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Kirche - Bonn:Ex-Bundesrichter Fischer hält Kritik an Kirche für überzogen

Bonn
Thomas Fischer bei einem Termin. Foto: Karlheinz Schindler/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

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Bonn (dpa) - Der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer hält die derzeitige Welle von Kritik an der katholischen Kirche für überzogen. Dabei gehe es oft nicht mehr um Argumente und Sachfragen, sondern nur noch um Emotionen, sagte der Jurist der Deutschen Presse-Agentur. Dies gelte insbesondere auch für die Vertuschungsvorwürfe gegen den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Fischer sagte: "Viele Leute rechnen ganz allgemein mit der katholischen Kirche ab und suchen dafür Projektionsflächen."

Woelki hat ein Gutachten zum Umgang seines Bistums mit Missbrauchsvorwürfen in Auftrag gegeben, hält es aber aufgrund von rechtlichen Bedenken unter Verschluss. Stattdessen hat er ein neues Gutachten bestellt, das Mitte März veröffentlicht werden soll. Derzeit tagt auch die Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz. Die Vorgänge um Woelki stehen offiziell aber nicht auf der Tagesordnung.

Fischer sagte: "Offenbar haben ihm seine Berater gesagt, dass das erste Gutachten rechtlich problematisch ist, weil Betroffene dagegen klagen könnten." Das Gutachten sei von zwei anerkannten Strafrechts-Professoren geprüft worden, und diese hätten plausible Vorbehalte vorgebracht. "Dass Woelki dann hingeht und sagt "Gut, dann erstellen wir es noch einmal neu", das finde ich in Ordnung. Ich kann nicht erkennen, dass da zurzeit etwas vertuscht wird. Das würde auch unter den gegebenen Umständen nicht funktionieren."

Der Strafrechtler sagte weiter, unbestritten habe es in der Kirche viele Fälle von Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen gegeben. "Und natürlich war auch die Aufklärung mangelhaft." Das gelte allerdings auch für andere Institutionen wie organisierten Sport, Pädagogik oder Psychotherapie.

Derzeit fokussiere sich die Diskussion aber auf die katholische Kirche und insbesondere Woelki. "Ich finde: Immer wenn man mit der Moral hantiert, sollte man erstmal auf den eigenen Verantwortungsbereich schauen. Es ist sehr einfach, in einer aufgeheizten Situation die ganze Entrüstung auf eine einzelne Figur zu konzentrieren."

Die Kirche sei natürlich fehlbar, sagte Fischer, der sich selbst als "tief ungläubig" bezeichnet. Der ehemalige Bundesrichter fügte hinzu: "Katholische Geistliche sind nicht besser oder schlechter als andere Menschen. Insgesamt muss man aber sehen, dass die Kirche den Anspruch hat, das Gute im Menschen zu fördern." Unhistorische Generalabrechnungen seien daher verfehlt.

© dpa-infocom, dpa:210224-99-567828/2

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