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Kinderschänder Christoph G.:Flucht aus der Idylle

"Er sagte: Ich kann nicht mehr": Wie der mutmaßliche Päderast Christoph G. im bayerischen Sonthofen auf die Fernsehfahndung reagierte. Eine Spurensuche.

Stefan Mayr

Von außen wirkt der Gasthof zum Löwen am Oberen Markt wie die Kulisse eines Heimatfilms: grüne Fensterläden, handgemalte Verzierungen, rot-rosa Geranienbüsche, blau-weiß gestreifte Sonnenschirme, an den Holztischen sitzen entspannte Urlauber vor ihren Weizenbiergläsern.

Kinderschänder  Sonthofen dpa

Die Polizeiinspektion in Sonthofen, in der sich der mutmaßliche Kinderschänder stellte

(Foto: Foto: dpa)

Die Gäste tragen Sonnenbrillen, Sommerkleider und Flipflop-Sandalen. Sonthofen im Allgäu, die heile Welt wie aus dem Urlaubsprospekt. Doch innen im Gasthaus, am Tresen, ist es seit Mittwochabend vorbei mit der Idylle. Ein Kamerateam zieht herein. Und erkundigt sich über den Kinderschänder.

Doch die Chefs des Hauses sagen kein Wort. Sie haben einen Exklusiv-Vertrag mit einem Boulevard-Sender abgeschlossen. Nur die Mitarbeiter und Stammgäste geben Interviews. Sie haben seit Mitte März mit dem mutmaßlichen Kinderschänder Christoph G. zusammengearbeitet oder gemeinsam ein Bier getrunken.

Alle sind sie fassungslos, dass der 37-jährige, zuvorkommende, gutaussehende und ordentlich gekleidete Aushilfskellner aus Mayen mehrere Jungen teilweise mit großer Gewalt missbraucht haben soll.

Bis Mitte September wäre Christoph G.s Vertrag im "Löwen" noch gelaufen. Doch am Donnerstagmorgen, einen Tag nach der Ausstrahlung seiner Fotos, verließ er das Zimmer im zweiten Stock fluchtartig. Er hinterließ einen Reisekoffer und eine große Unordnung. Nur mit einem Rucksack verabschiedete er sich.

Minderjährige auf ein Bier eingeladen

Einer der ehemaligen Kollegen berichtet: "Er sagte: Ich kann nicht mehr, und ich werde nicht wiederkommen." Christoph G. ging zur Polizeiinspektion am anderen Ende der Fußgängerzone und stellte sich. Daraufhin wurde er in die Justizvollzugsanstalt Kempten gebracht und dort am Freitag dem Haftrichter vorgeführt.

Die Männer am Stammtisch des Gasthofs zum Löwen bestätigen die Freundlichkeit des Mannes, berichten aber durchaus von verdächtigen Beobachtungen: "Mir war er von Anfang an suspekt", berichtet Thomas Wille aus Sonthofen.

Sein 16-jähriger Sohn sei öfters mit Christoph G. in den Kneipen der 22000-Einwohner-Stadt unterwegs gewesen. "Der Christoph ist immer mit minderjährigen Buben herumgezogen und hat sie zum Bier eingeladen, manchmal auch nach Mitternacht", sagt Thomas Wille.

Ein anderer Stammgast, Florian Schmitzer, berichtet, Christoph G. habe mit seinem Opel Omega ab und zu einen 13- oder 14-jährigen Buben aus dem Osten abgeholt. "Der hat mit Christoph auf dem Zimmer geschlafen, er hat immer behauptet, dass das sein Cousin war."

Sonthofens Bürgermeister Hubert Buhl erfuhr von Christoph G. am Donnerstagabend aus dem Radio. "as war schon ein ordentlicher Schock" sagt er, "Ich bin heilfroh, dass der Fahndungsdruck offenbar so groß war, dass sich der Mann stellte."

Der 56-jährige Politiker fürchtet um das Image seiner Kleinstadt, die auch vom Tourismus lebt und sich als "kinderfreundliche Stadt" vermarktet. Deshalb beeilt er sich zu betonen: "Hier gab es keinen Misshandlungsfall und wird es in Zukunft auch nicht geben, weil hier die Nachbarschaft noch funktioniert."

Die Leiterin des städtischen Kindergartens Süd, der nur einen Steinwurf von der Polizeiwache entfernt ist, sieht das ein bisschen anders: "Wenn ich mir das überlege, kriege ich gleich eine Gänsehaut", flüstert Hilde Fischer.

"Sonthofen ist eben doch keine heile Welt", sagt sie. "Solche Leute können überall sein, und man sieht es ihnen nicht an."

© SZ vom 8. 8. 2009/odg
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