Bischofskonferenzen?

Es sollte sich ganz konkret das Kirchenrecht ändern: Ein Priester, der Kindern, Jugendlichen, Menschen, die von ihm abhängig sind, körperliche, sexuelle, seelische Gewalt antut, kann kein Priester mehr sein. Ein Bischof, der solche Taten vertuscht und Täter schützt, kann kein Bischof mehr sein oder sonst ein Leitungsamt in der Kirche inne haben. Ganz einfach, ganz konsequent.

Der Jesuitenpater Hans Zollner, der den Gipfel mit vorbereitet hat, sagt: Das Kirchenrecht ist gar nicht so sehr das Problem - es hapert am Bewusstsein.

Natürlich hapert es vielerorts auch am Bewusstsein - aber das wird auch schnell als Ausrede missbraucht, um sich aus der Verantwortung zu stehlen: Wir können ja nichts tun, weil das Bewusstsein nicht überall gleich ist. Die Taten jedenfalls sind überall gleich. Und klare Regeln helfen, Bewusstsein zu schaffen. Siemens hat ja auch die Compliance-Regeln geändert, als Korruptionsfälle offenbar wurden - und keine Aktion für ein besseres Bewusstsein gestartet. Die Konferenz sollte für die gesamten Weltkirche klarstellen: Missbrauch ist kein Vergehen gegen das sechste Gebot, sondern ein Verbrechen, das entsprechend Konsequenzen nach sich zieht. Und es sollte ein Plan aufgestellt werden, wie weltweit Aufarbeitung der Taten und Gerechtigkeit für die Opfer erreicht werden können. Sie warten weltweit seit vielen Jahren auf Hilfe und Entschädigung.

Bräuchte es auch für den Vatikan eine groß angelegte Missbrauchsstudie, wie die deutschen Bischöfe sie für ihren Bereich in Auftrag gegeben haben?

Das könnte Strukturen deutlich machen, Verantwortungen klären und Verantwortlichkeiten benennen, das wäre gut in einer Kirche, die bisher gerne alles in der Grauzone gehalten hat. Das wäre eine Kulturveränderung. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, fürchte ich.

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