Süddeutsche Zeitung

Kindesmissbrauch:Der Horror

Wie ist so etwas möglich? Warum hat über so viele Jahre niemand etwas bemerkt? Der Fall Lügde erschüttert ganz Deutschland.

Von Britta von der Heide und Jana Stegemann

Er hat ihr immer wieder gedroht. Sie würde "Ärger bekommen". Von ihm, aber auch von ihrer Mutter. Lisa, die eigentlich anders heißt, ist da neun Jahre alt, eine zierliche Drittklässlerin, die gerne zum Tennis geht, noch lieber Fußball spielt und am allerliebsten Pommes mit Ketchup isst. Als der 120-Kilo-Mann die Grundschülerin vergewaltigt, sagt er ihr noch: "Du darfst ruhig laut schreien." Ihre Freundin Maja (Name ebenfalls geändert), seine ihm vom Jugendamt anvertraute Pflegetochter, liegt da nur Meter entfernt in ihrem Bett.

Andreas V. hat alle Hemmungen verloren. Schließlich vergewaltigte und missbrauchte der Dauercamper in seiner Campingplatzbaracke in Lügde in der nordrhein-westfälischen Provinz seit 20 Jahren Mädchen zwischen vier und 13 Jahren - unbehelligt von Behörden, Eltern und Mitcampern. Erst funktioniert sein perfides Missbrauchssystem auch in Lisas Fall, das Mädchen erzählt niemandem von der sexuellen Gewalt.

Doch als Andreas V. es nach einem neuerlichen Übernachtungsbesuch wieder zu Hause absetzt, fängt das Mädchen an zu weinen, vertraut sich seiner Mutter an. Die stellt den Camper zur Rede, aber V. sagt der Mutter vor den beiden Mädchen: "Sie wollte es so." Zwei Monate geht Lisas Mutter nicht zur Polizei, aus Angst vor Andreas V. Am 20. Oktober 2018 erstattet sie dann doch Anzeige auf einer Polizeistation in Bad Pyrmont.

Erst jetzt wird die Schweigespirale durchbrochen. Auf die Polizeiwachen in Nordrhein- Westfalen und Niedersachsen, Lügde liegt an der Landesgrenze, kommen kleine Kinder, aber auch Erwachsene. Und immer mehr erzählen noch von einem zweiten Mann: Auch Mario S. soll Mädchen und Jungen vergewaltigt haben. Auch er hatte eine Parzelle auf dem Campingplatz. Die kleine Kreispolizeibehörde Lippe ist heillos überfordert, die Republik steht fassungslos vor dem Horror, der nach und nach bekannt wird.

Andreas V., auf dem Campingplatz nur "Addi" genannt, wird von seinen vielen Opfern demaskiert. Die, denen er jahrelang das Schrecklichste antat, bringen ihn und seinen Mittäter S. mit ihren Aussagen zu Fall. Aus dem vermeintlich netten Onkel, der auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde ein "Kinderparadies" geschaffen hat, wird einer der beiden Hauptangeklagten.

Obwohl die Aufarbeitung des Falls von beispiellosem Behördenversagen begleitet wird, fällt elf Monate nach Lisas Anzeige ein Urteil am Landgericht Detmold, beide gestehen am ersten Prozesstag fast alle angeklagten Taten: Der 57-jährige Andreas V. muss für 13 Jahre ins Gefängnis - er wird unter anderem wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in 223 Fällen verurteilt. Mario S., 34 Jahre alt, erhält zwölf Jahre. Für beide Männer ordnet Richterin Anke Grudda anschließende Sicherungsverwahrung an.

"Nach wie vor fällt es schwer, das Geschehen in Worte zu fassen", so begann Grudda ihre Urteilsverkündung . Worte wie "abscheulich, monströs, widerwärtig" reichten nicht aus für das, was Andreas V. und Mario S. ihren mehr als 30 kleinen Opfern angetan haben. Ein dritter Mann, Heiko V., war mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Er hatte bei Andreas V. mehrmals den Missbrauch einer Zehnjährigen bestellt und diesem via Live-Chat aus der heimischen Wohnung zugeschaut. Sie sei froh, hatte Andreas V.'s frühere Pflegetochter Maja schon nach dessen Verhaftung gesagt, dass "er nun nie wieder Kinder fangen" könne.

Auf dem Campingplatz erinnert nichts mehr an Andreas V. und Mario S. - ihre Behausungen sind mittlerweile abgerissen. Der Campingplatzbetreiber will die beiden Parzellen nicht neu vermieten - mit Journalisten will auf dem Platz aber auch niemand mehr reden. Ein neues rotes Schild am Campingplatzeingang mahnt jetzt: "PRIVATGELÄNDE Zutritt nur für angemeldete Gäste".

Dabei ist noch eine Menge Mitschuld aufzuarbeiten: bei allen, die auf dem Campingplatz wegsahen, aber auch bei Behörden, Beamten, Politikern. Es sind so viele Fehler gemacht worden, sowohl während das Unvorstellbare passierte als auch danach bei den Ermittlungen, dass der Fall Lügde mittlerweile in einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufgerollt wird. Es laufen zudem noch zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen Polizisten, Jugendamtsmitarbeiter und mögliche Lügde-Mitwisser.

Landesfamilienminister Joachim Stamp (FDP) will eine Fachstelle einrichten. Nach einem Jahr Arbeit hat sein Ministerium erst eine lose, unkonkrete Blattsammlung produziert - aber viele pathetische Pressestatements abgegeben. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hat seit Bekanntwerden des Falls viele kleine vernünftige Veränderungen der Polizeiarbeit angestoßen. Über allem aber steht die eine Frage: Wie lässt sich ein zweiter Fall Lügde zukünftig verhindern? Damit Mädchen wie Lisa nicht mehr erleiden müssen, was man ihr angetan hat.

Britta von der Heide ist Reporterin für die Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ, Jana Stegemann ist SZ-Korrespondentin in Nordrhein-Westfalen.

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SZ vom 01.12.2019
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