Filmprojekt:Du bist nicht allein, Kevin

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Filmprojekt: Filmemacher Kevin Fafournoux (oben) plant eine Dokumentation über die Leiden seiner Namensvettern. Ob Kevin-Prince Boateng, Kevin Costner oder Kevin Kühnert (im Uhrzeigersinn) wohl auch vorkommen?

Filmemacher Kevin Fafournoux (oben) plant eine Dokumentation über die Leiden seiner Namensvettern. Ob Kevin-Prince Boateng, Kevin Costner oder Kevin Kühnert (im Uhrzeigersinn) wohl auch vorkommen?

(Foto: Getty Images; Nasa, imago(3); Collage Jessy Asmus)

Der französische Regisseur Kevin Fafournoux plant eine Dokumentation über die Leiden der Männer, die den gleichen Vornamen tragen wie er.

Von Martin Zips

Es ist ja nicht so, dass manche Vornamen nicht schon vorher irgendwie auffällig gewesen wären. Der Name Helga etwa wurde nach Oswalt Kolles Sex-Aufklärungsfilmen in Deutschland zum echten Problem, auch Detlev wurde bereits Ende der 1960er-Jahre zunächst durch ein Hörspiel über eine Travestiebar und dann durch einen Sänger gleichen Namens ("So schwul kann doch kein Mann sein") quasi der Garaus gemacht. Aber auch Uschis, Ronnys, Mannis und, ja, auch Martins, wurden zuletzt immer wieder aufs Übelste veralbert. Man spricht ja viel über Diskriminierung dieser Tage, das große Feld der Vornamensdiskriminierung aber findet in den großen Feuilletons bisher kaum Platz.

Das könnte sich nun durch einen Dokumentarfilm ändern, den der 35-jährige Franzose Kevin Fafournoux dankenswerterweise plant. Fafournoux, der natürlich unter seinem Vornamen leidet, hat festgestellt, dass der ausgrenzende Kevinismus langsam tatsächlich zum Problem wird. Sein Filmprojekt "Rettet die Kevins" hat auf einer Crowdfunding-Plattform in kurzer Zeit mehr als das Doppelte der von ihm ursprünglich erhofften 8000 Euro eingebracht. Bei Fafournoux, neben Filmemacher ist er auch Graphikdesigner, sollen sich nun schon Hunderte Kevins gemeldet haben - bereit, ihre traurigen Alltagsgeschichten zu erzählen.

Zwei Kevins im französischen Unterhaus

Schlechtere Schulnoten, geringere Aussichten bei einer Bewerbung oder einem Date - tatsächlich scheint der Vorname stigmatisiert zu sein wie kaum ein anderer. So fand zum Beispiel das linke französische Wochenblatt L'Obs kürzlich sogar den Umstand berichtenswert, dass es zwei Kevins unter die 577 Abgeordneten der Nationalversammlung geschafft haben - beide aus der Partei Marine Le Pens. Da fragte sich der Leser gleich: Sind alle anderen Kevins vielleicht auch rechtsextrem? Éric Zemmour, noch rechter als rechts, nannte den Namen wiederum ein "Symptom für die De-Französisierung und Amerikanisierung" seines Landes.

Bei Kevin Fafournoux hat aber nicht die Politik, sondern die Reaktion einer ganz normalen Hochzeitsgesellschaft das Fass zum Überlaufen gebracht, so berichtete es der Filmemacher jetzt dem Guardian. Als ein Bürgermeister bei der Vermählung seines Bekannten dessen zweiten Vornamen (Kevin) erwähnte, habe im Standesamt der ganze Saal losgeprustet. So kann es nicht weitergehen, befand Fafournoux, und rief zu Spenden für sein Filmprojekt auf. Das war am 3. Juni. Kevins Namenstag.

Mit seinem Projekt möchte Fafournoux nun, so erklärte er, zum Nachdenken darüber anregen "wie man Stereotype dekonstruieren und allen Kevins wieder eine Stimme geben kann". Man möchte ihm viel Glück dabei wünschen, das wird nicht leicht. Dabei ist die Motivation für die Vergabe des (zwischen 1957 und 1979 in den USA und zwischen 1989 und 1994 auch in Mitteleuropa stark boomenden) Fünf-Buchstaben-Vornamens keineswegs immer eindeutig. Der keltische Begriff, der für "schöne Geburt" steht, hat von James Joyce bis zu den Power Rangers schon viele Zuschreibungen erfahren. Erfolgreiche Sportler wie Kevin Keegan oder Kevin-Prince Boateng dienten Eltern hier ebenso als Vorbilder wie der Schauspieler Kevin Costner oder der Filmcharakter "Kevin - Allein zu Haus". Doch mittlerweile gibt es in Deutschland sogar eine App, die nicht nur Kevins dabei helfen soll, es im Leben doch vielleicht irgendwie zu schaffen.

Dass nun ausgerechnet ein Kevin die Leiden seiner in Witzen und Filmen gelegentlich als dumm und proletoid verschrienen Namensvettern aufarbeiten muss, das ist freilich sehr bezeichnend. Denn den Umgang mit Diskriminierung, die intellektuelle Einordnung eines massenhaft verbreiteten Vorurteil-Mülls - all das überlässt die Gesellschaft gerne den Diskriminierten selbst: "Sagen Sie mal, wie fühlen Sie sich eigentlich, Herr Kühnert?"

Gut, wenn zumindest die dann eine ordentliche Portion Selbstironie mitbringen und sich nicht schon längst heulend in die Arme irgendwelcher Extremisten geworfen haben.

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