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Konferenz im Vatikan:Ein Kardinal eröffnet die Konferenz mit Tränen

  • Vier Tage lang beraten sich die höchsten Würdenträger der katholischen Kirche auf einer Konferenz im Vatikan über Konsequenzen aus den vielen Missbrauchsskandalen.
  • Wie konkret und wirksam die Beschlüsse sein werden, ist offen.
  • Bei seinem Eröffnungsvortrag bricht der Erzbischof von Manila, Luis Tagle, in Tränen aus.

Der Zugang zum Vatikan ist strenger abgeschirmt als sonst, die Kameradichte höher; ein silberner Opel Zafira mit einer Kardinals-Kleingruppe bahnt sich den Weg durch die Journalisten, die auf ein paar Zitate warten. Jean-Claude Hollerich, der Erzbischof von Luxemburg, kommt immerhin zu Fuß und ist zu sprechen. "Ich hoffe, dass alles auf den Tisch kommt", sagt er. Kann er verstehen, dass die Geduld vieler Menschen mit der katholischen Kirche am Ende ist? "Sicher", sagt er, "ich bin ja auch wütend, wenn ich solche Berichte höre." Spricht's und eilt hinein. Auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx ist an diesem Morgen wortkarg. Er hoffe auf einen "Schub" für die katholische Kirche, sagt er, dass hier etwas geschehe, "das für die gesamte Weltgesellschaft von Bedeutung ist". Nein, keine Rückfragen bitte.

Die Angst vorm falschen Wort ist groß an diesem Morgen. Niemand möchte Papst Franziskus vorgreifen, der gleich eine Konferenz eröffnet, die es so noch nie in der Kirchengeschichte gegeben hat: Die Vorsitzenden von 114 Bischofskonferenzen aus aller Welt beraten gemeinsam mit Ordensoberen, Kurienvertretern, Fachleuten, wie die katholische Kirche auf die sexuelle Gewalt von Priestern, Ordensleuten, Kirchenmitarbeitern gegen Kinder und Jugendliche reagieren soll. Seit Jahren erschüttern immer neue Fälle die Öffentlichkeit - in den USA, Irland, Deutschland, ganz Westeuropa. In Chile bot die gesamte Bischofskonferenz ihren Rücktritt an, als sich zeigte, wie lange und wie hartnäckig dort der Missbrauch vertuscht wurde; in Australien steht Kardinal George Pell vor Gericht, der dritthöchste Mitarbeiter des Papstes, nicht ausgeschlossen, dass er ins Gefängnis muss. Auch in anderen Ländern machen mehr und mehr Frauen und Männer öffentlich, was ihnen widerfahren ist.

Glaube und Religion Der Gegengipfel der Überlebenden
Katholische Kirche

Der Gegengipfel der Überlebenden

Die Konferenz im Vatikan verfolgen in Rom auch Dutzende Missbrauchsopfer. Sie verschaffen sich auf der Straße Gehör - und haben eine klare Forderung an Papst Franziskus.   Von Oliver Meiler

Selbst Papst Franziskus ist in die Kritik geraten, spätestens seit der frühere Nuntius der USA, Carlo Maria Viganò, ihm vorwarf, Hinweisen auf Verfehlungen des Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick zu spät nachgegangen zu sein. Viganòs Brandbrief war in weiten Teilen ein homophobes Pamphlet, McCarrick ist mittlerweile der erste Kardinal, dem die Kardinalswürde entzogen und der in den Laienstand versetzt wurde. Trotzdem ist der Gipfel, den Franziskus im September ankündigte, für den Papst auch eine Befreiungsaktion in eigener Sache: Ich setze mich an die Spitze der Aufklärungsbewegung, für mich hat das Thema oberste Priorität.

Wie um zu beweisen, dass er es ernst meint, legte er am Donnerstagabend überraschend 21 Vorschläge zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern vor, die nun diskutiert werden sollen.

Manch Bischof aus Westeuropa fürchtet, dass die Konferenz in Enttäuschung endet

Vier Tage lang also sollen die Bischöfe und Kardinäle sich das Leiden der Opfer vor Augen führen, sie sollen sich ihrer persönlichen Verantwortung für das Thema bewusst werden, sollen wissen, welche Regeln im Umgang mit Missbrauch gelten. Kurz: Sie sollen weltweit auf einen einheitlichen Standard gebracht werden. Denn der ist durchaus unterschiedlich: In manchen Ländern ist es immer noch ein Tabu, überhaupt über Sexualität zu reden, in anderen steht auf Missbrauch die Todesstrafe, da wird die Zusammenarbeit mit den Behörden schwierig.

Auch deshalb fürchtet manch westeuropäischer Bischof, am Sonntag mit einem enttäuschenden Ergebnis nach Hause zu fahren: Dort wird mittlerweile offen über den Sinn des Zölibats diskutiert und grundsätzlich über den Umgang der Kirche mit Macht, hier muss manchem Bischof erst die Dramatik des Themas klargemacht werden. Kurz vor Beginn haben sich die konservativen Kardinäle Raymond Burke und Walter Brandmüller zu Wort gemeldet: Schuld an der Misere seien die "homosexuellen Netzwerke", und die Ursache für den Missbrauch sei die "Abkehr von der Wahrheit des Evangeliums"; eine Debatte über Klerikalismus brauche es nicht.

Um 9 Uhr nun singen die Bischöfe. Dann redet Franziskus: Es sei sein Wunsch, "dem Schrei der Kleinen Gehör zu schenken, die Gerechtigkeit verlangen". Das Volk Gottes erwarte "von uns nicht einfache selbstverständliche Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Maßnahmen". Es brauche "Konkretheit", wiederholt Franziskus. Das lässt Beobachter aufhorchen: Bleibt das Treffen am Ende doch nicht so folgenlos, wie viele befürchten?

Den Eröffnungsvortrag hält Kardinal Luis Tagle, der Erzbischof von Manila. Wer an Jesus glaube, den verwundeten Auferstandenen, müsse sich auch den Wunden der Missbrauchten aussetzen, sagt er. Wer glaube, unverwundet bleiben zu können, töte sein inneres Leben. Seine Botschaft: Sich den Ursachen und Folgen der Gewalt zu stellen, ist zutiefst eine Angelegenheit des Glaubens und keine Frage, wie gut oder schlecht man in der Öffentlichkeit dasteht. "Das Fehlen von Antworten auf das Leid der Opfer, bis hin zu ihrer Zurückweisung und der Vertuschung des Skandals zum Schutz der Vergewaltiger und der Institution, hat unser Volk gebrochen", sagt er - und daran seien auch die Bischöfe mitschuldig. Dann kann der Kardinal auf einmal nicht weiterreden. Er bricht in Tränen aus.

Der Leitfaden des Papstes für die Konferenz geht nicht sehr weit

Es folgt auf die Emotion die nüchterne Analyse. Der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, vatikanischer Chefermittler bei Missbrauchsfällen, führt auf: Ungeeignete Priesteramtskandidaten spielten beim Missbrauch ebenso eine Rolle wie die Tendenz, den Ruf der Kirche über den Schutz der Opfer zu stellen. Sexuelles Fehlverhalten müsse konsequent der Bischofskonferenz oder dem Orden gemeldet, die zivilen Strafgesetze müssten eingehalten, Experten hinzugezogen werden. Neu ist das nicht, es sind die Vorschriften. Auch der Leitfaden, den der Papst zu Beginn der Sitzung hat austeilen lassen, geht nicht sehr weit; er schlägt unabhängige Anlaufstellen für Missbrauchsopfer vor und eine Beteiligung von Laien an der Untersuchung von Vorwürfen; Kinderschutzrichtlinien sollten in allen kirchlichen Strukturen "auf den Prinzipien von Gerechtigkeit und Nächstenliebe basieren". Der Erzbischof von Bogotá, Rubén Salazar Gómez, rügt die Neigung von Klerikern, Verantwortung wegzuschieben, er schlägt einen verbindlichen Kodex für Bischöfe vor.

Und die Betroffenen, die Opfer der Gewalt? Sie treten nicht selbst vor die Versammelten, sie erscheinen virtuell, in einer Videobotschaft. Keiner der hier Versammelten muss ihnen in die Augen sehen. Fünf Frauen und Männer erzählen, was ihnen widerfahren ist; eine Afrikanerin, wie der Priester, der sie vergewaltigte, sie zu drei Abtreibungen zwang, ein Chilene, wie sein Peiniger auch zum "Mörder des Glaubens" wurde. Beim Abendgebet immerhin soll dann je ein Betroffener anwesend sein.

Zwei Tage noch werden sie reden, diskutieren, beten. Am Sonntagmorgen wird dann Papst Franziskus sprechen, der die Konferenz über zugehört hat. Es dürfte eine der wichtigsten Ansprachen seines Pontifikats werden.

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