bedeckt München 27°

Kindesmissbrauch in Gartenlaube:Bewährungshelfer attestierten Adrian V. "eine vertrauensvolle Zusammenarbeit"

Das Jugendamt der Stadt Münster wurde über die Verfahren informiert, damals lebten Mutter und Stiefsohn noch nicht mit Adrian V. zusammen. Nach Angaben eines Stadtsprechers bewerteten ein Familiengericht und Experten der Kinderschutzambulanz 2015 die Situation des Jungen; sie sahen keine Gefährdungsmomente, die einen Eingriff in das elterliche Sorgerecht gerechtfertigt hätten. Nach mehreren Gesprächen habe die Frau danach jegliche Hilfe vom Jugendamt abgelehnt.

Kennengelernt hatten sich die nun festgenommenen Männer über das Darknet, in dem Adrian V. Bilder und Videos seiner Taten an seinem Stiefsohn hochlud und verbreitete. Schnell verabredeten sich die Männer dann auch in der Realität.

Ermittlungen nach schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern

In diesem Serverraum im Haus seiner Mutter soll der Hauptverdächtige mehr als 500 Terabyte kinderpornografisches Material gesammelt haben.

(Foto: dpa)

Man stehe noch am Anfang der Aufklärung, sagte Chefermittler Poll. Adrian V. könnten bislang 15 Taten zwischen November 2018 und Mai 2020 nachgewiesen werden. Das sei aber wohl "nur die Spitze des Eisbergs". Vor allem türmt sich vor den Ermittlern ein gigantischer Datenberg aus kinderpornografischen Bildern und Videos auf: Nach Durchsuchungen in zwölf Objekten konnten bereits mehr als 500 Terabyte sichergestellt werden.

Die Video-Überwachungsanlage fanden die Ermittler in einer doppelten Decke in der Gartenlaube

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht eine Gartenlaube in Münster. Hier im Kleingartenverein "Am Bergbusch" im Norden des Stadtteils Kinderhaus soll sich die Tat abgespielt haben, die "uns Ermittler am meisten schockiert, bewegt und beschäftigt", sagte Poll. In dem weiß getünchten Häuschen, umgeben von gepflegten Blumenbeeten und dichten Hecken, soll sich in der Nacht vom 25. auf den 26. April Folgendes ereignet haben: Der Münsteraner, ein 42-Jähriger aus Schorfheide (selbst dreifacher Vater und Vorsitzender einer Kleingartenkolonie), der Vater des Fünfjährigen und ein weiterer Mann hatten sich zum gemeinsamen Missbrauch verabredet.

"Sie können es sich nicht vorstellen, das ist unfassbar. Vier erwachsene Männer vergehen sich an zwei kleinen Jungs. Wechselseitig und aufs Schlimmste", so Chefermittler Poll. Über Stunden sollen die Männer dem Fünfjährigen und dem Zehnjährigen sexuelle Gewalt angetan haben. Ein Doppelbett und Doppelstockbetten im Inneren der Gartenlaube waren videoüberwacht. Der 27-Jährige und ein weiterer Tatverdächtiger hatten an dem Wochenende Geburtstag, heißt es aus Ermittlerkreisen. Die Polizisten fanden in der Hütte zudem Beweise, dass die beiden Jungen während der Taten teilweise sediert gewesen sein könnten. Körperlich seien die Kinder unverletzt geblieben, so Poll; ein Rechtsmediziner habe die Jungen untersucht. Den Schlüssel zur Gartenlaube habe die Pächterin der Parzelle, seine Mutter Carina V., dem Münsteraner gegeben "in dem Wissen, was dann dort passieren wird", sagt Poll weiter. Was Adrian V.s Lebensgefährtin, die Mutter des Jungen, wusste und inwiefern sie beteiligt war, wird derzeit noch ermittelt.

"Diese furchtbaren Missbrauchsfälle von Münster erschüttern mich zutiefst", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). Sie zeigten ein weiteres Mal, "wie widerwärtig menschliche Abgründe sein können". Reul hatte seit Bekanntwerden des Falls Lügde den Kampf gegen Kindesmissbrauch zum Schwerpunkt der NRW-Polizeiarbeit erklärt und massiv Personal aufgestockt.

Die komplette Video-Überwachungsanlage und Speichermedien hatten die Ermittler in einer doppelten Decke in der Gartenlaube gefunden. Ein Schild an der Hütte weist daraufhin, dass auch außen eine Videokamera angebracht ist. Die Kleingartenanlage besteht laut der Webseite des Vereins aus 76 Kleingärten, sie wurde 1974 gegründet. Das Grundstück von V.s Mutter ist keine verwahrloste Parzelle, wie die des Haupttäters Andreas V. im Missbrauchsfall Lügde auf dem lippischen Campingplatz. Es ist eine gepflegte Anlage, inmitten von Wiesen. Der Verein nennt sie auf seiner Homepage: "Unsere grüne Oase".

© SZ vom 08.06.2020
Zur SZ-Startseite
Kate und Gerry McCann bei einem Gedenkgottesdienst für ihre Tochter Madeleine in Rothley genau sechs Monate nach deren Verschwinden

SZ PlusFall Maddie
:Der Deutsche

Am 3. Mai 2007 verschwand Maddie McCann in Portugal. Jetzt steht ein 43-Jähriger unter Mordverdacht. Wer ist dieser vorbestrafte Mann, der in Haft sitzt und vielleicht all die Fragen der Eltern beantworten kann?

Von Peter Burghardt und Cathrin Kahlweit

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB