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Kindesmissbrauch:Nur intensive Prävention verhindert Taten

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Symbolbild

(Foto: Theresia Karanitsch /imago images)

Pädophilie ist nicht heilbar. Daher müssen auch therapierte Täter lange überwacht werden und Informationen zwischen Behörden besser weitergegeben werden - zum Schutz der Kinder.

Kommentar von Kerstin Lottritz

Ein Junge, der in Staufen jahrelang von seiner Mutter und seinem Stiefvater an Männer verkauft wird, die ihn sexuell missbrauchen. Kinder, die auf einem Campingplatz in Lügde immer wieder einem Mann und seinen Komplizen zum Opfer fallen. Riesige Datenmengen an kinderpornografischem Material, gefunden in einer Wohnung in Bergisch Gladbach, deren Auswertung erst nach und nach einen ganzen Komplex von Kindesmissbrauch offenbart, der sich über das gesamte Bundesgebiet erstreckt. Und jetzt auch noch der Fall in Münster, wo sich ein Stiefvater mit anderen Männern zum gemeinsamen Missbrauch seines Ziehsohnes verabredet.

Diese Verbrechen sind derart schockierend, dass sie auch die Ermittler fassungslos zurücklassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung scheinen sich die Fälle von schwerem Kindesmissbrauch, bei denen die Kinder oft jahrelang einem Martyrium ausgesetzt sind, zu häufen. Vergessen wird dabei, dass die Polizei ihre Ermittlungsarbeit in den vergangenen Jahren verstärkt hat. Mehr Beamte wurden aus anderen Bereichen abgezogen, um bei der Auswertung von Beweismaterial zu helfen. Gleichzeitig wurde mehr in IT-Experten investiert, die verschlüsseltes Datenmaterial auswerten. Dennoch machen die Ermittler stets klar: Es ist nur ein kleiner Teil der Sexualverbrechen an Kindern, den sie ans Licht bringen können.

Bei vielen Fällen, die die Öffentlichkeit bewegen, zeigen sich Parallelen. In Staufen sowie in Münster etwa waren die Tatverdächtigen polizeibekannt - wegen des Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornografie, aber auch schon wegen sexuellem Kindesmissbrauch. Auch der Fall in Lügde ließ die Öffentlichkeit deshalb so fassungslos zurück, weil die zuständigen Jugendämter und Behörden nicht zusammengearbeitet haben, Informationen nicht weitergegeben wurden.

Wie schützt man Kinder besser?

Umso mehr drängt die Frage: Wie kann man Kinder künftig besser schützen? Wenn nun der Münsteraner Polizeipräsident an die Öffentlichkeit appelliert, wachsamer zu sein, ist das ein Zeichen seiner Hilflosigkeit angesichts der Herausforderung, diese Täter schneller zu stoppen.

Eine Forderung lautet deshalb, schon den Besitz von Kinderpornografie härter zu bestrafen. Ja, dies könnte hilfreich sein. Aber man muss sich auch ehrlich fragen: Schreckt einen Pädophilen eine Höchststrafe von künftig fünf statt bisher drei Jahren wirklich davon ab, noch weiter zu gehen und Kinder selbst zu missbrauchen? Wäre solch eine Änderung des Strafmaßes nicht eher Aktionismus?

Dringender ist es, dass die Behörden besser zusammenarbeiten und Informationen untereinander weitergeben, um Verbrechen an Kindern so besser vorbeugen zu können. Denn es geht nicht nur darum, einen Täter zu bestrafen, sondern vor allem auch darum, Kinder davor zu schützen, dass es überhaupt zu Taten kommt. Sie dürfen erst gar nicht Opfer werden. Und wenn sie es doch werden, müssen sie schnellstmöglich aus der für sie so verhängnisvollen Lebenssituation herausgeholt werden.

Vor allem aber: Ein bereits aufgefallener Täter darf nicht einfach aus dem System fallen, wenn er eine Therapie vermeintlich erfolgreich abgeschlossen hat. Pädophilie ist eine Krankheit. Eine, die nicht heilbar ist. Aber es gibt viele Menschen, die mit dieser ihrer Krankheit umgehen können. Rehabilitierung eines Täters bedeutet auch, dass dieser - zu seinem eigenen Schutz, aber vor allem zum Schutz der Kinder - über Jahre weiter beobachtet werden muss. Es muss immer wieder aufs Neue beurteilt werden, ob er rückfällig werden könnte und somit eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Den betroffenen Familien müssen nicht nur Hilfsangebote gemacht werden, sie müssen dazu verpflichtet werden, diese auch anzunehmen.

Nur intensive Präventionsarbeit mit bereits überführten Tätern kann letztendlich verhindern, dass ihnen weitere Kinder zum Opfer zu fallen.

© SZ/mane
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